Reaktionen aus der Buchbranche zum Bonnier-Streit

"Amazon erpresst meinen Verlag"

Nicht lustig: Eigentlich ist Humor sein Fachgebiet. Carlsen-Autor Joscha Sauer ist die gute Laune aber vergangen: "Amazon erpresst grade mehrere Verlage. Dadurch haben meine Bücher dort extrem lange Lieferzeiten", twitterte der Cartoonist auf Twitter. Mit dem Protest gegen das Geschäftsgebahren des Onlinehändlers ist der Autor nicht alleine. Kritik gibt es auch von Seiten des Börsenvereins, Agenten und Vertriebsmitarbeitern.

Rund 100-Mal wurde der Tweet des nichtlustig.de-Cartoonisten binnen kürzester Zeit nach Erscheinen des "FAZ"-Artikels von Andreas Platthaus (Link zu einer nicht identischen Fassung auf faz.net) retweetet und kommentiert. "Fast wie Mafia-Methoden", ärgert sich ein Follower des Autors. "Ein Grund mehr beim Buchhändler um die Ecke zu bestellen. Geht genauso schnell und vermeidet derartige Probleme", stimmt ein weiterer Mitleser zu. Amazons Politik, Backlist-Titel der Bonnier-Verlagsgruppe nur mit Verzögerung auszuliefern, um in den Verhandlungen um E-Books deutlich höhere Rabatte (statt 30 Prozent bis zu 50 Prozent) herauszupressen, könnte zum Bumerang werden. Bereits 2010 hatte Amazon in den USA den "Kaufen"- Knopf entfernt, als der Händler mit Macmillan im Klinch um Konditionen lag.

Buchhändler René Kohl (Kohlibri) schreibt in seinem Blog: „Es ist frustrierend zu sehen, wie sich die Verlagskollegen sehenden Auges einen immer monopolistischer agierenden Buchhandels-Koloss heranzüchten – gefüttert mit besten Konditionen und Informationen. (…)Wenn die Verlage etwas an den misslichen Umständen ändern möchten, unter denen sie zur Zeit agieren, müssen sie offensiver (und zwar weniger mit blendender B2B-Werbung als mit handfesten Konditionen) auf das gute Sortiment zugehen. Und wenn die Buchkäufer nicht länger 5-9 Werktage auf ihr Buch warten möchten, können sie sich vertrauensvoll an den Buchhandel vor Ort wenden – wir besorgen Ihnen (fast) jedes Buch binnen 24 Stunden.“

 

KiWi-Vertriebschef Reinhold Joppich rät Verlagen, sich nicht auf die "üblen Methoden" des Onlineriesen beim Verhandlungspoker einzulassen. "Wenn sie uns boykottieren, dann stellt sich Amazon selbst an den Pranger", erklärt Joppich. So allmächtig wie Amazon gerne geschrieben wird, ist der Onlinehändler nicht. Branchenexperten sehen Amazon selbst unter Druck – die Investoren erwarten nach Medienberichten höhere Gewinne: Nach der Einschätzung des Literaturagenten Peter Fritz will Amazon statt der bisherigen Formel 70/30 künftig 50/50 mit Verlagen bei E-Book-Verkäufen teilen.

Die Auslieferung von Büchern aufgrund des Konditionenpokers willentlich zu verzögern, käme einer Geiselnahme gleich, kritisierte bereits der Präsident des Amerikanischen Agentenverbands Association of Authors Representatives (AAR), Gail Hochman, in einem Offenen Brief ein ähnliches Vorgehen Amazons in den USA, wo Hachette von den Strafmaßnahmen betroffen ist. "Das ist eine brutale und manipulative Taktik und wirklich ironisch von einem Unternehmen, das verkündet,  sein Ziel sei es, die Lesebedürfnisse und -gewohnheiten seiner Kunden vollständig erfüllen zu wollen und ein Champion der Autoren zu sein." Die AAR vertritt nach eigenen Angaben rund 400 Literaturagenten und mehr als zehntausend Autoren.

Die amerikanischen Buchhändler machen es sich jetzt zum Vorteil, dass Amazon in den USA den Kaufen-Knopf neben den E-Books der Hachette-Gruppe entfernt hat. "Wir verkaufen Hachette Bücher!", twitterten in den vergangenen Tagen zahlreiche Buchhandlungen. Der Versandhändler Books-A-Million, der mit über 200 Indie-Buchhändlern kooperiert, gab sogar eine eigene Pressemitteilung heraus und informierte darüber "sehr gerne" und ohne Zensur die Bücher Hachettes anzubieten. 

