Interview mit Jürgen Hogrefe zum Open-Access-Zweitveröffentlichungsrecht

"Eine Fehlkonstruktion"

In Berlin entscheidet der Bundestag heute in zweiter und dritter Lesung über die Novelle zum Urheberrecht. Während die Regelung zum Umgang mit verwaisten und vergriffenen Werken unstreitig ist, scheiden sich am geplanten Open-Access-Zweitveröffentlichungsrecht die Geister. Die Verlage befürchten, dass die Regelung Schaden anrichten könnte. Boersenblatt.net hat mit dem Verleger Jürgen Hogrefe (Hogrefe Verlag), dem Vorsitzenden des Urheber- und Verlagsrechtsausschusses des Börsenvereins, gesprochen. VON INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Jürgen Hogrefe © Swen Pförtner

Der Bundestag wird heute die Einführung eines Open-Access-Zweitveröffentlichungsrechts verabschieden – und zwar auf der Grundlage des unverändert übernommenen Regierungsentwurfs, der die Zweitveröffentlichung auf die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung begrenzt. Ist das nicht ein Teilerfolg für die Verlage?
Entscheidender als die Frage nach einem Verhandlungserfolg ist die nach dem Sinn des Zweitveröffentlichtungsrechts. Von Seiten des Börsenvereins haben wir dieses Instrument von vornherein abgelehnt, weil es eine Fehlkonstruktion ist. Von Zweitveröffentlichungs-"Recht" zu sprechen ist ohnehin ein Euphemismus, denn im Kern geht es um eine Bevormundung von Wissenschaftsautoren. Auch in rechtssystematischer Hinsicht ist das jetzt favorisierte Modell des "grünen" Open Access problematisch: Wenn es sich beim Zweitveröffentlichungsrecht tatsächlich um ein Urheberrecht handeln würde, müsste es allen Autoren zustehen und nicht nur "öffentlich geförderten".

Geht es bei der Novelle überhaupt um das Recht des Autors, individuell darüber zu verfügen, wo seine Artikel erscheinen?
Eben nicht: Leitgedanke des Zweitveröffentlichungsrechts ist nicht die individuelle Verfügungsgewalt des Autors, sondern die kollektive Verwertung individueller Rechte mit dem Ziel, Forschungsergebnisse in Repositorien öffentlich zugänglich zu machen.

Wirkt sich dies nicht nachteilig auf die Publikationslandschaft aus?
Es richtet sogar mittelbar Schaden an. Denn wenn nach Ablauf einer Embargofrist von zwölf Monaten wissenschaftliche Artikel im Open Access verbreitet werden, dann gehen in den Bibliotheken die Nutzungen der Verlagsversionen zurück. Für Bibliotheken ist aber die Nutzungsstatistik eines der entscheidenden Kriterien, wenn es um die Fortführung von Zeitschriften-Abonnements geht. Meine Befürchtung ist, dass es zu Abbestellungen kommen könnte, und es deutsche Verlage immer schwerer hätten, ihre Zeitschriften auch international zu etablieren.

Führt dies nicht dazu, dass das Zeitschriftenangebot langfristig ausgedünnt wird und die Intention von Regierung und Forschungsallianz, Wissen zu verbreiten, konterkariert wird?
So ist es: Ohne Erstveröffentlichung in einem Verlag kann es keine Zweitveröffentlichung geben. Deshalb ist das jetzt beschlossene Zweitveröffentlichungsrecht der falsche Weg. Dabei gibt es funktionierende Modell: etwa den von den Verlagen geforderten „golden“ Open Access, bei dem das Werk sofort im Open Access erscheint – vorausgesetzt, dass die Finanzierung durch die Fördereinrichtung gewährleistet wird.

Im Entschließungsantrag der Koalitionsfraktionen zur Beratung des Gesetzentwurfs wird der goldene Weg zum Open Access ausdrücklich hervorgehoben. Stimmt Sie dies optimistisch?
Das ist leider der einzige Punkt, der mich hoffnungsfroh stimmt. Im Übrigen besteht der Entschließungsantrag fast ausschließlich aus ideologischem Ballast und enthält eine Reihe von Vorschlägen, die auf eine Gängelung der Wissenschaftler hinausläuft. Das ist doch das große Problem: Die Diskussion wird nicht auf der Sachebene geführt, sondern ist ideologiegetrieben. So enthält der Antrag beispielsweise den Vorschlag "Anreize für Open-Access-Publikationen zu schaffen, indem dies bei wissenschaftlichen Begutachtungen und Berufungsverfahren honoriert wird".  Ich finde das unglaublich. Bislang zählte in solchen Zusammenhängen nur die wissenschaftliche Qualität.

