Wo ich E-Book-Reader ablehne

Er macht sich einen Ferienspaß daraus, zu beobachten, was andere Hotelgäste lesen. Doch in Zeiten digitaler Lesegeräte wird das immer schwieriger, meint Rainer Moritz. "Zumindest in allen über 1.000 Meter gelegenen Berggasthöfen sollten E-Reader verboten werden", so der Leiter des Literaturhauses Hamburg.

Ich fahre, um mich von den immer größer werdenden Anforderungen der Buchbranche zu erholen, im Urlaub gern dorthin, wo nichts los ist. Ich will keine Museen aufsuchen, nicht bei brütender Hitze durch pittoreske Altstadtwinkel bummeln oder umgeben von Tausenden übergewichtiger Halbnackter quallenreiche Strände bevölkern.

Nein, ich will meine Ruhe und fahre deshalb seit Jahren in ein Südtiroler Berghotel auf 1.100 Meter Höhe. Dort sitze ich, wenn ich meinen Körper nicht durch Wanderungen stähle, auf der Veranda, esse Schlutzkrapfen oder Zirben­spaghetti und erfreue mich daran − da mein letzter Roman "Sophie fährt in die Berge" in sehr verwandtem Ambiente spielt −, dass die Kellnerinnen mein Weinglas voller einschenken als das derjenigen, die keine Südtiroler Bergromane schreiben.

Manchmal versuchen Hotel­gäste meine Entrückung zu stören und mir ein Gespräch aufzudrängen, das ich partout nicht führen möchte. Da ich mir im Lauf der Jahre einen Gesichtsausdruck zugelegt habe, der eindeutig anzeigt, was ich von solchen Konversationsbelästigungen halte, wagt es kaum jemand, mir ein zweites Mal ein Gespräch aufzudrängen.

Ich lerne aus Berufsgründen viele Menschen kennen; deshalb will ich in den Ferien wenig Menschen kennenlernen. Mir genügt es völlig, meine Miturlauber beim Essen oder Planschen im Pool zu beobachten − und vor allem bei ihrer Lektüre.

Das Berghotel, das ich alljährlich aufsuche, ist natürlich ein gepflegtes Anwesen, das Kulturbeflissene anzieht. Was nicht immer ein Vorteil ist, aber was es immerhin mit sich bringt, dass in diesem Haus viel gelesen wird.

Folglich platziere ich am Nachmittag oder Abend meinen Holzstuhl so, dass ich genau erkenne, welche Bücher in abgelegenen Bergetablissements diesmal gefragt sind. Und immer wieder bin ich beglückt, welche Herausforderungen alpin interessierte Leserinnen und Leser annehmen. Sie lesen Stephan Thomes "Fliehkräfte", Oliver Bottinis Krimis, Dino Buzzattis "Tatarenwüste" und sogar Péter Nadas’ "Parallelgeschichten".

Und ein soignierter, des Englischen mächtiger Herr aus Berlin beugt sich − ich erkenne den Titel, wenn ich mich unauffällig zur Seite drehe − über Alan Rusbridgers "Play it again", das, wie ich im Hotelzimmer sofort googele, von den Anstrengungen eines "Guardian"-Redakteurs, binnen eines Jahres zum Chopin-Virtuosen zu werden, handelt.

Auf diese Weise beurteile ich Menschen nach ihrer Lektüre. Diese zugegebenermaßen einseitige Betrachtung genügt mir im Urlaub völlig. Leider zeichnen sich jedoch selbst in einem alpinen Traditionshotel Entwicklungen ab, die mein Treiben gefährden. Einige Besucher − vor allem von ihren Eltern mitgeschleppte Halbwüchsige − lesen neuerdings demonstrativ in E-Book-Readern.

Wie bitte soll es mir da gelingen, die Titel des Lesestoffs in Erfahrung zu bringen? Soll ich meinen Kopf über die Schultern der Reader-Liebhaber recken, sie auffordern, zur Startseite zurückzublättern?

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werde ich gezwungen sein, mein Ferienverhalten zu ändern. Zumindest in allen über 1.000 Meter gelegenen Berggasthöfen sollten die Lesegeräte ab sofort verboten werden. An wen wende ich mich in dieser Angelegenheit? An den Südtiroler Tourismusverband? Ich selbst las dieses Jahr übrigens Terézia Moras anspruchsvollen Roman "Das Ungeheuer". Ich hoffe, alle Gäste haben das auch mitbekommen.

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2 Kommentar/e

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  • elvis

    elvis

    In einer Zeit, wo jeder Nutzer vollständig durchleuchtet wird, wo man mit Facebook und Twitter aufwächst, erachte ich es als hochtrabend entspannend lesen zu können, ohne meiner Umgebung mitteilen zu müssen, womit ich mich beschäftige. Und genau solche Voyeuristen sind es, die mich endlich wieder beim lesen entspannen lassen!

  • On the Top

    On the Top

    Viele halten die "Parallelgeschichte" in den Händen und steigern ihre soziale Reputation in Herrn Moritzens Gegenwart ohne dass sie fürchten müssen, von ihm zum Inhalt befragt zu werden. ....und jetzt findet man sich auch noch in seinem Text wieder.

    Jetzt nur noch schnell den Artikel neben die Urlausfotos geklebt, die Stelle "Parallelgeschichte" gemarkert und mit roter Schrift "Das bin ja ich!" daneben gekritzelt.

    Das ist Literaturbetrieb in gehobenem Gelände.

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