Debatte um E-Books und Papierbücher

„Das E-Book nimmt alle Fortschritte zurück“

Hersteller Friedrich Forssmans Hasstirade auf E-Books im neuen Suhrkamp-Blog hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Forssman attestiert dem E-Book nichts als Schwächen – „außerhalb von Berliner Hipsterkreisen“ spricht er den digitalen Büchern gar jede Daseinsberechtigung ab. Doch die Liebhaber jener „albernen Dateien, die gern Bücher wären, es aber niemals sein dürfen“, schlagen, alarmiert von lesen.net zurück.

Frischte die Reclam-Bändchen auf: Friedrich Forssman

Frischte die Reclam-Bändchen auf: Friedrich Forssman © Nils Kahlefendt

Friedrich Forssman ist Hersteller bei der Arno Schmidt Stiftung, nicht bei Suhrkamp, wie Johannes Haupt (Chefredakteur bei lesen.net) im Eifer des von ihm aufgenommenen Gefechts verwechselt. Forssman, merkt Haupt an, spricht durchaus an mehreren Stellen für "seinen" Suhrkamp Verlag.

E-Books, meint Forssman im Blog, seien nichts als „ein Unfug, ein Beschiß (sic!) und ein Niedergang“ – sie dürften einem nicht einmal leid tun. „Zur Ästhetik des E-Books kann ich gar nichts schreiben, denn es gibt sie nicht“, wettert Forssmann. Zitierfähige Texte, Archivierungsmöglichkeit, bewährte Geschäftsmodelle: „Diese Fortschritte, seit Jahrhunderten bestätigt und bewährt", nehme das E-Book zurück.

Argumente, warum (darum geht es eigentlich) Arno Schmidts Zettelkasten niemals als E-Book erscheinen wird, muss Forssmann nicht lange suchen. Nicht nur mit E-Book-Lesern („Berliner Hipster“), auch mit anderen Branchenteilnehmern geht Forssman hart ins Gericht: „Ich möchte nie, nie wieder auf ein Podium geladen werden – als amüsantes Buch-Fossil, als Kontrastprogramm zu den Zukunftsvisionären in Form von Google-Oligarchen, Börsenvereins-Geldverbrennern und analphabetischen Digitalhipstern mit ADHS“. Forssmann schießt scharf:

„E-Books sind praktisch? Was Sie lesen und wie Sie lesen und auf welcher Seite Sie länger lesen und wo Sie die Lektüre abbrechen und was Sie kommentieren und wie Sie kommentieren – all das kann natürlich von höherer Stelle mitgeschnitten werden. Es gibt Erfahrungsberichte, in denen Naivlinge jubeln: wenn man auf dem »Tablet« angefangen habe, irgendwas zu lesen und später auf dem Telefon weiterlese, kämen die dazu gemachten Notizen gleich aus der Cloud angehoppelt, hurra! Aber wer nicht am Cupertino-Syndrom leidet, weiß: Das ist nicht praktisch, das ist gespenstisch.“

„Diese durchaus berechtigten Kritikpunkte gehen allerdings unter in einer Flut von Beleidigungen und Vorurteilen, wie wir sie zuletzt vor dreieinhalb Jahren in einem Kommentar der Badischen Zeitung gelesen haben", entgegnet Johannes Haupt (lesen.net) in seinem Artikel, der die Debatte nun eröffnet hat.

Mehr als 40 User kommentierten alleine auf lesen.net Forsmanns Tirade, teils anerkennend, teils polemisch. Auch auf dem Suhrkamp-Blog hat sich die Debatte entsponnen, vor allem das (auch von Suhrkamp eingesetzte) DRM (digital rights management) erntet dabei Kritik von E-Book-Lesern.

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13 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • franz wanner

    franz wanner

    Das sind zwei Debatten:
    1. Die Bewertung verschiedener Produkte
    2. Die Bewertung verschiedener Käuferanforderungen

    Eine Vermischung ist nur Unsinn. Konfektion vs. Maßschneiderei

  • wilh.hüttermann

    wilh.hüttermann

    Warum beschimpft man die E-Books? Immerhin gibt es solche auch von Autoren, die bislang vergeblich einen physischen Verleger gesucht haben Leider äussern sich die Leser kaum, sodass man keine wirkliche Kritik in der Branche zu spüren bekommt und lustig weiter experimentiert.
    Von einer neuen Welle von Lesern per E-Book ist nicht viel zu spüren. Welche Titel blühen denn schon auf diesen Experimentierrasen?

