Jakob Meiners Keynote zum Recruiting Day 2014

"Die Zukunft des Buches ist zu wichtig, um sie Arschlöchern zu überlassen"

Jakob Meiner hat eine viel beachtete Rede zur Eröffnung des Recruiting Days 2014 in München zu den Themen Digitalisierung und Branchennachwuchs gehalten. boersenblatt.net veröffentlicht seine Rede im Wortlaut.

Coole Keynote: Hey!-Publisher Jakob Meiner © kum

The times they are A-changing: Den Wandel gestalten, um die Kultur zu bewahren

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, Freunde, Bekannte, liebe Besucherinnen und Besucher des Recruiting Day 2014.

Auch von meiner Seite ein herzliches Willkommen im Literaturhaus. Es ist mir eine Ehre, eine Freude und ein großes Vergnügen, Sie heute mit einigen warmen und wohlmeinenden Worten in den Tag zu geleiten, und ich verspreche Ihnen, mich dabei so kurz wie möglich zu fassen, damit Sie pünktlich zu den Sessions diesen Saal fluchtartig verlassen können.

Eine Ehre ist es mir vor allem deswegen, weil ich heute vor einer großen Zahl motivierter, begabter und kluger Menschen stehe, um als „prominenter Redner einen herausragend präsentierten Vortrag“ (so die Wikipedia-Definition von Keynote beziehungsweise Speaker, die ich beschämenderweise erst mal googeln musste) zu halten.

Es ist für mich regelmäßig befremdlich, wenn ich vor dem Nachwuchs etwas über meine Karriere erzählen soll, denn vor meinem inneren Auge – und sicher nicht nur meinem – fühle ich mich selbst noch sehr viel mehr dem Nachwuchs in Ausbildung als dem etablierten Branchenkollegium, das längst schon alles gelernt hat, zugehörig. Dass dies weniger Ausdruck von Eitelkeit und zwanghaftem Jugendwahn ist als eine meiner Meinung nach wichtige Voraussetzung für eine Karriere in dieser sich stetig wandelnden Branche, möchte ich Ihnen später eingehender verdeutlichen. Mit meiner eigenen Karriere hingegen werde ich Sie verschonen.

Eine Freude ist es mir, weil ich nicht zuletzt an Ihrem zahlreichen Erscheinen ablesen kann, welche Bedeutung und welche Attraktivität der Buch- und Verlagsbranche nach wie vor beigemessen wird. Eine Branche, die ich als fundamental wichtig für den Fortbestand einer qualitativ hochwertigen literarischen und wissenschaftlichen Kultur erachte, einer Branche, die gleichwohl in den Augen vieler längst nicht mehr als alternativlos betrachtet wird – teilweise durchaus zu Recht, oftmals jedoch getrieben von technokratischer Hybris, absolutistischem Fortschrittsglauben und Überbetonung der reinen Marktkennzahlen. Auch dazu später mehr.

Ein Vergnügen ist es mir insbesondere deswegen, weil ich an dieser Stelle erstens ganz ungeniert einen Werbeblock für meine Firma einschieben kann, ohne dass mich jemand daran hindern würde:

„Die eBooks von hey! publishing sind spannend, günstig und frei von lästigem Kopierschutz. Ein Lesespaß für die ganze Familie – besuchen Sie uns auf Facebook!“

und zweitens, weil man, wie ich ebenfalls gelernt habe, für Keynotes keine Powerpoint-Präsentationen nutzt. Lobet und preiset ihr Völker den JOBS.

So – dass war nun der Teil, den Harry Rowohlt „die Einschleimphase“ nennt. Ein großer Lehrmeister in vielerlei Hinsicht. Es folgt: der Kern meiner Rede.

Zur Vorbereitung auf diese habe ich den medialen Nachhall, insbesondere die Kommentarspalten der einschlägigen Branchenmagazine und Publishing-Blogs noch einmal durchgelesen und bin dabei auf ein altes Stereotyp gestoßen, dass bei Diskussionen um den Branchennachwuchs immer wieder gern bemüht wird. Dieses Stereotyp hat etwas mit weltfremden, kaufmännisch und technisch unterbelichteten Geisteswissenschaftlern zu tun, die nach abgeschlossenem Studium mit einer gehörigen Portion Liebe zur Literatur versuchen, die Lektorate zu entern, bei dem Versuch jedoch kläglich scheitern, um dann als Quereinsteiger in den Social-Media-, Marketing- oder Presseabteilungen zu stranden und fortan die Bilanz des Verlages noch weiter verhageln, indem sie sich von einer Ahnungslosigkeit zur nächsten stümpern.

