Die Sonntagsfrage

Was kommt nach dem E-Book, Herr Piper?

Dass dem klassischen E-Book nur bedingt die Zukunft gehört, legt ein Workshop beim E:Publish-Kongress am 6. und 7. November in Berlin nahe: Was kommt nach dem E-Book? Diese Frage stellt Literaturagent Ernst Piper bei der Tagung. Für uns kreist der Gründer der Berliner Agentur Piper & Poppenhusen schon mal mögliche Antworten ein. VON ERNST PIPER, LITERARISCHE AGENTUR PIPER & POPPENHUSEN

Einige, vor allem amerikanische, Verlage erzielen heute schon mehr als 50 Prozent ihres Buchumsatzes mit E-Books. Aber auch von deutschen Verlagen hört man, dass der elektronische Umsatzanteil sich inzwischen im deutlich zweistelligen Prozentbereich bewegt. Ein neuer Markt etabliert sich, der rasant wächst, über den wir aber dennoch noch nicht so sehr viel wissen.

Die Emanzipation des Geschriebenen vom Trägermedium Papier ist ein irreversibler Prozess; soviel ist sicher. Aber was kommt dann? Bisher produzieren die großen Publikumsverlage in erster Linie Digitalisate ihrer Printprodukte. Neue Verlage wie dotbooks liefern originale E-Books, aber zumeist im konventionellen Format. Dabei wird die Entwicklung aber ganz gewiss nicht stehen bleiben. Der Verlag wird nicht nur seine Rolle als Händler mit bedruckten Papier aufgeben müssen und zum Anbieter von Inhalten (Content Provider) werden. Der Verlag der Zukunft wird, wenn er bei der Literaturproduktion weiterhin eine wichtige Rolle spielen will, auch zum Organisator interaktiver Prozesse zwischen Autoren und Künstlern und ihrem Publikum werden.

In der Kommunikationswissenschaft spricht man heute vom Prozessjournalismus (Liquid Journalism), aber es gibt genauso auch Prozessliteratur. Wenn Gerhard Polt seine Texte auf der Bühne vorträgt, lauten sie jeden Abend anders, je nach Umständen und Publikum, nur in Papierform waren sie bisher immer gleich. Künftig wird es möglich sein, den kreativen Prozess des Autors auch in Buchform mitzuverfolgen.

Das Prinzip Buch, wie es charakteristisch für die bürgerliche Gesellschaft war, wird sich auflösen. Fokussierung (des Autors auf sein Thema, des Lesers auf die Lektüre), Textlichkeit (in Abgrenzung zu anderen Kunstformen wie Film oder Kunst), Abgeschlossenheit (das Buch als geronnenes Produkt eines kreativen Prozesses) und Linearität (des Erzählens, des Rezipierens) werden nicht länger, jedenfalls nicht ausschließlich, die Produktion von Worturhebern definieren. Es wird sehr lange und ganz kurze Bücher geben, Bücher, die ihre Gestalt immer wieder verändern, Bücher, in denen Leser diskutieren, so wie das heute schon bei Wikipedia der Fall ist, einer Enzyklopädie, die längst alle anderen Nachschlagewerke hinter sich gelassen hat.

Es gibt Raum für Formen des Erzählens, die es in der Vergangenheit schwer hatten. Die Digitalisierung hat bereits eine ganze Reihe sehr erfolgreicher Magazine hervorgebracht wie z.B. Byliner, Atavist, The Magazine. In ganz neuen Formaten veröffentlichen sie Texte, die für Papierbücher zu kurz und für Papierzeitschriften wiederum zu lang sind. Es wird mit der Grafik experimentiert, mit der Einbindung von Materialen wie Bildern, Videosequenzen und natürlich mit der Interaktivität zwischen Autoren und Lesern. Auf der Selfpublishing-Plattform wattpad.com werden jeden Monat etwa 2,5 Millionen neue Geschichten hochgeladen. Die Plattform hat monatlich über 20 Millionen Besucher.

Was bringt die Zukunft? Nach dem E-Book ist vor dem E-Book. Wir sollten uns klar machen, dass es um sehr viel mehr geht als nur um die Substitution von Umsätzen mit Printprodukten durch Umsätze mit elektronischer Ware. Die Digitalisierung eröffnet uns unendlich viele neue Möglichkeiten. Sie revolutioniert nicht nur den Handel (Bedeutungsverlust des stationären Handels), das Verlagswesen (ein ganz neues Verständnis des Dienstleistungsangebots der Verlage) und die Beziehung zwischen Autor und Leser (Interaktivität statt linearer Rezeption). Sie revolutioniert auch die Produktionsbedingungen der Urheber und wird ihre Produkte langfristig vollkommen verändern.

Diesen Prozess so zu organisieren, dass das Ergebnis den Markteilnehmern, Urhebern wie Verwertern, auch in Zukunft wirtschaftlichen Erfolg verspricht, ist eine spannende Herausforderung.

Schlagworte:

3 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Lorenz Borsche

    Lorenz Borsche

    Zum Glück ist nicht alles, was möglich, auch sinnvoll. Noch weniger dann erfolgreich. Sind 8 Leser ein Erfolg? Natürlich nicht. 2,5 Mio hochgeladene Geschichten? Logorrhoe lässt grüssen. Qualität muss da nicht befürchtet werden. Genau das wird die Verlage retten: die Verzweiflung der Leser, sich in dem undurchdringlichen Dschungel der 5 Millionen 'selfpublished' Amateur-Manuskripte und 'gekaufter' Rezensionen und 5-*-Bewertungen nicht mehr zurecht finden zu können.

    Dass ein Literaturagent allerdings den (natürlich unmassgeblichen) Unterschied zwischen Random Access Informationszugriff (Lexikon) und sequentiellem Lesen (Roman etc) völlig ignoriert, ist schon sehr lustig, dass er aber das Theorem unseres Hauptgeschäftsführers so gar nicht verstanden hat, allerdings äusserst bedenklich. Ach taumelnde Branche, wie liebe ick Dir;-)

    LG LB

  • franz wanner

    franz wanner

    Ja, das wird es alles geben. Mag sein. Und wieder vergessen sein.
    Orientieren lässt sich das Leben nur am Unvergesslichen. Dies ist eine der tragenden Balken von Kunst und Literatur, Ritual, Schwank, Märchen, Roman, Zauberspruch. Selbst die Trivialität basiert darauf.

    Wer das aber aufgibt, mag ja reich werden, bleibt aber Garnierung. Der Schwarm erlebt ohne Erlebnis, denn das Erlebnis ist die verständige Reflexion des Erlebens.

  • Margarete Naefe, Adalbert-Stifter-Str. 7, 94234 Viechtach

    Margarete Naefe, Adalbert-Stifter-Str. 7, 94234 Viechtach

    Das Buch wird nie untergehen. Haptik, Duft, und alles, was ein gedrucktes Buch ausmacht kann man nicht einfach 'herschenken'. Das E-Book (bei mir ist es kindle with) hat für mich aber auch seine Reize: Gewicht, das alternde Arme entlastet - platzsparend (in Warteräumen, Wohnmobil, Krankenbett), Lesen ohne zusätzliche Beleuchtung. Darum wird es für mich immer beide Formen geben. Leider funktioniert z.Zt. mein e-mail nicht.

    • ...

      Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • ...
      Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld

    nach oben