Andrew Rhomberg, Gründer der britischen E-Book-Themenseite Jellybooks, verglich das Verhalten Amazons sogar mit den Drohgebärden Wladimir Putins im Ukraine-Konflikt. Ernster sollte man die Beschwerden von Autoren nehmen, die bereits nach einem Einschreiten der Kartellbehörden gegen Amazon rufen.

Auch im Börsenverein zeigt man sich über das Gebahren des Onlinehändlers entsetzt. "Es bestätigt sich das, was der Börsenverein seit langem befürchtet und immer wieder thematisiert: Die wachsende Marktdominanz von Amazon stellt in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht eine Gefahr für den Buchmarkt dar", warnt der Branchenverband heute in einer Presseerklärung. "Obwohl die Buchpreisbindung (…) die zwingende Voraussetzung dafür ist, dass der E-Book-Markt nicht komplett zum Oligopol wird und auch der stationäre Buchhandel als Anbieter Chancen behält, ist politisch über weitere Maßnahmen nachzudenken, z.B. die Verpflichtung von Amazon zur Öffnung der bislang proprietären Kindle-Formate für andere Händler bzw. Verlage", gab Börsenvereins-Geschäftsführer Alexander Skipis auf Anfrage zahlreicher Tageszeitungen zu verstehen.

Währenddessen ist aus den Vertriebsabteilungen von Verlagen zu hören, dass im Gegensatz zu den E-Book-Verkäufen der Anteil der Verkäufe von physischen Titeln über Amazon stark rückläufig sein soll. "Amazon schwächelt", heißt es aus einem Verlag. Der Anteil des Onlinehändlers soll sich im Vergleich zum letzten Jahr bei diesem Publikumsverlag halbiert haben. Offen äußern möchten sich andere Verlage auf die Nachfrage von boersenblatt.net nicht. Es ist jedoch zu hören, dass die Verlage sich im Konditionenpoker in keiner schwachen Position sehen: Umsatzträger sollen stattdessen die Buchhändler und Filialisten sein, egal ob Weltbild, Hugendubel oder Thalia − die Umsätze bei den zuletzt mit Krisenberichten bedachten Filialisten sollen sich positiv entwickeln.

Auch unter E-Book-Dienstleistern ist der Konditionen-Streit ein Thema: Martin Fröhlich, Begründer von PaperC, äußerte gegenüber boersenblatt.net:

"Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wenn Sturm aufzieht, bauen die einen Windmühlen, die andern bauen Mauern. Bislang haben die Verlage es versäumt, ein Gegengewicht zu Amazon aufzubauen. Diese Abhängigkeit von den Umsätzen über Amazon bekommen nun vor allem die großen Verlage zu spüren, denn sie geraten unter Druck, da Amazon seine Goliath-Stellung ausspielen kann. Würden sie nicht am längeren Hebel sitzen, würde Amazon wohl sensibler bei den Verhandlungen umgehen. Es wird für die Verlage und Dienstleister Zeit, sich an einen Tisch zu setzen und ein adäquates Modell zu finden, anstatt weiter sein eigenes Süppchen zu kochen.  Eine langfristige Lösung muss bei der Vermittlung von Wissen her - und das geht über Bücher hinaus. Diese Lösung muss nachhaltig sein; nicht gegen Amazon, sondern um etwas aus Sicht der Nutzer besser zu machen. Wir müssen gemeinsam die Messlatte höher legen."

Barbara Thiele, Prokuristin (COO und CPO) bei epubli, sagte: "Der Konflikt verdeutlicht einmal mehr, wie wichtig es für Verlage ist, sich auf neue Modelle und Kooperationen einzulassen, um Monopolen etwas entgegen zu setzen. Die Tolino Allianz zeigt, dass langsam ein Umdenken einsetzt. Aber da muss noch viel folgen. Wir bei epubli setzen seit jeher auf eine breite Distributionsstruktur über alle Vertriebskanäle hinweg, von Apple über Google bis Tolino. Wir sind überzeugt, dass die Autoren im Mittelpunkt stehen sollten, deshalb motivieren wir unsere Autoren, unternehmerischer zu denken und ihre Marketingkompetenzen ständig weiterzuentwickeln. Statt von einem einzigen Algorithmus abhängig zu sein, sorgen sie so selbst dafür, überall im Netz von ihren Lesern gefunden zu werden."