Wenn man sich die im Bundestag vertretenen Parteien anschaut, dann scheint es keine politische Kraft zu geben, die die Bedenken der Verlage ernstnimmt und sich für die wirklichen Bedürfnisse der Wissenschaftsautoren einsetzt.  Woran liegt das?
Es wäre falsch, bösen Willen zu unterstellen. Aber den meisten Volksvertretern scheint das Verständnis für die Komplexität dessen zu fehlen, was Verlage tun: Sie tragen wesentlich zur Entwicklung und zum Erhalt einer Wissenschafts- und Wissensvermittlungs-Infrastruktur in der Gesellschaft bei. Und ich frage mich manchmal, weshalb die Wissenschaftsorganisationen sich anmaßen, besser beurteilen zu wollen, wie mit Publikationen umgegangen werden soll. Am Ende sollte die Überlegung aller Beteiligten stehen, wie man zu nachhaltigen Publikationsmodellen – für die es in vielen Verlagen Vorbilder gibt – kommen kann.

 

 

 

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14 Kommentar/e

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  • franz wanner

    franz wanner

    Ganz nebenbei ist das eigentliche dilemma benannt.
    Es gibt kein Zweitveröffentlichungsrecht ohne Erstveröffentlichung, egal ob für geförderte oder ungeförderte Urheber. Einerseits stellt sich natürlich dann die Frage, ob ohne Erstveröffentlichung womöglich schon ein "Recht auf Urheberschafft" überhaupt existiert oder Urheberschaft an eine Erstveröffentlichung existentiell geknüpft ist und andererseits, ob sich nicht absehbar der ganze Verwertungsprozess und Finanzierungsprozess wandeln wird, wenn praktisch nur in der alleinigen Erstveröffentlichung eine refinanzierende oder entgeltliche Verwertung als gesichert gelten kann. Öffentliche Förderung wurde gleichsam nicht als Förderung sondern als Nötigung daherkommen, zumal wenn Förderung an ein Bedingungsgefüge zur Erstveröffentlichung geknüpft wird. Womöglich ist dann Förderung nur noch schmeichelnder Name für Enteignung.
    Jedenfalls werden die Eckfahnen des Finanzierungsspielfelds völlig neu gesetzt.

  • Deutscher Steuerzahler

    Deutscher Steuerzahler

    Wenn meine Steuergelder in Forschungsprojekten verbrannt werden, will ich die Ergebnisse zu sehen bekommen. Ohne ein zweites mal zu bezahlen!

  • paperthin

    paperthin

    @Deutscher Steuerzahler

    Wie wäre es, wenn Sie sich lieber in Ihren kleinbürgerlichen Muff zurückzögen, als hier in diesem Forum immer nur unqualifizierte Beiträge abzuliefern. Sparen Sie sich dies doch und kaufen Sie sich eine Datsche von der letzten Steuerrückzahlung.

  • Deutscher Steuerzahler

    Deutscher Steuerzahler

    Beleidigen können Sie gut, sonst auch noch etwas?

  • Verleger

    Verleger

    @ "deutscher Steuerzahler"
    Beleidigend sind Sie ja wohl, indem Sie einfach behaupten, "Ihr" Geld würde in Forschungsprojekten "verbrannt". Wer so spricht, offenbart, wes Geistes Kind er ist. Wissenschaftler sollten am besten unentgeltlich und ehrenamtlich forschen und Verleger sind sowieso Angehörige der "Content-Mafia" - so denken Sie doch, stimmt's?

  • Deutscher Steuerzahler

    Deutscher Steuerzahler

    Interpretieren können Sie gut, denken Sie zumindest.

    Wenn die Öffentlichkeit die Forschung Finanziert, hat sie ein Recht auf Ergebnisse. Zum Finanzieren gehört auch die Bezahlung der Forscher. Der Verlag kann später gerne die Ergebnisse vom Steuerzahler kaufen und in aufbereiteter Form wiederveröffentlichen.

