Gastspiel von Tobias Gohlis über Regionalkrimis

Schlechte Vertuschung

Masse allein machtʼs nicht: Regio- und Psychokrimis deutscher Provenienz sind tendenziell sprachlos, meint Tobias Gohlis, Kritiker und Sprecher der "KrimiZeit"-Jury. Und spitzt zu: "Der Regiokrimi ist die Bad Bank der deutschen Kriminalliteratur."

Dem deutschen, also: dem deutschsprachigen Krimi geht es gut − irgendwie. Das war jedenfalls der Eindruck, der auf der Tagung "Krimis Machen 1" im April in Berlin entstand. Wirtschaftlich keine Klagen. Und intellektuell, ästhetisch, literarisch? Da hapert es in der Masse gewaltig.

Es gibt etwa 15 bis 20 Kriminalschriftsteller deutscher Sprache, die ich gern lese, deren Arbeit ich mit Spannung verfolge. Die nach meinen Maßstäben Qualität haben. Gemessen an einem Griechen, zirka sieben Skandinaviern oder fünf Italienern ist das viel. Aber ist es auch genug?

Wenn man sehr grob klassifizieren will, werden auf Deutsch zwei Gruppen von Krimis geschrieben: Regiokrimis und Psychokrimis.

Der "Regiokrimi" (inzwischen als Begriff sogar in die USA exportiert) ist ein Etikett fürs Marketing, ansonsten Etikettenschwindel. Der Regiokrimi ist die Bad Bank der deutschen Kriminalliteratur. Hier wird der Gestaltungsdrang williger Amateurschriftsteller in örtlich begrenzten Auflagen entsorgt, und dem Nachbarschaftsinteresse wird Genüge getan. Ein ernsthafter regionaler Kriminalroman müsste erstens einen Ort oder eine Gegend gefunden haben, deren Erforschung und Beschreibung sich lohnt. Er müsste es zweitens verstehen, die Verbrechen aus den lokalen Besonderheiten zu entwickeln und drittens die besondere Sprache und Gewohnheiten der Akteure fassen können. Er müsste, wie Ian Rankin das für sein Schreiben reklamiert, seinem Ort "Bedeutung" geben. Aber dann gäbe es keine Regiokrimis mehr.

Mit den Psychothrillern verhält es sich ähnlich: Von Psychologie verstehen ihre Verfasser wenig bis nichts. Absonderliche Pathologien werden zu Serienkillerfantasien aufgeblasen, bevorzugt junge weibliche Opfer in Grüften gequält − schlechte Übernahmen aus dem amerikanischen Kosmos, die mehr oder minder temporeich zwischen Monsterbeschwörung und Erniedrigungsszenarien wechseln.

Regio- und Psychokrimis deutscher Provenienz sind tendenziell sprachlos. Sie verlassen sich darauf, dass ihr Publikum die Tatort-Dramaturgie schon wiedererkennt. Beschrieben, gar erzählt werden muss da nicht mehr. Diese Schreib-Lese-Schwäche wäre ja noch erträglich. Aber das krimihafte Getue erfüllt gesellschaftlich die Funktion, die wirklichen Verbrechen mit Krimi zu überdecken. 80 Prozent der deutschen Krimiproduktion sind nicht nur schlecht geschrieben, sondern sind Vertuschung durch Ablenkung.

Der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber hat in dem Essay "Töten ist menschlich" ("Die Zeit" vom 21. Oktober 2012) die narrativen Strategien attackiert, mit denen sich die heutige Gesellschaft die lauernde Gewalt vom Leib redet: durch psychologische oder biologistische Dämonisierung der Täter zu Monstern, durch weiche Pädagogik und Erklärung des Mordens zum unlösbaren Rätsel. Kröber: "Ich vermute, dass uns deshalb alles brennend interessiert, was mit dem Töten zu tun hat: Es ist das tief in uns ruhende Wissen um die Existenz einer − momentan bloß schlummernden − Option auf Gewalt, die uns unwiderruflich zu Opfern oder Tätern werden lassen kann. Wir leben mit einer historisch belegten, gegenwärtig lediglich imaginären Bedrohung, die jäh auf uns einstürzen und sehr real werden kann." Vielleicht ist das ein Grund, warum die Masse der deutschen Krimis so schwach ist. Das Verbrechen des Holocaust schwärt weiter, als imaginäre, uneingestandene Bedrohung. Wir wollen es nicht wieder tun.

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7 Kommentar/e

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  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ne. Populäre Unterhaltung kann gelingen, gelingt manchmal, missrät auch bisweilen. Das ist Geschmackssache. Auch eine Frage der Produktionsbedingungen. Aber das in Bezug zu Auschwitz zu setzen, finde ich: gewagt.

  • Susanne Dirkwinkel

    Susanne Dirkwinkel

    Volle Zustimmung! Ich musste vor einigen Wochen eine Lesung erleiden, in der ein Regionalkrimi die Hauptrolle spielte. Der allerdings weder Regional- noch -krimi war, sondern kaum lektoriertes Amateurgeschwafel.

    Aber das Cover war hübsch und das Gesamtverzeichnis des Verlags erfüllt - auf den ersten Blick zumindest - jeden denkbaren und undenkbaren Ortswunsch.

    Dennoch: Wer's mag... denn es existiert offenbar auch für solches ein Publikum!