Überzogene Vorurteile mit einem Fünkchen Wahrheit

Ein herrliches Vorurteil, man kann also über den Nachwuchs ähnlich gut vom Leder ziehen, wie über die Buchhändler, die mit dem Kopf im Buch und dem Arsch zu den Kunden nichts anderes auf ihrer Tagesordnung stehen haben, als innovative Internetkonzerne zu verteufeln und ihre schwindende Kundschaft zu bevormunden. Oder die Verlage, diese kohlescheffelnden Contentverwerter, mit ihren ignoranten Geschäftsführungen, die ihren Praktikanten Hungerlöhne zahlen, um ihren Töchtern noch ein Pony kaufen zu können, und ihren innovationsfreudigen, ja geradezu gierigen Volontären dann auch noch den Auftrag geben, mal bitte eben das Internet auszudrucken und in ihr Landhaus zu faxen.

Dass dies alles überzogene Vorurteile sind, die besonders in der überironisierten und anonymen Traumwelt der Forentrolle prächtig gedeihen, ist uns, die wir hier uns heute hier versammelt haben, allen klar – ansonsten wären wir wahrscheinlich nicht hier. Gleichwohl – in jedem Vorurteil verbirgt sich auch ein Körnchen Wahrheit. Und wenn ich dieses Körnchen Wahrheit aus dem oben genannten Vorurteil über Sie – liebe Besucher des Recruiting Days – extrahieren könnte, dann käme dabei vermutlich Folgendes heraus:

Menschen, die ein Interesse an einem Job in der Buchbranche haben, pflegen oftmals eine gesteigerte Leidenschaft für Literatur.

Und dass das tatsächlich so seine Richtigkeit hat, hoffe ich, ehrlich gesagt, sehr – im Interesse der Branche, in dem der Autoren und Leser und insbesondere in Ihrem ureigenen.

Man hat Ihnen sicherlich schon häufig gesagt, dass Sie auf die Frage, warum Sie in einem Verlag, einer Buchhandlung oder einer anderen Institution der buchhändlerischen Verwertungskette arbeiten wollen, besser nicht mit „Weil ich so gerne lese!“ antworten sollten. Dieser Satz verschafft Ihnen gewiss keine Pluspunkte im Bewerbungsgespräch, aber Sie sollten Ihn mit voller Überzeugung für sich selbst sagen können. Denn ohne die Leidenschaft zur Literatur (und wenn ich Literatur sage, dann meine ich damit sowohl die belletristische, als auch Sach-, Fach- und Wissenschaftsliteratur) fehlt die Grundlage zu der Erkenntnis, dass die literarische Vielfalt eines der kostbarsten Güter unserer Gesellschaft ist, und dass diese literarische Vielfalt ausschließlich durch einen ebenso vielfältigen Markt gewährleistet werden kann. Einen Markt, der es Wert ist, als Vermittler von Kulturgütern bezeichnet zu werden, und der berechtigterweise mit gewissen Schutzfunktionen und elaborierten Rechtsgrundlagen zumindest in Teilen von dem ganz rauen Wind des Kapitalismus abgeschottet wird.

Zeit für wetterfestes Zeug

Bitte entschuldigen Sie das Seemannspathos, das steht mir einfach: Dieser Wind weht bedauerlicherweise seit einigen Jahren stetig rauer, und es ist längst Zeit für wetterfestes Zeug.

Ich möchte Ihnen hier gewiss keine apokalyptischen Szenarien prophezeien oder gar Verschwörungstheorien verbreiten, und ich fände es auch reichlich frustrierend, Ihnen an dieser Stelle die mannigfaltigen Bedrohungen und Herausforderungen der Branche herzubeten. Aber ich möchte Ihnen dieses Bild vor Augen rufen: Die Literaturbranche mit ihren diversen Institutionen, Zulieferern, Begünstigern und Abnehmern privater wie öffentlicher Natur ist wie ein komplexes, seit langer Zeit gewachsenes Ökosystem, dessen Balance einmal empfindlich gestört nur dadurch vorm Kippen bewahrt wird, indem es lernt, auf den aggressiven Eindringling zu reagieren. Und das bedeutet insbesondere zu lernen, wie dieser Eindringling funktioniert, was seine Techniken sind, worin seine Stärke besteht.

