Dankesrede von Schriftsteller Andreas Steinhöfel

"Drücken Sie Ihren Controllern ein Chloroform-Läppchen vor die Nase"

Die Dankesrede, die Andreas Steinhöfel (51) nach der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein schriftstellerisches Gesamtwerk erhalten hat, bekam bereits gestern Abend von den 1300 Gästen großen Applaus. Seitdem ist sie permanentes Gesprächsthema. Für alle, die nicht dabei waren: Steinhöfel hat die Rede boersenblatt.net dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

"An anderer Stelle hab' ich einmal gesagt: 'Talent ist etwas Feines. Glück ist besser. Es sorgt dafür, dass das Talent genug zu essen auf dem Tisch hat, um sich entfalten zu können.' Auf meinem Weg als Autor hatte ich immer Glück. Über mehr als zwanzig Jahre hinweg meinten und meinen es immer noch sehr viele Menschen gut mit mir; sie alle aufzuzählen, wie ich es gern tun würde, erlaubt die knappe Redezeit nicht. Zwei Namen jedoch kann und will ich nicht unerwähnt lassen: Ursula Heckel, meine Entdeckerin und erste Lektorin, und Cornelia Berger, meine erste Pressefrau. Die beiden Damen gaben, auf wunderbare Art und Weise, vor 22 Jahren nicht nur dem Carlsen Verlag, sondern der ganzen Branche ein erstes, sich mir fest einprägendes Antlitz, und das war ein gutes, muss es gewesen sein, denn ich bin Carlsen immer treu geblieben.

Der Branche ebenfalls, aber die ist inzwischen kurzlebiger geworden. Aus den 3.500 Titeln, denen sich vor über zwanzig Jahren mein Dirk und ich hinzu gesellten, sind heute 8.000 Titel geworden beim immer noch anhaltenden Versuch einiger Verlage, sich selber zu überholen; befeuert von dem fatalen Irrtum, man könne Qualität durch Quantität ... nun, nicht unbedingt ersetzen. Aber vielleicht entsteht ja ein Streifen glänzendes Blattgold, wenn man nur lang und fest genug irgendwelche mit Glimmer bestreuten Beliebigkeiten zwischen zwei Buchdeckel presst.

Um den Preis zu erhalten, den ich heute erhalte, sehr geehrte Damen und Herren, bin ich fast Besorgnis erregend jung. Und so sehr ich mich freue, hier zwar mit Lesehilfe, aber doch noch ohne Hörgerät stehen zu dürfen, so sehr bedrückt mich die Frage, wer in fünf, in zehn oder zwanzig Jahren hier stehen mag, wenn unsere Branche nicht langsam zur Besinnung kommt. Glück heißt manchmal bloß, ausreichend Zeit zu haben. Liebe Verlage, meine Bitte: Gewähren Sie anderen Autorinnen und Autoren das Glück, sich schriftstellerisch ausprobieren und finden zu dürfen, zur Not auch über längere Durststrecken hinweg. Stecken Sie es auf, auf der abergläubischen Suche nach dem nächsten Potter und dem nächsten Twilight horrende Lizenzgebühren über den Tisch zu schieben, während an anderer Stelle Autorinnen und Autoren um halbe Tantiemenprozente für vierte Taschenbuchauflagen streiten müssen. Drücken Sie Ihren Controllern ab und zu ein Chloroform-Läppchen vor die Nase, fünf Jahre lang oder so - Sie werden sehen: Das zahlt sich langfristig aus.

Und kommen Sie mir nicht mit der Ausrede, Sie könnten nicht aus Ihren Strukturen ausbrechen. Glauben Sie mir: Was des Menschen Werk ist, kann auch von Menschen verändert werden. Alternativlosigkeit mag ein politisches, es darf aber nie ein verlegerisches Konzept sein, denn Politik ist immer nur eine Frage der Methode. Moral und Anstand hingegen sind Fragen des Prinzips.

Danke sehr - von Herzen!"

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