Sortimenter diskutieren über Metadatenbank

"Metadaten verkaufen Bücher"

Wunschtraum oder realisierbare Branchenlösung? Wie eine Metadatenbank VLB + aussehen muss, damit sie allen Branchenmitgliedern Nutzen stiftet - darüber diskutierten die Teilnehmer der VVA-Sortimentertagung in Hamburg sehr engagiert und äußerst lebendig.

Zuvor hatten Irmgard Clausen (Buchhandlung Riemann, Coburg), Annette Beetz, Marketing- und Vertriebsgeschäftsführerin von Rowohlt, Detlef Bauer, bei Libri verantwortlich für die Datenqualität, sowie MVB-Geschäftsführer Ronald Schild ihre Thesen und Anforderungen dargelegt.

Irmgard Clausen hob hervor, dass die Kunden einen umfassenden Überblick über Inhalte haben wollten ­ in jeglicher Publikationsform: print, digital, Hörbücher, DVDS etc. Und das schnell, preiswert, emotional, zugewandt und engagiert. Dazu sei eine umfassende Datenbank unverzichtbar.

Mit ihrem Onlineshop von KNV hat Clausen in den vergangenen Jahren 2,3 bis 2,4 Prozent ihres Gesamtumsatzes erwirtschaftet (ca. 40.000 bis 60.000 Euro pro Jahr). So richtig zufrieden war Clausen damit jedoch nie. Es fehlten im Barsortimentsangebot etwa 500.000 Titel, so die Buchhändlerin. „Was relevant ist, entscheidet nicht das Barsortiment, sondern die Kunden“, so ihre Auffassung. Die Benchmark ist für sie ohnehin Amazon: „Entweder machen Sie es besser als Amazon oder gar nicht“, meinte sie. Und zog die Konsequenzen, weil es ihrer Meinung nach kein optimales Angebot der Barsortimente gebe: Sie hat ihren Onlineshop abgeschaltet, bietet ihren Kunden zwar noch Informations- und Recherche-, aber keine Bestellmöglichkeiten. 

„Ich will einen Katalog, der lieferbare Titel in allen Formaten anzeigt, der eine intelligente Suche ermöglicht und viele Zusatzinformationen auflistet, damit ich mich im Netz profilieren kann“, formulierte Clausen. Dafür sei die geplante Metadatenbank genau das Richtige. 

Contra zu Clausens Vorgehen kam von Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller: „Ich bin mittelmäßig entsetzt, wenn man das Internet nicht weiterbetreibt“, so der Sortimenter. „Wenn wir keine Internetshops bieten, dann kaufen die Kunden erst recht bei Amazon.“ „Machen Sie den Fehler nicht und geben Sie diesen Markt auf“, appellierte Riethmüller. 

Verlage müssen liefern

Annette Beetz (Rowohlt) befasste sich mit der Rolle der Verlage, die Informationen für die Metadatenbank liefern und bereitstellen müssten. „Damit ein Titel Erfolg haben kann, muss er gefunden werden“, betonte Beetz. „Wir müssen verstehen, wie Leser ihre Bücher online suchen und finden und wie wir unsere Titel für Suchmaschinen und auf Webseiten sichtbar machen.“ Die Daten würden sich vom Einkauf bis zur Verfügbarkeit ständig ändern – und müssten permanent gepflegt werden. 

Um zu unterstreichen, wie wichtig eine Metadatenbank ist, hatte Beetz Zahlen aus dem US-Markt mitgebracht. So erhöht sich beispielsweise der Verkauf eines Titels um 268 Prozent, wenn die Basis-Metadaten vollständig und korrekt gepflegt sind. Nochmals 55 Prozent kämen hinzu, wenn die Metadaten angereichert werden. Und ein Titel, dessen Metadaten gut gepflegt sind, verkauft sich um 700 Prozent besser als einer, dessen Daten schlecht gepflegt sind.

Die Verlage hätten eine hohe Verantwortung dafür, dass die Anzahl von Kontaktpunkten mit den Büchern möglichst hoch sei. Das sei ein Beitrag, den die Verlage leisten möchten. „Damit sichern wir den Erhalt unserer vitalen Buchkultur“, so Beetz. 

Task-Force-Ergebnisse

Von der Task Force Metadatenbank berichtete Ronald Schild (MVB). Ziel sei es, einen spartenübergreifenden Konsens zu finden, nicht zuletzt dafür sei die Arbeitsgruppe eingerichtet worden, die in den vergangenen Monaten sehr intensiv getagt hatte.