  • paperthin

    paperthin

    @Deutscher Steuerzahler

    Ihnen ist nicht klar, was Verlage eigentlich leisten: Verlage sind es, die die Öffentlichkeit erzeugen, die ein Text braucht, um ihn wahrzunehmen. Ich kann Sie nur auf folgende Seite des Börsenvereins verweisen, vielleicht bringt das ja ein wenig Licht in die Dunkelkammer Ihres Hirns: http://www.boersenverein.de/de/portal/Was_Verlage_ leisten/228163
    Zudem möchte ich Sie auf bestimmte Grundlagentexte des Literaturbetriebs hinweisen, z.B. »Wirtschaftsunternehmen Verlag« (Bramann) oder Wulf D. von Lucius: »Verlagswirtschaft« (utb). Außerdem würde ich Ihnen empfehlen, sich mit den Strukturen unserer wissenschaftlichen Institutionen außeinanderzusetzen und zwar dahingehend, dass bei Ihnen das Bewußtsein dafür entstehen möge, dass diese Institutionen zwar von Ihren und meinen Steuern finanziert werden, jedoch unabhängig sind und damit die multipolare Forschungsvielfalt ermöglichen, durch die unsere Diskurse entstehen.
    Bitte studieren Sie diese Texte eingehend und dann können wir wieder miteinander diskutieren.

  • Thomas C. Cubasch

    Thomas C. Cubasch

    @Deutscher Steuerzahler

    Sollten Sie, verehrter Steuerzahler, ein Auto besitzen, so zahlen Sie aus diesem Grund neben der Versicherung auch eine Kraftfahrzeugsteuer. Gesetzt den Fall, Sie wagten sich auf eine Straße, die mautpflichtig ist, finden Sie dann auch, dass Ihr Geld "verbrannt" worden ist?

  • Deutscher Steuerzahler

    Deutscher Steuerzahler

    paperthin: Lesen Sie bitte noch einmal genau was ich geschrieben habe und denken Sie ganz genau darüber nach ob ihr Beitrag Sinn ergibt.

  • paperthin

    paperthin

    @Deutscher Steuerzahler

    Sie scheinen nicht zu verstehen, dass Verlage Öffentlichkeit herstellen. Hierfür benötigen Sie in Bezug auf das wissenschaftliche Feld Unterstützung vonseiten der wissenschaftlichen Institutionen wie der DFG oder der VG Wort oder anderen. Die Akquise dieser Unterstützung ist nichts Verwerfliches, sondern eine völlig übliche Situation. Die Verlage wären gar nicht in der Lage, Ergebnisse »vom Steuerzahler einzukaufen«, wie Sie es sich vorstellen. Welche Behörde sollte das sein? Nein: Die Verlage/ die Autorinnen und Autoren müssen für die Realisierung der Projekte um Hilfe bitten. Und dabei wird kein Steuergeld verbrannt, sondern im Fall der VG Wort das Geld eines durch Soldiargebühren entstandenen Topfes (z. B. der Kopiercent) eingesetzt. Über die Vergabe der Gelder entscheiden unabhängige Gremien.
    Im Übrigen: Wenn Sie ins Theater gehen, dann liegen 200 Euro auf jedem Stuhl, um die Aufführung zu ermöglichen und um Ihnen einen passablen Eintrittspreis zu garantieren. Das Theater stellt den Ort des Ereignisses. Ähnlich kann man es mit den Verlagen sehen. Ohne die passenden Orte, kann das Ereignis nicht stattfinden.

  • D Kall

    D Kall

    zu "wenn nach Ablauf einer Embargofrist von zwölf Monaten wissenschaftliche Artikel im Open Access verbreitet werden, dann gehen in den Bibliotheken die Nutzungen der Verlagsversionen zurück.":
    Das ist völlig unplausibel! Denn die Zweitveröffentlichung darf doch nur in der nicht zitierfähigen Manuskriptversion erfolgen! Warum sollten Bibliotheksnutzer also in den ersten 12 Monaten die lizenzierte Verlagsversion aufrufen und danach, wenn die Autorenversion im Repositorium ist, dann plötzlich nur noch diese nicht zitierfähige Version?????

  • Christian Sprang

    Christian Sprang

    @ D Kall:

    Das ist deshalb nicht unplausibel, weil nach Studien nur jeder 10. Artikel, den Wissenschaftler im Rahmen von Forschungen konsultieren, nachher von ihnen auch zitiert wird. Bei 9 von 10 Artikeln würde es also durchaus genügen, auf die akzeptierte Manuskriptversion zuzugreifen, auch wenn diese nicht zitierfähig ist. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass die lizenzierte Verlagsversion Zugriffe verliert, wenn eine inferiore Open Access-Version mit ihr konkurriert - und das belegen auch bibliometrische Forschungen in verschiedenen Wissenschaftsgebieten.