 

In die gleiche Kerbe schlägt Ulrich Coenen, Mitgründer von Flipintu: „Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Würgegriff Amazons kommen würde, das war lange abzusehen. Ich dachte, es würde noch zwei oder drei Jahre dauern. Wir brauchen dringend mehr Autonomie in Branche.“

Schlagworte:

Mehr zum Thema

29 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Dirk Niewöhner

    Dirk Niewöhner

    Überraschung!
    Nährt die Natter an Eurer Brust und sie wird Euch beißen. Sie kann nicht anders.

  • Fr.Ra

    Fr.Ra

    Es wundert mich, warum die Verlage nicht im Zusammenschluss die Belieferung von Amazon einstellen. Eine Geschäftsbeziehung ist immer gegenseitig - und wenn Amazon nicht beliefert wird, kann es in dieser Sparte nicht mehr punkten. Vielleicht mag es kurzsichtig aussehen - aber ich glaube, dass ein Leser, der das Buch erweben möchte, dann nicht auf das Buch verzichtet, sondern einfach die Quelle wechselt - sei es zu einer anderen Internetseite oder zum örtlich ansässigen Buchhändler. Warum nutzen die Verlage nicht die Macht, die ihnen in der Hand liegt?

  • Harry

    Harry

    @Fr.Ra:

    Auch jetzt wird ein Kunde, der eines der Bücher mit "Lieferverzögerungen" kaufen möchte ggf. auf einen anderen Anbieter ausweichen. Amazon schreibt ja deutlich sichtbar neben das Buch, was als Lieferzeit zu erwarten ist.

  • Fr.Ra

    Fr.Ra

    @ Henry Ich habe soeben zwei Titel des Carlsen Verlages auf Amazon nachgeschlagen - und nichts von verlängerten Lieferzeiten gefunden.

    Zum anderen: Ja, der Kunde hat die Wahlfreiheit. Darum ging es mir nur in zweiter Instanz. Sondern eher darum, dass ich mich frage, warum die Verlage sich so erpressen lassen. Vielleicht gibt es dafür ja einen plausibleren Grund, den ich nicht kenne. Denn gezwungen sind sie in meinen Augen mit Sicherheit nicht. So lange es nicht gerade um Heftchenromane geht, sind Autoren und Werke ja nicht beliebig austauschbar (zumindest meist). Demensprechend: Wer Buch A von Autor B sucht und nicht in Quelle A fündig wird (weil sie zB nicht mehr mit neuware beliefert wird), sucht in Quelle B. Das ist doch genau der Punkt, warum das Internet Chancen bietet: Es ist relativ gleich, wo und wie schön oder groß der Originalstandort der Ware ist, so lange das Angebot das Bedürfnis des Kunden deckt.

  • peter&paul

    peter&paul

    @2
    "Es wundert mich, warum die Verlage nicht im Zusammenschluss die Belieferung von Amazon einstellen."
    was wundert sie daran???
    die verlage können und wollen das nicht, schließlich sind es auch wirtschaftsunternehmen (sie verbreiten nicht nur kulturgüter, sondern verkaufen auch bedrucktes papier), die untereinander im wettbewerb stehen.

  • Fr.Ra

    Fr.Ra

    @peter&paul

    Das heißt im Umkehrschluss, Amazon ist gut für den Umsatz der Verlage? Setzen die Verlage im Allgemeinen mehr und besser durch Amazon ab (als zum Beispiel durch andere Anbieter, sei es online, durch eigene Seiten oder Buchhändler?)
    Oder könnten andere Plattformen anstatt dessen genutzt werden und der Absatz bliebe schlichtweg konstant?
    Und kann es tatsächlich sein, dass ein Kunde, der zum Beispiel den Titel x nicht bei der einen Plattform findet, lieber ein anderes Buch nimmt, als bei einer anderen Plattform einzukaufen? Ich persönlich kann es mir nicht vorstellen - aber vielleicht bin ich auch sehr wirklichkeitsfremd.

  • Arno Loeb

    Arno Loeb

    Muss man als Verlag Amazon beliefern? Sind nicht die Buchhandlungen die besseren Verkaufspartner?