  • Frank Schubert

    Frank Schubert

    Ich habe soeben den Original-Kommentar von Friedrich Forssman gelesen und muss sagen: Einen Menschen, der im Jahr 2014 die neue deutsche Rechtschreibung noch nicht beherrscht, kann und WILL ich eigentlich nicht ernst nehmen.

    Zum Thema: Ich habe einen Pocketbook-Reader, dem ich das "Nach-Hause-Telefonieren" untersagt habe, bei dem es eine lebhafte Entwickler-Community gibt, mit dem ich auf keine Cloud-Lösungen angewiesen bin und der beim beruflich bedingten Pendeln deutlich leichter in der Tasche liegt als jedes Papierbuch...

    Also, Polemik hin oder her: Ich erwarte, das sich jeder, der Kritik am elektronischen Lesen übt (und es gibt genügend ECHTE Kritikpunkte, z.B. hässliche Abtrennungen und Zeilenumbrüche), zumindest vorher ernsthaft mit dem Thema auseinander setzt. Das ist in diesem Fall offensichtlich nicht geschehen.

  • Heinz Mehrlich

    Heinz Mehrlich

    Hallo!
    In Deutschland wird gerne Technikfeindlichkeit als Ausweis intellektuellen Tiefgangs gesehen.
    E-Books sind deutlich bequemer als Papierbücher. Zuhause oder auf Reisen brauchen sie keinen Platz. Die Lesbarkeit ist für ältere und Sehbehinderte nur mit Tablets herstellbar. Erstaunlich, dass rückwärstgewandte Menschen so eine breite Bühne bekommen. Man wird in Deutschland so lange warten bis die elektronische Buchproduktion im Ausland stattfindert - das bisschen Lektorat wird dann von ischlecht bezahlten Akademikern zu Hause gemacht.
    Elektronische Bücher haben noch große Mängel, z. B. Typografische Gestaltung, Rechte der Käufer, erweiterte Funktionen die vorwiegend Lesern nutzen nicht nur den Konzernen ..

  • Willi Gro

    Willi Gro

    Also ich sehe das ähnlich. Ich habe kein E-Book und möchte auch keins haben. Ich finde es viel schöner ein Buch in der Hand zu haben und umzuschlagen - ein tolles Gefühl, dass ich nicht missen möchte. Außerdem schadet dass dem Buchhandel. Ich lieber Bücherläden. Ich finde es immer super spannend ein neues Buch zu entdecken! Ich bleibe beim "Alten" - dem Buch!

  • Georg Friedrich

    Georg Friedrich

    Zumindest hat der Herr Forssman gezeigt, dass er nicht zum alten Eisen gehört. Hat er doch Internet besser verstanden, als alle mehr oder weniger sachlichen Verfasser der Kommentare in dem Blog und Fachforen.
    Nur Hass, Überheblichkeit, Polemik- alles Eigenschaften die man eher der Internet-Mob als solchen (Möchtegern-)Intellektuellen zuschreibt.

    Die Kritik ist herrlich. eBooks sind doof, da die Branche doof ist und den Kunden hasst- DRM, Zensur, Ausspähen, Anbiedern an die Mehrheit (Leser auswerten und Werke dementsprechend umschreiben.)
    Und das steht im Blog eines Verlags- ist das eine mutige Selbstkritik? Oder gar Einsicht?

    Klar haben eBooks auch Kritikpunkte, das gebe ich als begeisterter eBook-Leser zu, aber man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen.

    (Ach und wenn ihr schon aktuelle Diskussionen aufgreift- das Hin und Her um den Adobe DRM verwirrt mich, das wäre doch einen Artikel wert?)

  • Sabine Schwietert, Redaktion

    Sabine Schwietert, Redaktion

    Hallo Herr Friedrich, das haben wir getan:
    http://www.boersenblatt.net/693639/