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    Reginalkrimis, die dem Tobi nicht gefallen - Hitlers letzte Rache? Gehts auch ne Nummer kleiner? Aber so ist das wohl, wenn man als elitärer Dampfplauderer sein Leben lang Erfolg mit Drittreichsgeschwurbel hatte. Und dann wundert sich noch jemand, dass bei soviel Verachtung für den Pöbel ("die breite Masse") dieser sich seinen Lesestoff da holt, wo er nicht von oben schief angeguckt wird?

  • Frank Janßen

    Frank Janßen

    Junge, Junge ... und da wundern wir uns, dass der Nachwuchs zu wenig liest. Ganz ehrlich ... für mich muss es nicht immer Literatur sein. Ich lese regionale Krimis und Psychothriller gerne, fühle mich gut unterhalten und wenn es gar zu derbe wird, dann lege ich das Werk wieder an die Seite.

    Senta Berger hat es in einer Diskussion mit Herrn Marcel Reich-Ranicki mal auf den Punkt gebracht. "Verschrecken Sie doch bitte nicht willige Leser durch ihren überhöhten Anspruch". Recht hat sie !

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Ich will hier gar nicht groß auf den angesprochenen Aspekt der Qualitätsfrage bei deutschstämmigen "Regiokrimis" und Psychothrillern eingehen.
    Die Ausseinandersetzung mit der zur Verurteilung der besagten Genres gewählten Beweisführung und Ausdrucksweise sei anderen überlassen.

    Ich finde die von Herrn Gohlis vorgebrachte Kritik zum grundsätzlichen Missverhältnis zwischen Quantität und Qualität dennoch gut und wichtig.
    Denn in der Tat ist es betrübend zu sehen, in welchem Maße Literaturgattungen heutzutage regelrecht "ausgepresst" werden, bis zum allerletzten irgendwie kommerziell verwertbaren Satzzeichen.

    Natürlich liegt die Antwort auf die Frage nach der literarischen Qualität oder "Wertigkeit" eines Textes immer im Auge des Betrachters. Ich will mir hier bestimmt nicht anmaßen, über gute und schlechte Literatur zu urteilen.
    Es wird mir aber wohl kaum ein Buchhändler nicht zustimmen, dass es in vielen, gerade belletristischen Stilrichtungen, beinahe unüberschaubare Berge an Novitäten gibt, die zwangsläufig keinen allzu hohen literarischen Ansprüchen gerecht werden.
    Ich sage nur: "Dan-Brown-Trittbrettfahrer"

    Und genau da entstehen Probleme, die man auch mal auf den Tisch bringen muss, was der Auto. Probleme hinsichtlich des Qualitätsmanagements in unserer Branche, die wir oft ausser Acht lassen.
    Wir diskutieren hier immer viel über Vertriebskanäle, Marketingmaßnahmen und Serviceleistungen, vergessen jedoch, dass es für Aussenstehende oftmals gar nicht so leicht ist, die ohne jeden Zweifel massig vorhandene literarisch-qualitative Essenz im Dschungel des Angebotes wahrzunehmen und freizuschaufeln.

    Die allerwenigsten Buchhändler, erst recht jedoch die Online-Verkaufsportale, sind nicht den Erschwernissen unterworfen, welche von einem solchen Überangebot an Literatur ausgelöst werden. In der Folge leiden Warenpräsentationen, Werbemaßnahmen und Beratungsbemühungen an der Aufgeblasenheit der Vielfalt, am Vakuum in der Masse, was dazu führt, dass der Kunde gegenüber unseren Erzeugnissen und Leistungen abstumpft.
    Wie bei einer eigentlich sehenswerten Sitcom, die einfach zu viele Staffeln und Wiederholungen durchlebt hat.

    Doch statt den Dschungel zu lichten, vergrößern wir ihn zusehends und bagatelisieren damit die kulturelle Klausel, die sich die Buchbranche über lange Zeiten auf ihr Heft geschrieben hatte.
    Statt den wahren Charakter des Angebotes zu pflegen, pflegen und retuschieren wir nur noch die Verkäuflichkeit der zunehmenden Chrakterlosigkeit.

    Und viele machen sich mitschuldig:
    Verleger, die mehr auf ihre Buchhalter als auf ihre Lektoren hören; Grossisten, die nur noch vom Schreibtisch aus anhand von betriebswirtschaftlichen Kennzahlen operieren und Buchhändler, die sich durch regalfertige Einkaufspakete und Filialisierungsprozesse ihrer literarischen Kompetenz berauben.

    Jetzt werden bestimmt einige sagen: "Aber der Markt verlangt doch genau danach". Recht haben sie. Doch nur, weil wir den Markt in diese Richtung gelenkt haben. Höher, schneller, weiter.

    Über das weitere Pro und Kontra dieser Entwicklung, welche im übrigen völlig konträr zur gegenwärtigen Dynamik des allgemeinen Branchenumsatzes verläuft, kann man ganz sicher redlich diskutieren.
    Nichts anderes würde ich mir and dieser Stelle einmal wünschen!



  • Heinzi

    Heinzi

    Lieber Branchenkenner,
    irgendwie ist Ihnen da im Mittelteil etwas "entgleist", da fehlt irgendetwas und ich kann nicht ahnen was:
    Irgendwas mit Auto oder Autor oder so..
    "Und genau da entstehen Probleme, die man auch mal auf den Tisch bringen muss, was der Auto. Probleme hinsichtlich des Qualitätsmanagements in unserer Branche, die wir oft ausser Acht lassen. .."

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    @ 6. Heinzi: Danke für den Hinweis!

    [...] Und genau da entstehen Probleme, die man auch mal auf den Tisch bringen muss, was der Autor mit seiner hier vorgebrachten Kritik im Grunde auch tut. [...]

    • ...

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