  • Rainer Zenz

    Rainer Zenz

    Zitat: »Obwohl die Buchpreisbindung (…) die zwingende Voraussetzung dafür ist, dass der E-Book-Markt nicht komplett zum Oligopol wird und auch der stationäre Buchhandel als Anbieter Chancen behält, ist politisch über weitere Maßnahmen nachzudenken, z.B. die Verpflichtung von Amazon zur Öffnung der bislang proprietären Kindle-Formate für andere Händler bzw. Verlage.«

    Ceterum censeo: Liebe Verlage, gebt harten Kopierschutz auf (Der schützt sowieso nicht vor Raubkopien.). Dann können auch andere Online-Händler E-Books für Kindle-Besitzer anbieten – ganz ohne politische Maßnahmen. Ein ganz einfaches Mittel, um Amazon etwas von seiner Macht zu nehmen.

    Daneben eröffnet der Verzicht auf DRM unkompliziert noch ganz andere Möglichkeiten wie z. B. in Buchhandlungen E-Books zu kaufen und gleich auf den Reader überspielt zu bekommen. Für Besitzer jedes beliebigen Readers.

    Bastei-Lübbe und ein paar kleine Verlage hatten bisher den Mut dazu, doch es müssen noch mehr große folgen, damit es wirklich Erfolg haben kann. Warum nicht z. B. Bonnier als Antwort auf Amazons Erpressungsversuch?

  • Gabriele Haefs

    Gabriele Haefs

    Gail Hochman ist übrigens Präsidentin, nicht Präsident!

  • Buchwurm II.

    Buchwurm II.

    @
    sehr schlauer einwand, wat ändert dat am inhalt der geäußerten kritik???

  • Pirandello

    Pirandello

    Verhandlungen mit Amazon sind schwierig.
    Verhandlungen mit großen Filialisten sind schwierig.
    Verhandlungen mit kleineren Buchhändlern können auch schwierig sein. (Sie haben aber selten die Tragweite).
    Jeder der sich in einer wirklich oder vermeintlich stärkeren Position befindet, wird versuchen diese auch auszunutzen.
    Gegebenenfalls muß man eben bereit sein nein zu sagen und die Konsequenzen in allen Bereichen des Verlags (auch gegenüber Autoren und Agenten) mitzutragen.

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Viele Buchhändler sehen die Geschäftsbeziehungen zwischen Verlagen und Amazon viel zu eindimensional bzw. differenzieren nicht der jeweiligen Intention oder Situation des Verlages.
    Es wird allgemein oft nicht wahrgenommen, dass der Strukturwandel im Buchhandel viele Verlage ganz genau so trifft und die Liquidität angreift, wie es auch im Sortiment der Fall ist. Hohe Druckkosten oder saftige Mieten, jeder hat da sein Säckel zu tragen.
    Und gerade deswegen erfüllt Amazon für viele Verlage die Aufgabe eines wichtigen Absatzkanals, den es so sonst nicht geben würde. Schließlich ist es ein Ammenmärchen, dass der Buchhandel die gesamte Vielfalt des Buchmarktes abbilden kann und auch im Besorgungsgeschäft lückenlose Verfügbarkeit bietet. Denn auch die Barsortimente verwehren immer stärker den Titeln abseits des Mainstreams den Zugang zu ihren Lagern und oft sogar Katalogen. Und genau da springt Amazon als Abbild der vollständigen Backlist eines Verlages und als hocheffiziente Plattform zur Sichtbarmachung sämtlicher Nischentitel und Produkte außerhalb der auf fixe Mindestdrehzahlen ausgerichteten stationären Sortimentswelt in die Bresche.
    Gerade für kleine bis mittlere Verlage bzw. Verlage mit exotischeren Themenschwerpunkten ist das in Zeiten schrumpfender Präsentationsflächen und in der Trivialität wachsender Wahrnehmung von Literatur ein alternativloser Weg zur Erzielung der notwendigen Deckungsbeiträge.
    Es mag große Verlage geben, deren Situation bzw. Abhängigkeit von Amazon sich anders darstellt, die Regel ist das aber nicht.

    Also bitte etwas mehr Feingefühl in der Debatte.