Geeinigt hat sich die Task Force, wie berichtet, auf Meldegebühren in Abhängigkeit von der Datenqualität, sprich: auf ein monetäres Anreizsystem. Je besser die Daten, desto geringer die Meldegebühren. „Metadaten verkaufen Bücher“, unterstrich Ronald Schild. Eine besondere Rolle komme dabei den Lieferbarkeitsinformationen zu. „Die Lieferbarkeit ist für den Verkauf existenziell, das überragende Kriterium“, sagte Schild. Bislang hätten von den älteren Titeln nur 57 Prozent eine Lieferbarkeitsinformation, bei den neuen seien es 73 Prozent. 

Auch über eine unabhängige Bewertungsdatenbank war in der Taskforce diskutiert worden. Sie soll an den Start gebracht werden, wenn sich mindestens 350 Buchhändler bereit erklären, sie zu füttern und täglich 50 neue Rezensionen einzustellen. Das Grobkonzept dafür stehe bereits, so Schild. Die Bewertungen sollen in die Shop-Systeme integriert werden. „Produktbewertungen sind ein wichtiger Wettbewerbsvorteil“, machte er deutlich. 

Digitale Vorschauen standen bei der Taskforce ebenfalls auf der Agenda, „ sie machen es möglich, dass jede Zielgruppe die Information erhält, die sie benötigt“, sagte Schild. Streuverluste würden verringert, die Kosten für teure Printvorschauen gesenkt. Hier habe man sich auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt. 

Weiterer Datendienstleister nötig?

Detlef Bauer (Libri) stellte dar, dass sich die Barsortimente nach wie vor als Wettbewerber in Sachen Datenbank sehen. Vieles, was für die Metadatenbank geplant sei, könnten sie schon, daher sollte zusammengearbeitet werden. Die Abstufung der Meldegebühren nach Qualität bezeichnete er als „Albtraum“, da die Kontrolle sehr aufwendig sei. Und dazu führen würde, dass vor allem kleinere und mittlere Verlage mehr zahlen müssten.

Kritik übte er auch an der Anzahl der Pflichtfelder, die nicht hoch genug sei. Unter dem Strich bezeichnete er die Metadatenbank VLB + als beherztes Ziel, den Beginn jedoch als halbherzig.

Michael Jens (Decius) sprang Bauer bei und stellte die Frage: „Brauchen wir tatsächlich einen weiteren Datendienstleister?“

Bei der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die Sortimenter ein großes Interesse an einer hohen Datenqualität haben. „Wenn wir nicht über gute Daten verfügen, sind wir bald nicht mehr da und verschwinden vom Markt“, sagte etwa Thomas Wrensch (Buchhandlung Graff, Braunschweig). Iris Hunscheid vom AkS appellierte an die Barsortimente, ihre Daten weiterzugeben.

Uneinig waren sich die Buchhändler hingegen bei den digitalen Vorschauen. Das Meinungsspektrum reichte von „Ich fände es göttlich, wenn die Vorschauen digital wären“ (Sara Willwerth), bis hin zu „Wollen wir eigentlich nur noch vor digitalen Informationen sitzen?“ (Andrea Nunne). Bei einer Abfrage per Handzeichen gingen jedoch deutlich mehr Hände pro digitale Vorschau in die Höhe. 

Und so geht es weiter mit der Metadatenbank:

In der kommenden Woche wird das Metadatenbank-Konzept dem Branchenparlament vorgestellt und dort diskutiert.

Es wird ein Preis- und Finanzierungsmodell erarbeitet.

Das Gesamtkonzept wird im Juni bei den Buchtagen in Berlin präsentiert.

 

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15 Kommentar/e

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  • Uwe Dörner

    Uwe Dörner

    Wie lange wollt Ihr noch diskutieren. Alles was wir brauchen ist eine Datenbank von der Qualität wie Amazon. Nicht mehr und nicht weniger. Aber nicht in 10 Jahren.

  • Thomas Brausch

    Thomas Brausch

    @ Uwe Dörner
    Aber Sie wissen doch wie das in unserer Branche so läuft:
    Wenn etwas geändert oder neu eingeführt werden soll, dann wird solange darüber diskutiert und debattiert bis es sich erledigt hat.

  • Der Jockel

    Der Jockel

    @ Thomas Brausch

    Volle Zustimmung!
    Und dies ist auch der Grund, warum im Buchhandel so gut wie nichts vorangeht.

