Kunstbuchhandel

Berliner Museumsshops: Pächter gesucht

Aus vier mach eins: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will die Museumsshops der Staatlichen Museen zu Berlin in die Hand eines Generalunternehmers legen. Das dürfte nicht nur Folgen für den Berliner Kunstbuchhandel, sondern auch für die Verlage haben. VON CRO

© Daniel Hintersteiner

Voraussichtlich im Juli soll der Vertrag unter Dach und Fach sein – wer den Zuschlag bekommt, ist offenbar noch nicht entschieden. Zu den Staatlichen Museen gehören 16 Sammlungen in 17 Häusern, Museumsshops werden in 13 Einrichtungen betrieben. 2010 hätten die Shops auf einer Gesamtfläche von 1.000 Quadratmetern rund fünf Millionen Euro Umsatz erzielt, heißt es in der öffentlichen Ausschreibung, die im Herbst 2012 online ging und von einem großen Wirtschaftsberatungsunternehmen begleitet wird.

Der neue Pächter soll nicht nur die Läden in den Museen betreiben, sondern auch einen Online-Shop aufbauen (bisher in Eigenregie der SMB), ein umfangreiches Merchandising-Programm unter der Dachmarke der Staatlichen Museen entwickeln und neue Vertriebswege für die Produkte erschließen – etwa mit Filialen in Flughäfen oder über Kaufhaus-Kooperationen.

Derzeit werden die Shops der Staatlichen Museen zu Berlin vor allem von Partnern aus dem Buchhandel betrieben, die ganz unterschiedliche Kompetenzen und Größenordnungen haben:

  • Die bundesweit aktive Buchhandlung Walther König mit Stammsitz in Köln ist im Bode-Museum, im Hamburger Bahnhof, im Museum für Fotografie und im Museum Dahlem vertreten.
  • Die Berliner Buchhandlung Wasmuth leitet sieben Shops in vier Museen (Pergamon-Museum, Neues Museum, Altes Museum, Kulturforum).
  • Ruthild Spangenberg (Hauptgeschäft: Bücherbogen, Berlin) führt Shops im Museum Berggruen und in der Neuen Nationalgalerie.
  • Den Shop in der Alten Nationalgalerie betreut die Buchhandlung Dr. Appel. Es ist das einzige Geschäft des Unternehmens. 

Auf die Frage, warum die Pachtverträge mit den bestehenden Partnern gekündigt wurden, antwortet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf Anfrage von boersenblatt.net: "Die Notwendigkeit, weitere Einnahmen für die Programmarbeit zu erzielen, hat das Thema Merchandising bei den Staatlichen Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz in den Fokus gerückt". Das Potenzial der Museumsshops und des Merchandisings im Allgemeinen sei "bisher nicht ausgeschöpft" worden. "Vergleiche mit anderen Museen lassen eine Vervielfachung des Umsatzes möglich erscheinen. Um effektiv und wirtschaftlich ein solches Ziel zu erreichen, scheint es notwendig, dass das gesamte Geschäft für einen definierten Zeitraum an einen Pächter vergeben wird."

Durch Forderungen des Vergaberechts hätte der Betrieb der Shops ohnehin nach und nach neu ausgeschrieben werden müssen, heißt es in der Stellungnahme. Bei der geplanten Neuordnung, so die Hoffnung der Stiftung, könnten Synergien genutzt werden und damit ein insgesamt wirtschaftlicher Betrieb ermöglicht werden, "zum Beispiel durch die Order von hohen Stückzahlen durch zentralen Einkauf". Der Betrieb aus einer Hand bedeute zudem einen höheren Wiedererkennungswert der einzelnen Shops.

Was die Stiftung als "Wiedererkennungswert" bezeichnet, würde Sabine Appel vermutlich eher mit dem Begriff "Uniformität" beschreiben. Die Buchhändlerin verliert mit dem Shop in der Alten Nationalgalerie (ca. 50 Quadratmeter) ihr einziges Geschäft und ist von der Entscheidung der Stiftung "außerordentlich betroffen". Die Laufzeit des Pachtvertrags sei immer kürzer geworden, dann hätten sich die Gerüchte um eine Neustrukturierung verdichtet – bis sie selbst schließlich das Gespräch mit der Stiftung gesucht habe: "Ich ahnte schon, was auf uns zukommt", so Appel.