  • Volker Titel

    Volker Titel

    Wie hätte es Herr F. wohl vor 500 Jahren formuliert? Vielleicht so:
    Muß man eigentlich noch etwas gegen gedruckte Bücher sagen? Müssen sie einem nicht womöglich leid tun, die albernen Preßwürste, die gern Bücher wären, es aber niemals sein dürfen? Ja, das muß man, und nein, das müssen sie nicht, sie sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang.
    Vom Beginn des Geschriebenen, also seit der Antike, gibt es schöne Briefe, von Hand auf Papyrus, Pergament und Papier gebracht. Durch die neue Technik Bücher herzustellen aber hat das Geschriebene seine Seele verloren, es wird nun gepreßt, nomen est omen.
    Diese gedruckten Bücher, Götzen des Modernen, sind prächtiges Beispiel für die abstoßenden Marketing-Strategien der Gutenberg-Jünger, denen die Option massenhafter Vervielfältigung den schnöden Tanz des Mammons aufführen lässt. Nein, jetzt braucht man Bücher nicht mehr leihen, man kann sie kaufen, man muss sie kaufen.
    Gedruckte Bücher sind praktisch? Es gibt Erfahrungsberichte, in denen Naivlinge jubeln: wenn man irgendwo auf dem »Printbuch« angefangen habe, irgendwas zu lesen, dann kann man irgendwo anders ein anderes Exemplar kaufen oder in einer Bibliothek lesen, die es gekauft hat. Schöne neue Zeit, beraubt der Unmittelbarkeit von Literatur.
    Und weil gedruckte Bücher so massenhaft sind, werden sie natürlich zensiert. Wie auch immer das Dingsbums heißt, das Sie gekauft haben, es wird von Staats wegen kontrolliert. Die Grenzen des Artikels 5 dereinst, man weiß. Und weil nicht die Unmittelbarkeit eines des Schreibens kundigen (und fähigen) Skripteurs den Ausschlag gibt, entscheiden dereinst Dudenkommissionen über das Rechtschreiben, nun auch orthographisch. Und, hurra, Sie bekommen womöglich gleich neue Versionen von den Texten, vielleicht mit gerechterer Sprache oder noch neuerererer Rechtschreibung oder dort neuerdings gekürzt, wo vorher diese Länge nach dem ersten Drittel war, oder so was. Ein intellektueller, philologischer und überhaupt ein Graus.
    Das alles gilt natürlich nicht für alle gedruckten Bücher. Manche lieben, kleinen Verlage sind bestimmt ehrlich, so lange zumindest, bis sie von großen, bösen Anbietern geschluckt werden oder pleite gehen oder sich in böse kleine Anbieter verwandeln.
    Zur Ästhetik des gedruckten Buches kann ich gar nichts schreiben, denn es gibt sie nicht. »Printed«, wenn ich das schon höre. Die Form eines handgeschriebenen Buches ist wahrhaft individuell, günstigstenfalls überlegt, funktional und schön; schlimmstenfalls gleichgültig. Die Form des gedruckten Buches ist rationalisiert, frei wählbar und bestenfalls eine Zumutung.
    Und, übrigens: Ich möchte nie, nie wieder auf ein Podium geladen werden – als amüsantes Handschriften-Fossil, als Kontrastprogramm zu den Zukunftsvisionären in Form von Gutenberg-Oligarchen, späteren Random-Housers, Springers & Co., Geldverbrennern und analphabetischen Preßwürsten. Natürlich kann die Handschrift verdrängt werden, wenn die Dummheit überhandnimmt. Die Nische reicht uns nicht: Wir wollen ja nicht, daß die Handschrift gnädigerweise in in Nationalmuseem überleben darf, sondern daß alles, was wert ist, gelesen zu werden, weiterhin geschrieben wird. Und das schließt nicht nur die Hoch-, sondern auch die Flachliteratur ein und auch den Mist und alles, wovon wir froh sind, daß es das aus alten Zeiten noch gibt.
    Wir danken für Ihre Aufmerksamkeit.

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich finde Friedrich Forssmans Argumente einleuchtend. Sie sind nicht allumfassend alltagsfähig, einiges davon ist intellektueller Überbau. Aber die Digitale Bohème in ihrer immateriellen Großmäuligkeit muss sich dran gewöhnen, dass auch andere eine Meinung haben und sie zu vertreten wissen. Insofern ist Herrn Forssman uneingeschränkt zu danken.

  • Gebundene Buch

    Gebundene Buch

    Das gebundene Buch dankt Herrn Forssmann für seinen
    Einsatz, er hat ja so recht und ich hoffe, er möge lange
    noch als Gestalter für mich und meinesgleichen arbeiten.

  • Meitner

    Meitner

    Jede Datei die es nicht bis zum Buch schafft ist digitaler Müll und versucht sich nun als ebook durchzuwursteln.

  • Werner Witte

    Werner Witte

    Ein E-Book kann niemals ein richtiges Buch ersetzen; dass wäre ja geradezu so, als ob ein Klappstuhl einen Sessel ersetzen könnte.

  • michael sympson

    michael sympson

    "In Deutschland wird gerne Technikfeindlichkeit als Ausweis intellektuellen Tiefgangs gesehen."

    Exactly! Ich kann mir vorstellen daß die mittelalterlichen Kopisten vor Gutenbergs Druckerei schlange gestanden haben und Plakate hoch hielten: "Buchdruck hat kein Recht zu existieren." Daß solche Idioten immer noch die Verlags Politik bestimmen – es ist eine Schande.

    michael sympson

    • ...

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