  • Fr.Ra

    Fr.Ra

    @ Feingefühl:

    Was Amazon kann, ist die Käufer anziehen, die sich den Weg in die unterschiedlichen Geschäfte nicht machen wollen - und gleichzeitig durch rege Beteiligung der Rezensenten Beratungsgespräche überflüssig machen. Das war durchaus schlau. Ich sehe auch komplett ein, dass der gelbe Riese eine der ersten Anlaufadressen ist, wenn es um Einkäufe im Internet geht. Genauso, wie es extrem klug war, die Zahlungsweise so unglaublich einfach für den Kunden zu machen.

    Was Amazon aber nicht kann ist, die Bücher selbst zu drucken. Sie können auch nicht damit trumpfen, dass Bücher (nicht mal in gebrauchter Version) bei ihnen am günstigsten sind.

    Sie können aber sehr fest damit rechnen, dass die Verlage immer einknicken werden, weil sie (verständlicherweise) um den Umsatz fürchten. Und dementsprechend mit ihnen machen, was sie wollen.

    Das ist genau die gleiche Schiene, wie auf Endkundenseite - mit denen kann der pfiffige Großkonzern (welchen Namens auch immer) auch machen, was er will, weil es in der Natur des Menschen zu liegen scheint, den unschöneren aber bequemeren Weg zu gehen, weil man eben nicht daran glaubt, dass sich - in welcher Weise auch immer - noch eine Meute mobilisieren lässt, die sich bewusst ist, dass der Riese auch von ihnen abhängig ist und sich dementsprechend verhält.

    Aber träumen wird man ja wohl noch dürfen.

  • Burkhard P. Bierschenck

    Burkhard P. Bierschenck

    Ich kann die Wut auf Amazon gut verstehen, bin selbst sauer über die erpresserischen Methoden. Gleichzeitig ödet es mich aber an, wenn der Buchhandel quasi als Allheilmittel heiliggesprochen wird. Tatsache ist, dass im stationären Buchhandel kleinere Verlage in der Regel stark benachteiligt werden. Der Hinweis, man könne über den Buchhandel ja jedes Buch bestellen und nach ein paar Tagen (!) bekommen, ist realitätsfremd. Der Käufer nimmt dann meist ein anderes Buch mit, das gerade auf dem Tisch liegt. Wo bleiben denn da die Initiativen des Buchhandels? Als erstes werden da öffentlichkeitswirksam und gebetsmühlenhaft bessere Konditionen gefordert, die dann sogar noch über Amazons 50% liegen sollen. Na super! Da kann ich dann auch gleich bei Amazon bleiben!

  • Sidney

    Sidney

    Solange der greifbare Buchhandel (örtlicher kleine Buchhändler, Ketten wie Thalia, Ossiander, Hugendubel) nicht im Stande sind über einen Zeitraum X Bücher - seien sie auch noch so exotisch - zu beschaffen, wird der Kunde immer die Möglichkeit von Amazon und Konsorten nutzen. Bestes Beispiel: In meiner Teenagerzeit hat mir meine Mutter eine Buchreihe vermacht, die sie selbst als Teenager gelesen hat. Leider sind im Lauf der Jahre zwei Bücher aus der Reihe verschwunden. Es hat knapp zehn Jahre gedauert, bis ich diese beiden Bücher - bei Amazon versteht sich - gefunden habe. Und bevor jetzt wieder die Argumente von wegen antiquarisch etc. kommen: Nein, ich rede von einer Neuauflage, an die aber die örtlichen Buchhändler seiner Zeit nicht rankamen, Amazon mir jedoch im Lauf der Jahre die Möglichkeit bot, diese Bücher zu erwerben. Also: Welchen Grund habe ich, als Konsument, zum örtlichen Buchhändler zu gehen (meinetwegen auch in die nächstgrößere Stadt zu einer Kette) um mir immer wieder anzuhören, dass das Buch nicht lieferbar, nicht bestellbar oder anderweitig erhältlich ist? Zumal dann so ein einzelner Band gleich deutlich teurer würde, als wenn ich ihn direkt bei Amazon bestelle (Stichworte:wiederholt Spritkosten/Zugtickets, vlt ne Kleinigkeit essen und trinken und wenn man ja schon in dieser Stadt ist, kann man ja auch vlt noch ein wenig bummeln gehen, etc. Amazon wiederrum bot mir in explizit diesem Fall die Möglichkeit das Buch zu einem fixen Preis mit wenigen Klicks zu kaufen, ich lief nicht gefahr shoppen zu gehen oder musste gar das Auto auftanken).
    Ja, Amazon hat eine Monopolstellung, die man nicht unterschätzen sollte und ja, dagegen sollte vorgegangen werde. Aber ich bin auch der Meinung, dass die Ortsansässigen Buchhändler nicht ganz unschuldig an dieser Misere sind.