Im oben erwähnten medialen Nachhall auf den letzten Recruiting Day musste ich folgenden Satz lesen:

Eine weitere Erkenntnis war die Tatsache, dass digitales Publizieren immer wichtiger wird, es aber auch (noch) ohne geht! Ja, und wenn ich aus dem obersten Fenster eines Hochhauses springe, dann sage ich auch bei jedem folgenden Stockwerk: Noch bin ich nicht aufgeschlagen, noch bin ich nicht aufgeschlagen. Im Jahr 2014 möchte und muss ich diesen Satz wohl nicht mehr kommentieren, noch möchte ich ihn jemals wieder hören oder lesen.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, mit dem oben erwähnten Eindringling meine ich nicht Amazon oder einen der anderen so häufig wie reflexartig in solchen Statements genannten Internetgiganten. Dieser Eindringling heißt: die Möglichkeiten des Digitalen. Des digitalen Arbeitens, des digitalen Publizierens, des digitalen Vermarktens, des digitalen Analysierens und Optimierens. Viel zu lange wurden diese Möglichkeiten allein als Bedrohung verstanden, viel zu lange hat man in unserer Branche, wenn überhaupt, nur reagiert und damit bereits viel Boden verloren. Verstehen Sie mich nicht falsch, das soll keine Anschuldigung sein: Never change a running system ist gerade unter ach so fortschrittlichen Programmierern ein gängiges Motto, und es steht im Zusammenhang mit den Erzeugnissen des Literaturbetriebs zu viel auf dem Spiel, als dass man fahrlässig und vorschnell handeln dürfte. Fahrlässig ist es aber auch, diese Möglichkeiten zu ignorieren oder abzutun, denn genutzt im Sinne von verwertet werden sie in jedem Fall. Im schlechtesten, aber durchaus am häufigsten aufgetretenen Fall von Menschen und Firmen, denen ihre kulturelle Verantwortung nicht bewusst oder bewusst egal ist, denen die Zahlen alles bedeuten und die Inhalte nichts, und denen das Ausschöpfen technischer Möglichkeiten keine Frage der Ethik, Moral oder des Verbleibs guter und schöner Kulturtechniken ist.

Der Wandel ist kein Eindringling 

Ich habe nun mehrfach das negativ konnotierte Wort Eindringling verwendet, und das trifft das Wesen des digitalen Wandels meiner Überzeugung nach überhaupt nicht. Die Möglichkeiten des digitalen Wandels sind keinesfalls per se schlecht, sie sind das, was wir aus ihnen machen, und sind so nützlich, wie wir sie in das, was wir alltäglich tun, integrieren. Sie bieten uns Anlass, uns selbst zu reflektieren und Chancen, uns und unser Produkt zu verbessern. Sie zu beherrschen birgt eine ganz neue, aber außerordentliche Verantwortlichkeit. Unterm Strich sind sie ein Gewinn für unser Ökosystem, man muss nur verstehen, mit ihnen umzugehen – und das ist so schwer nun auch wieder nicht. Alles, was ich bisher über die Möglichkeiten des Digitalen gesagt habe, lässt sich indes auch wunderbar auf das kaufmännische Denken übertragen, nur dass dies lobenswerterweise schon einige Jahre zuvor seinen Eingang in die Verlagsbranche gefunden hat.

Im digitalen Wandel sind wir alle immer Nachwuchs, auch wenn das Internet kein Neuland für uns ist. Wenn wir uns nicht dauerhaft als solcher verstehen und dementsprechend handeln, dazulernen, uns weiterbilden und neuen Möglichkeiten öffnen, werden wir in kürzester Zeit von anderen überholt. Bitte machen Sie sich bewusst, das Sie mit all den Mühen, die Sie bereits in Ihre Ausbildung gesteckt haben, noch lange nicht am Ziel sind und in der Verlagsbranche keinen Job finden werden, der in seiner jetzigen Form auch in zehn Jahren noch besteht. Der Weg ist weiterhin beschwerlich, Sie dürfen nie aufhören zu lernen und schlechtbezahlte Praktika sind nur eines von vielen unangenehmen Symptomen einer verunsicherten Branche.