  • Sandra Schüssel

    Sandra Schüssel

    Lieber Herr Brausch,
    ich würde Ihren Satz gerne umdrehen: Wir erledigen solange, bis es nichts mehr zu debattieren gibt. Zu allen genannten Projekten laufen in der MVB konkrete Vorarbeiten, in Zusammenarbeit mit sehr engagierten Branchenteilnehmern. Natürlich ist das in einer Diskussion wie bei der VVA-Tagung nicht im Detail abbildbar. Zum "Erledigen" gehört für mich auch, die Bedürfnisse von Verlagen und Buchhändlern zunächst einmal genau zu kennen. Dafür kann man meiner Meinung nach eins nicht genug tun: sich austauchen, reden, nachfragen - wie z.B. bei der VVA-Tagung. Ich hoffe, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind.

  • Optimus

    Optimus

    Die Qualität der Suchergebnisse bei Amazon hängt nicht nur von einer "eindimensionalen" Datenqualität ab, wie sie hier diskutiert wird. Die MVB hat eben gerade keine "Metadaten", sondern nur ganz banale "eindimensionale" Daten! Und selbst diese "eindimensionale" Anforderung wird ja nur mäßig erfüllt.

    Das VLB begreift mit seiner simplen 80er JahreDatenDenke überhaupt nicht die Mehrdimensionalität von Amazon. Da dem VLB ein Frontend zum Kunden fehlt, ist das VLB ohne Sinnesorgan. Darf man da schon sagen: es ist tot? Auch einige der Referenten agieren wie alte Bibliothekare und verstehen offensichtlich nicht, dass in der so verstandenen "eindimensionalen Datenqualität" eigentlich ihr Problem begründet liegt.

    Amazon analysiert welche Begriffe Sucher eingeben und zu welchem Ergebnis sie kommen - daraus lernt die Suchmaschine für weitere Suchalgorithmen. Amazon kann kundenlogische Zusammenhänge lernen. Amazon kann auf Medienereignisse und die daraus resultierenden Käufe mit Prognosen reagieren. (Amazon kauft nach jeder Talkshow mit Buch die Lager der Barsortimente leer und der Buchhandel geht leer aus). Amazon kann mit Google Analytics Kaufprognosen erarbeiten...

    Die Branche braucht das VLB maximal als eindimensionalen Datenspeicher: billig und ohne jede Ambition. Auch wenn die MVB-Verantwortlichen hier schon wieder herumpolitisieren - bitte kein Geld für deren Projektemacherei.

    Ob die Barsortimente in der Lage sein werden, mehrdimensionale Suchmaschinen, wie die von Amazon zu entwickeln und zu betreiben, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht wäre es sogar besser, bei Amazon Lizenzen für deren Suchmaschine zu erwerben, statt Geld ind ei MVB zu stecken. Jeder Buchhändler arbeitet doch schon heute regelmäßig mit der Amazon-Suchmaschine.

  • max

    max

    meinen Job im buchhandel mache ich seit fast 40 Jahren, bis heute ist den "Suchmaschinen" der Barsortimente bei Reihentiteln keine eindeutige Reihennummer, das wäre doch das mindeste !

  • Aufklaerix

    Aufklaerix

    ..als sogenannter Viellleser war ich früher immer auf die Buchhandlungen angewiesen, zwecks Suchen in Katalogen und dann in den Datenbanken der entspr.
    Grosshändler.Die Möglichkeit der jetzt eigenen Suche im Netz ist unschlagbar unabhängig von Amazon.Auch wenn es noch eine Weile dauern wird... der klassische Buchhandel wird verschwinden.

  • Jochen

    Jochen

    @ Sandra Schüssel

    Der Buchhandel "erledigt" doch schon seit Jahren immer dieselben Dinge. Ob Metadatenbank, Ausbildungsoffensive oder Zukunftswerkstatt etc. Allerdings ohne nennenswertes Ergebnis. Das einzige, was der Buchhandel tatsächlich erledigt, ist sich selbst.

  • Profi Buchhändler

    Profi Buchhändler

    Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir sollten über diese Diskussion ausführlich diskutieren. Am besten richten wir dazu eine Task-Force ein. Über die Ergebnisse diskutieren wir dann auf einem Branchendiskussionstag.