  • Sidney

    Sidney

    Was ich noch anmerken will: Bei Amazon zahle ich keine Frachtkosten, habe diese Gebühr aber in verschiedenen Onlineshops der hiesigen Ketten. Dieser Ansatzpunkt wäre vlt für die Onlineshops eine Anregung um die Kunden etwas besser an sich zu binden.

  • Nadine Weber

    Nadine Weber

    Wer bei Amazon kauft, kauft auch seine Gurke lieber im Discounter für 59 Cent, statt auf dem Wochenmarkt 1 Euro zu bezahlen.
    Zwar haben die Bücher ( innerhalb der Preisbindung) den selben Preis, doch das damit ein kapitalistischer Großkonzern unterstützt wird, der seine Arbeiter ausbeutet um seinen Gewinn zu maximieren, scheint keine Rolle zu spielen.
    Womit wir wieder bei der Gurke wären....

  • Rainer Zenz

    Rainer Zenz

    Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die deutsche Buchbranche zu lange Amazon ignoriert und dann zum Schuldigen erklärt hat.

    Es gibt bis heute kein für Kunden ähnlich komfortables und attraktives Angebot aus Deutschland. Der Börsenverein hat zwar jahrelang gebastelt, aber etwas halbwegs konkurenzfähiges oder gar besseres ist dabei nicht herausgekommen. Das hat Amazon nun nicht zu verantworten.

    Dabei verstehe ich natürlich, dass es schwer ist alle Akteure von Verlagen bis zu Buchhandlungen unter einen Hut zu bringen und eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Anders wird das aber nichts.

  • Kleine Sortimenterin

    Kleine Sortimenterin

    Wenn wir schon die Gurken bemühen, können wir Äpfel nicht
    mir Birnen vergleichen. Der Buchhandel hat andere Kosten als
    Amazon (Geschäftsmieten, Steuern, etc.), deshalb wurde
    Amazon so schnell zur Größe - das sollte man bei der Kritik
    am Buchhandel bitte beachten.
    Bei mir kann man jedes Buch bestellen, es kommt sehr
    selten vor, daß ich nicht liefern kann. Man hört hier immer
    wieder, die Buchhändler würden einzelne Titel nicht
    bestellen, stimmt nicht und kommt nur vereinzelt vor.
    Es wäre doch besser, mit den Verlagen und Buchhandlungen endlich eine gute Plattform in Internet
    aufzubauen, die unseren Markt "schützt", statt jeden
    Einzelnen herumbasteln zu lassen und zuzusehen,
    wie uns der Markt entgleitet.

  • Burkhard P. Bierschenck

    Burkhard P. Bierschenck

    Wenn ich das schon höre, dass ein Buch über den Buchhandel nicht zu bekommen ist, das kommt angeblich "fast nicht" vor. Nein, verflixt, es kommt vor! Noch schöner ist es, wenn sogar die Existenz eines Buches geleugnet wird (jaja, kommt "fast" nicht vor, stimmt aber leider nicht), obwohl es der Kunde bereits bei amazon gesehen hat. Nein, der Buchhandel, der sich "fast" (jeder ist angeblich die Ausnahme von dieser Regel, LoL) überwiegend auf Bestsellerlisten konzentriert hat, braucht sich doch nicht zu wundern, wenn gerade die Kunden, die nicht nur einen Ausschnitt, sondern das ganze Bild wollen, bei Amazon landen. Ja, und dann höre ich tränenreich "Die Kosten! Die Regalmeter!" Hm, wenn man "fast" alles auf Kommission mit laaangen Zahlungsfristen und totalem Remissionsrecht bekommt, dann darf man vermutlich vergeblich auf Mitleid aus anderen Branchen hoffen, die diesen Luxus nicht kennen. Man muss besseren Service bieten, mit Kunden und den Verlagen gleichermaßen eng zusammenarbeiten, dann hat man vielleicht eine Chance, aber nur vielleicht.