Drei Fragen, die ich Ihnen allen stellen möchte:

  1. Reicht Ihre Leidenschaft für die Literatur soweit, dass Sie gewillt sind, mit all Ihren geistigen Fähigkeiten für den Erhalt der Kulturlandschaft Buch einzutreten?
  2. Haben Sie das Selbstbewusstsein, sich trotz wirtschaftlicher Widrigkeiten und düsterer Prognosen durchzukämpfen und Ihre Überzeugungen zu bewahren?
  3. Wären Sie notfalls auch bereit, auch auf eigene Verantwortung und Rechnung für diese Überzeugungen einzustehen und danach zu handeln?

Wenn Sie alle drei Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten können, wäre es mir als Personalverantwortlichem piepwurscht, was Sie studiert oder gelernt und wie Sie Ihr Studium oder Ihre Ausbildung abgeschlossen haben, ob Sie ein Quereinsteiger oder ein stringent handelnder Karrierist sind. Ich würde Sie herzlich gerne einstellen.

Ich habe volles Verständnis, wenn Sie an dieser Stelle sagen: Das ist mir eigentlich alles zu viel, warum sollte ich mir diesen Stress überhaupt antun? Ich mag halt Bücher, und die werde ich mir in Zukunft einfach kaufen und lesen und damit basta. Sollen diese Verlagsfutzis sich doch ruhig weiterquälen, ich such mir was Gescheites.

An Ihr Verantwortungsbewusstsein habe ich weiter oben bereits appelliert, ich möchte Ihnen nun zum Abschluss meiner Rede aufzeigen, was Ihnen sonst noch abgeht, sollten Sie so denken:

 

  • Die Möglichkeit, aktiv an dem Kulturerbe Ihrer Generation mitzugestalten.
  • Der intensive, manchmal konkurrierende, manchmal partnerschaftliche Austausch mit klugen Menschen, die in unterschiedlichsten Disziplinen höchste Kompetenz aufweisen.
  • Ein riesiges Feld an Möglichkeiten, sich kreativ auszutoben und dabei wirtschaftliches Geschick zu beweisen.
  • Das gute Gefühl, ein sinn- und wertvolles Produkt herzustellen, das Sie selbst enorm schätzen.

Mit einem leicht modifizierten und überdeutlichen Satz des berliner Autors Frédéric Valin – übrigens im Blog der autorenedition sarabande im korrekten Wortlaut nachzulesen – möchte ich uns allen für diesen Tag und die kommenden Jahre viel Erfolg wünschen:

„Die Zukunft des Buches ist zu wichtig, um sie Arschlöchern zu überlassen.“

Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit.

Jakob Meiner (31) ist nach Stationen beim Verlag Antje Kunstmann und bei Textunes Programm- und Marketingleiter des Münchner Digitalverlages hey! publishing.

 

 

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6 Kommentar/e

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  • Buchwurm II.

    Buchwurm II.

    glückwunsch zur rede von hr. meiners, der auch einige unbequeme wahrheiten benennt.
    btw, „Die Zukunft des Buches ist zu wichtig, um sie Arschlöchern zu überlassen.“ ok., auch hier volle zustimmung; nur, was macht man/die branche mit den bereits etablierten arschlöchern, die nicht immer zum wohle der verlage/des buha agieren???

  • Frithjof Klepp

    Frithjof Klepp

    Bin dabei!

  • Heinzi

    Heinzi

    "Coole Keynote des Hey!-Publishers zum Recruiting Day"

    Die deutsche Sprache ist viel zu wichtig, um sie den A.... zu überlassen!

  • Der Hofnarr

    Der Hofnarr

    "Can you put your hands in your Head, oh no"

    Ist es eine Branche, eine Profession? Oder ist es ein Hobby, gar Glaubensbekenntnis?
    So manches Arschloch versucht damit seine Familie zu ernähren. Glaubt mir ihr Träumer, es ist beides nötig und somit verdammt komplziert in dieser Zeit.
    An die, die den Spagat wagen, trauen sich die Personaler aber nicht heran, die sind Ihnen suspekt und gefährlich.
    Verlagswesen und Buchhandel sind als Ausbildungsbereiche für junge Menschen derzeit nicht verantwortbar. Am Ende der Ausbildung warten zu viele Einbahnstraßen.
    Rekrutet mal weiter und fischt weiter Dinkies oder Selbstausbeuter.

    Der Hofnarr

  • Dorothe Werner

    Dorothe Werner

    Tolle und treffende Rede lieber Jakob Meiner!