  • Dieter Dausien

    Dieter Dausien

    Liebe KollegInnen der MVB,

    grämt Euch nicht zu sehr über die Häme, die hier regelmäßig unter allen Artikeln über Branchenstrukturen, VLB, Börsenverein oder MVB zu finden ist! Meinungsbeiträge von Leuten, die nicht Konstruktives zu sagen haben, sondern nur auf den Untergang des Buchhandels warten, darf man getrost vergessen.

  • Merfelle

    Merfelle

    @Dieter Dausien

    Genau, grämen wir uns nicht, sondern diskutieren einfach weiter. In die Pötte kommen kann man auch in ein paar Jahren noch. Ist doch Zeit genug ;-)

  • Optimus

    Optimus

    @ Dieter Dausien

    Führen Sie doch der Diskussion Konstruktivität zu. Was meint denn die MVB mit "Metadaten"? Die autorenalphabetische Sortierung?

    Die Suchmaschine des VLB kann nichts. Da gibt es doch gar keine "Metadaten", obwohl dauernd darüber schwadroniert wird: keine Verkaufsrelevanz, keine kundenlogischen Verknüpfungen, keine Kundenrezensionen, keine Medienrelevanz, keine Suchreihenfolge, keine Messung von Suchbegriffen,....

    Wie will denn das VLB an diese Metadaten herankommen? Über die attraktive Suchmaske von buchhandel.de?

  • Dieter Dausien

    Dieter Dausien

    @ Merfelle
    Genau solche Kommentare wie (die) Ihren meinte ich.

    @Optimus
    Lesen Sie doch mal das hier: http://www.boersenblatt.net/media/747/Ergebnis_Tas kforce_Metadatenbank.pdf . Dann wissen Sie, worum es hier geht.

  • Optimus

    Optimus

    @ Dieter Dausien

    In diesem Papier wird das deutlich, was ich meine: die Strategie der Taskfoce besteht in der Sammlung von eindimensionalen Daten. Natürlich ist das die Grundlage für eine leistungsfähige Suchmaschine.

    Aber um dem Anspruch, z.B. von Frau Clausen: „Entweder machen Sie es besser als Amazon oder gar nicht.“ gerecht zu werden, geht es tatsächlich um "Metadaten". Ich verstehe unter "Daten", die bibliografischen Angaben + die Anreicherung mit den Möglichkeiten der "Felder" in ONIX. "Metadaten" sind für mich diejenigen Datensätze, die Merkmale über die bibliografischen "Daten" enthalten. Genau diese Metadaten aber sind es, die die Überlegenheit der Suchmaschine von Amazon ausmachen. Ich unterstelle, dass auf der Ebene der "Daten", Amazon keine wesentlich besseren besitzt als die Barsortimente oder das VLB.

    Die "Metadaten" die über komplexe Algorithmen gewonnen, aggregiert und über kundenlogische Features bei Amazon zur Verfügung gestellt werden, sind das, worum es geht. Die einfache Verbesserung der "Daten" nützt strategisch demjenigen, der die bessere Suchmaschine hat: Und das ist Amazon.

    Die strategische Analyse der Taskforce ist falsch und deshalb auch deren Agenda. Ausgangspunkt der Analyse muss die Position von Amazon sein. Kann die Branche eine bessere Suchmaschine erstellen als Amazon oder nicht? Was kostet das? Warum sollte überhaupt eine weitere Suchmaschine erstellt werden? Welche strategischen Abhängigkeiten entstehen, wenn die Branche mit Amazon übereinkommt.

    Rein praktisch stehen zwei strategische Optionen zur Auswahl: 1. die Barsortimente entwickeln über Ihre Webshops + Buchhändlerbibliografien geeignete Suchmaschinen oder 2. sie nehmen Lizenz bei Amazon. In beiden Fällen braucht es die MVB nicht.

  • Helm ab zum Gebet

    Helm ab zum Gebet

    schleichende Militarisierung, nach der Stabsstelle jetzt die task force,
    wiki sagt
    "Task-Force, Task Force oder Taskforce (engl. Militärsprache für Einsatzverband) steht für:
    steht im weiteren Sinn für
    Krisenstab
    Arbeitsgruppe"

    wobei ich mehr an Krise denke als an "Arbeits"gruppe, dieser MVB schafft es trotz dutzender Anrufe und Anschreiben seit 14 Jahren nicht unsere Adresse richtig zu schreiben und jede zweite Lieferung ist unvollständig oder mit fehlerhafter Rechnung,

    • ...

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