  • Kleine Sortimenterin

    Kleine Sortimenterin

    Herr Bierschenk, die letzte Satz sagt ja dann alles über
    meinen Laden aus: Besseren Service bieten, mit Verlagen
    enger zusammenarbeiten - ich bin seit 1998 selbständig
    und unseren Laden gibt trotz aller Krisen seit den 50er
    Jahren hier am Ort. Natürlich profitiere ich von den
    Buchhandlungen, die ihre Kunden nicht so intensiv bedienen, häufig landen also komplizierte Einzelbestellungen hier - ohne Frage. Möchte hier keine
    Ketten benennen, die sich der Bestseller bedienen. Und
    lange Zahlungsziele habe ich beim Grossisten nicht,
    alle 10 Tage werden die Rechnungen fällig und das ist
    der größte Umsatz bei mir im Laden. Aber bitte, ich
    spreche nur für mich, bitte verdammen Sie nicht alle
    in Bausch und Bogen, ich werde mich hier weiter einmischen.

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Ja, in der Tat, das Besorgungsgeschäft des Buchhandels hinkt gewaltig und vor allem Amazon deutlich hinterher. Der Grund ist aber, wie ich in meinem ersten Kommentar hier bereits schrieb, nicht bloß beim Sortimenter zu suchen, sondern liegt immer stärker auch in der Ausdünnung der Barsortimentskataloge. Dass es dann aber natürlich immer noch Buchhändler gibt, die Kunden wissen lassen, dass ein bestimmtes Buch vergriffen sei, weil sie den Aufwand und die Kosten einer Direktbestellung beim Verlag scheuen, lässt sich ebenfalls leider nicht abstreiten.

    Und noch ein Kommentar zu 17. Nadine Weber:

    Auch Thalia, Hugendubel oder Weltbild sind de facto kapitalistische Großkonzerne. Also wäre die Konsequenz, dort dann auch keine Bücher mehr zu kaufen? Ganz im Ernst?

    Was hier oft vergessen wird, ist, dass diese Big Player in der Branche – Amazon eingeschlossen – einen massiven Anteil daran haben, dass Bücher zu den am besten verfügbaren Medien unserer Zeit gehören. Wenn man mal wirtschaftliche Einzelinteressen außer Acht lässt, muss man doch zu der Erkenntnis gelangen, dass das sehr wohl in unser aller Sinne sein sollte. Auch wenn es eine sehr idealistische und romatische Sicht der Dinge ist, zugegeben.
    Nichtsdestotrotz, Bücher würden ohne Filialisten und Online-Händler definitiv einen geringeren Stellenwert in unserer Unterhaltungslandschaft einnehmen, oder gar nur für einen wesentlich elitäreren Bevölkerungskreis eine Rolle spielen. Das ist ganz sicher Fakt.

    Letztlich kommen wir immer wieder auf den Umstand zurück, dass viele Branchenteilnehmer einfach eine zu egoistische Haltung einnehmen. Und zwar gleichermaßen Filialisten, kleine unabhängige Sortimenter, Verlage, Online-Händler und auch Barsortimente. Es ist ein leider ein Gesetz unserer Zeit, dass das Streben nach Erfolg immer auch im Einklang mit Missgunst, Neid und Schadenfreude einher geht. Sehr schade ...

  • Fr.Ra

    Fr.Ra

    Bevor sich hier ein Streit ergeht, was die Sortimenter und die Kunden alles falsch machen:

    Die Lösung wurde bereits von Herrn Zenz in Kommentar 18 angesprochen: Eine alternative Plattform wäre in einer Zeit in der die Kunden noch (empört von der Amazondebatte) aus moralischen Gründen in die Buchhandlungen strömen (zumindest bei mir tun sie das) eine schöne Alternative für diejenigen, die sich an eine andere Adresse wenden würden. Oder ist die Grundstruktur vielleicht hier schon vorhanden ? http://www.buchhandel.de bietet zum Beispiel einen sehr umfassenden Überblick über die Produktionen vieler Verlage, lässt jedoch die Rezensionen und die Bestellbequemlichkeit vermissen... vielleicht ist da etwas ausbaufähig?

    Und zum Schluss: Nicht alle Buchhändler sind unfähig oder wenig Serviceorientiert. Ich bitte, hier nicht allgemein über den Kamm zu scheren. - Es ist aber eine schöne Anregung für diejenigen, die die Kunden von ihrer Qualität überzeugen wollen.