  • Claudia Reinert

    Claudia Reinert

    Eine super Rede, viele wichtige Punkte sprechen mir aus dem Herzen – gerade wo ich auch noch nicht allzu lange im Verlag arbeite. Nur an einer Stelle bin ich nicht ganz einig mit Herrn Meiner: Gesetzt den Fall, Studium und Ausbildung sind egal und die Verlage stellen nur diejenigen Bewerber ein, die ihre Fähigkeiten in den Dienst des Buches stellen, ihren Glauben ans Buch auch in stürmischen Zeiten bewahren und notfalls auch als Freiberufler arbeiten – kurz: für ihre Leidenschaft brennen. Wenn nur dieses Wollen, nur die Leidenschaft zählt – nicht das Können: Schafft das nicht eine adverse Selektion und irgendwann sitzen (volkswirtschaftlich gesprochen) nur noch die "Zitronen" in den Verlagen, also die sauren aus dem Sack voll süßem Obst? Die Köpfe der Zukunft, die wissen, dass sie mit ihrer Kraft haushalten müssen, in diesem Modell auch "peaches" genannt, sind woandershin abgewandert? Bibliophile und/oder textaffine Nostalgiker arbeiten in den Verlagen (vor allem den Lektoraten und Programmabteilungen), denen die "ahnungslosen Quereinsteiger" in Vertrieb und Marketing egal sind – und der Markt erst recht? Solch ein nicht kommunizierendes System wäre dazu verdammt, zu kollabieren und irgendwann hätten wir diesen Zustand: Wenn man ein Buch schreiben will, verdient weder man selbst noch der Verlag daran. Geld für Lektorat, Satz, Druck, Vermarktung muss man vorher mitbringen. Wirklich interessante Stoffe machen Drehbuchschreiber für Fernsehserien oder Blogger.

    Meine Ergänzung daher: Ein heißes Herz ist nicht genug, es braucht auch einen kühlen Kopf dazu, um sich im Freiberufler-Dschungel, im Praktikums-Haifischbecken und den Volontariats-Hunger-Games zu bewähren – und nicht nur als Selbstausbeuter und/oder DINKie zu enden. Man muss genug gesunden Menschenverstand haben, um die wirtschaftliche Seite der Sache zu verstehen. Ob man das in einem Studium, auf der Schule mit dem Dreisatz oder in der Praxis an seinem Bankkonto gelernt hat, ist egal. Wenn man den Markt nicht begreift, in dem man sich bewegt, ist schnell nicht nur das eigene Bankkonto (oder das des Betriebs) das Opfer, sondern auch die Autoren wollen eine angemessene Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg. Bleibt der aus, bleiben auch die Autoren aus. Ein Teufelskreis. Kompensiert der Verlagskollege dies durch weitere Selbstausbeutung, folgen Tinnitus, Burnout, die ganze Palette an Berufsunfähigkeits-Auslösern. (Ob letztlich der werte Kollege, der Chef oder man selbst dazu geführt hat – ein Schildchen klebt nie dran.) Mein Fazit: Wenn man sich wie der Junkie in der Apotheke in der Buchbranche fühlt, sollte man sich vielleicht besser nochmal überlegen, wie dringend man den Stoff tatsächlich braucht. Und welche Dosis der goldene Schuss ist.

    Das könnte eine potenzielle Lösung für das volkswirtschaftliche Problem im Kleinen sein, bei jedem einzelnen angesetzt. Im Großen gedacht: Auch ein verbessertes Image der Verlage und der Buchhandlungen könnte zu größerer Attraktivität bei den "peaches" führen. Vielleicht sollten wir, die wir schon dort arbeiten, ein bisschen weniger jammern und uns öfter daran freuen, was wir eigentlich jeden Tag machen. Und hier dreht sich meine Argumentation im Kreis: Vielleicht braucht es doch das heiße Herz (zuerst unseres, dann das der Neueinsteiger), um die kühlen Köpfe zu gewinnen.

    Aber eine Keynote, vor allem drei Thesen, sind keine Dissertation, die sich gegen alle Eventualitäten mit Vagheiten, Referenzen und ellenlangen Fußnoten absichern muss. Vielleicht bin ich manchmal selbst so ein textaffiner Nostalgiker, der mit John Keats auf den Lippen seine Berufswahl getroffen hat: A thing of beauty is a joy for ever. It will never pass into nothingness.

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