Für sie persönlich ist es der "endgültige Abschied" vom Buchhandel. Und der Beginn einer neuen Einheitspolitik der Berliner Museen, "obwohl doch gerade beim unterschiedlichen Themenzuschnitt der einzelnen Häuser Individualität gefragt wäre". So liefert ihr Museumsshop, passend zum Schwerpunkt der Alten Nationalgalerie, nicht nur Kunstbände zum 19. Jahrhundert, sondern auch philosophische oder belletristische Titel. "Den Museen und den Besuchern", so Sabine Appels Befürchtung, "wird die Fachbuchhandlung verloren gehen, die das Thema des Hauses in allen inhaltlichen Bereichen vertieft".

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz betont, dass "zu einem runden Warenangebot neben Merchandisingprodukten auch ein qualifiziertes Fachbuchangebot" gehöre. In der Branche kursieren allerdings Zahlen, die ein etwas anderes Bild von der Neuordnung zeichnen: Die Buchquote der Shops, so heißt es, solle auf etwa ein Drittel des bisherigen Umfangs festgeschrieben werden. Damit würde das Konzept nicht nur Folgen für die Berliner Kunstbuchhändler, sondern auch für die Verlage haben – zumal sie künftig wohl nur noch mit einem einzigen Einkaufspartner verhandeln werden.

Tenor der befragten, betroffenen Buchhändler: Sie wissen, dass die Zeiten auch für Museen schwierig sind, dass die Häuser unter Professionalisierungsdruck stehen und neue Geldquellen erschließen müssen. Dennoch: "Die Berliner Museumslandschaft ist ebenso reichhaltig wie heterogen", so Ernst Wasmuth, der nicht nur Buchhändler, sondern auch Verleger ist. "Ein Generalunternehmer muss also in der Lage sein, sowohl das Pergamon-Museum wie das Museum Berggruen, die Gemäldegalerie wie die ethnographischen Sammlungen in Dahlem kompetent zu bespielen. Bereits diese Anforderung ist von einem einzelnen Betreiber nur schwer zu erfüllen." Ob mehr Merchandising künftig mehr Geld in die Kassen der Museen spülen werde, sei fraglich, so Wasmuth: "Für den Bildungsauftrag der Museen wären Bücher jedenfalls die bessere Wahl."

Mit der Ausstattung der Shops, dem Aufbau der Online-Plattform und des Merchandising-Programms muss der potenzielle Partner zudem kräftig in Vorleistung treten. Durch das Leistungsspektrum und dem laut Ausschreibung geforderten aktuellen Firmenumsatz (mindestens zwei Millionen Euro netto in den vergangenen drei Geschäftsjahren) ist der Kreis der denkbaren (Buchhandels-)Pächter deutlich eingeschränkt: Wasmuth, König, vielleicht noch das Unternehmen Cedon, das neben Museums- auch Flughafenshops betreibt und eigene Merchandising-Produkte entwickelt -  die Bewerber dürften bei der Stiftung nicht gerade Schlange stehen.

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1 Kommentar/e

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  • schreiberling

    schreiberling

    Die Verblödung greift um sich: Da wird ohne Not eine bestehende und offensichtlich funktionierende Struktur zerschlagen und das Ganze kommunikativ garniert mit den üblichen Floskeln -- Synergie-Effekte, Effizienzsteigerung, Professionalisierung usw. --, um uns glauben zu machen, diese Maßnahme sei unausweichlich, alternativlos und am Ende sogar vorteilhaft.

    Was soll gut daran sein, dass Frau Appel und andere engagierte Buchhändlerinnen einer existenzgefährdenden Situation ausgesetzt werden? Ist es nicht eher schamlos, dass man selbst in sog. Kulturinstitutionen die gezielte Subventionierung eines bereits finanziell erfolgreichen Unternehmens betreibt? Was bringt mir ein einheitlicher Look von Museumsbuchhandlungen, wenn nachher Aushilfskräfte mangels fachlicher Qualifikation und fehlendem Wissen zu einer kompetenten Beratung nicht fähig sind? Sollen am Ende Frau Appel und andere noch dankbar dafür sein, dass sie möglicherweise als Hartz-IV-Aufstockerinnen bei ihrem einstigen Mitbewerber anheuern dürfen? Dass diese sog. Effizienzprogramme nicht selten einer weiteren Prekarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft Vorschub leisten, wird hier -- wie so oft -- geflissentlich verschwiegen ...

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