    @ Deutscher Steuerzahler:
    Der Konflikt um Ihre Forderung muss nicht unlösbar sein. Es ist nämlich tatsächlich ein berechtigtes Anliegen, dem Steuerbürger zu jeder mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschung einen allgemeinverständlichen kurzen Forschungsbericht sowie auch eine transparente Kostenübersicht zugänglich zu machen. Die Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften richten sich hingegen an ein Fachpublikum und sind in vielen Wissenschaftsgebieten für den Laien nutzlos. Selbst der akzeptierten Manuskriptversion solcher Fachzeitschriftenartikeln sind vielfach signifikante Investitionen von Verlagen in Selektion, Validierung und Veredelung vorausgegangen. Diese Investitionen werden durch das Einstellen des Artikels in ein Repositorium auch für Nutzer zugänglich, die sich nicht an ihrer Finanzierung beteiligt haben. Freier Zugang des Steuerzahlers auf die öffentlich finanzierte Forschung und Schutz der Investitionen von Verlagen in wissenschaftliche Fachzeitschriften würden sich nicht ausschließen, wenn statt des Artikels ein Forschungsbericht im Internet veröffentlicht würde.

  • Bernhard Mittermaier

    Bernhard Mittermaier

    @Christian Sprang
    Es geht doch um Wissenschaftler, deren Einrichtung die betreffende Zeitschrift lizenziert hat, oder? (Bei anderen kann die Nutzung der Verlagsversion ja per se nicht zurückgehen). Warum sollte so ein Wissenschaftler auf die Fassung in einem Repositorium zurückgreifen, wenn doch -im Gegensatz zum Repositorium- die Fassung auf dem Verlagsserver in bibliographischen Datenbanken verlinkt ist? Indexierung und Verlinkung (CrossRef) zählen ja gerade zu den Verlagsleistungen, auf die Sie unermüdlich hinweisen.
    Können Sie mir sagen, auf welche "bibliometrische Forschungen in verschiedenen Wissenschaftsgebieten" Sie sich beziehen (gerne auch per Email). Vielen Dank.

  • Christian Sprang, Justiziar Börsenverein

    Christian Sprang, Justiziar Börsenverein

    @Bernhard Mittermaier
    Bitte schauen Sie sich doch z.B. einmal den Forschungsbericht von Phil Davis et al. in der Zeitschrift "The FASEB Journal" mit dem Titel "Public accessibility of biomedical articles from PubMed Central reduces journal readership - retrospective cohort analysis" an. Dieser beschäftigt sich mit 14 biomedizinischen Fachzeitschriften, die von wissenschaftlichen Fachgesellschaften herausgegeben werden. Untersucht wurde, wie sich die "grüne" Open Access-Verfügbarkeit der Artikel nach einer Embargofrist von 12 Monaten (auf dem PubMed Central-Repositorium) bei diesen Zeitschriften auf die Downloads vom Verlagsserver ausgewirkt hat. Dabei geht es zwar nicht nur, aber wesentlich auch um den Rückgang der Zugriffe durch Wissenschaftler der subskribierenden Institutionen.

    Die Ergebnisse werden von den Autoren im frei zugänglichen Abstract wie folgt zusammengefasst (aber es lohnt auf jeden Fall, diese und vergleichbare Studien im Detail anzusehen!):

    Does PubMed Central - a government-run digital archive of biomedical articles - compete with scientific society journals? A longitudinal, retrospective cohort analysis of 13,223 articles (5999 treatment, 7224 control) published in 14 society-run biomedical research journals in nutrition, experimental biology, physiology, and radiology between February 2008 and January 2011 reveals a 21.4% reduction in full-text hypertext markup language (HTML) article downloads and a 13.8% reduction in portable document format (PDF) article downloads from the journals' websites when U.S. National Institutes of Health-sponsored articles (treatment) become freely available from the PubMed Central repository. In addition, the effect of PubMed Central on reducing PDF article downloads is increasing over time, growing at a rate of 1.6% per year. There was no longitudinal effect for full-text HTML downloads. While PubMed Central may be providing complementary access to readers traditionally underserved by scientific journals, the loss of article readership from the journal website may weaken the ability of the journal to build communities of interest around research papers, impede the communication of news and events to scientific society members and journal readers, and reduce the perceived value of the journal to institutional subscribers.

    Herzliche Grüße

    Christian Sprang

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