  • Rainer Zenz

    Rainer Zenz

    Es gibt ja aktuell zwei Ansätze, die grundsätzlich erfolgversprechend klingen:

    1. Log.os. Eine gemeinützige Plattform für Autoren, Verlage, Händler und Leser. Öffentlich nur sehr vage formuliert.

    2. Das gemeinsame Projekt der Buchhändlergenossenschaft eBuch mit Libri für einen Online-Shop.

    Ob daraus mehr wird als hochfliegende Pläne, wird sich zeigen. In so eine Richtung muss es auf jeden Fall gehen.

    Was mir als Leser im Netz fehlt, sind echte Buchhändershops mit einem eigenen Profil und qualifizierten, individuellen Empfehlungen, die zugleich natürlich das gesamte lieferbare Programm inklusive Leseproben bereithalten. Durch professionelle Verschlagwortung gut strukturiert, mit einem aufs Lesen fokussierten, aufgeräumten Design.

    Warum gibt es so etwas nicht längst?

  • Alexander Cien

    Alexander Cien

    Was ich nicht verstehe: Den Buchhandel musste ich schon vor 20 Jahren mit 30 bis 40 % Rabatt beliefern. Wenn ich von einem Großisten (KNO etc.) gelistet wurde, sogar mit 50 bis 55%. Meistens nahmen die Zwischenhändler die Titel eines Kleinverlags gar nicht in ihr Programm. Es gab sie quasi nicht. Nur einige wenige engagierte Buchhändler bestellten oder nahmen Bücher in Kommission.
    Ich wünsche, ich hätte damals einen Vertriebspartner wie Amazon gehabt, auch für 50% Rabatt, weil ich ja davon profitieren würde, das alle meine Ttel gelistet und such- und bestellbar sind. Durch das Internet ist es für Verlage ohnehin leichter geworden, ihre Bücher zu präsentieren. Einen Zusammenschluß aller Verlage halte ich für absolut utopisch und die Versuche der Kleinverlage, sich zusammenzuschließen waren vielfältig und sich alle gescheitert.
    Für einen Kleinverlag ist Amazon weniger das Problem, als die Buchhandlungen, die zu reinen Bestelltresen geworden sind, denen es meist sogar zu viel Arbeit ist, beim Verlag zu bestellen. Lieber schicken sie Kunden weg mit den Worten "Das Buch/den Verlag/den Autor gibt es nicht!" Hundertfach erlebt.
    Was könnte ein Credo sein? Nicht mitmachen bei der Preisschlacht, Bücher produzieren, die mehr Geld wert sind, so dass 50 % tragbar sind oder die Zusammenarbeit mit wenigen, engagierten Buchhandlungen auf neue Füße stellen. Hängt davon ab, wo man hin will.
    Natürlich sollte man dem Gemischtwarenhändler Amazon nicht den ganzen Buchhandel opfern.

  • Gartum

    Gartum

    Es ist immer das gleiche Procedere, kleinere Verlage werfen dem Buchhandel vor, sie nicht wirklich zu beachten, der Buchhandel verteidigt sich mit "sind nicht alle so, gibt auch engagierte Kollegen". Sorry, aber von den paar engagierten Buchhändlern können kleinere Verlage nicht existieren, für die kam Amazon als Plattform gerade zur rechten Zeit. Und, ja, Amazon kassiert 50 %, aber das tun Libri, KNV und Umbreit doch auch, wo ist da der Unterschied? Große Verlage hatten bisher bessere Konditionen und werden nun eben von Amazon gerupft. Sorry, den Großen war das Schicksal der kleineren Verlage doch bisher völlig egal, wieso sollte man da jetzt heulen? Man könnte bestenfalls spotten, dass es jetzt den Großen mal genauso geht, wie bisher nur den Kleinen. Solidarität? Die hat es im Buchhandel doch noch nie gegeben, wer das Gegenteil behauptet, der ist ein Romantiker. Die Großen fressen die Kleineren. Immer.

  • Jörn Stoffers

    Jörn Stoffers

    Liebe Leute,
    dann verkauft doch der Krake nichts mehr. Kaum etwas tut einem Händler mehr weh als ein Lieferstopp. Schlagt die Krake mit ihren eigenen Waffen: Keine Lieferungen von unabhängigen Verlagen mehr an Amazon. Ihr werdet sehen, Lieferstopp ist das wirksamste Mittel, das ihr in der Hand habt.

  • Reisender

    Reisender

    Lieber Herr Stoffers, eine ganz großartige Idee, die Sie da äußern. Es wird das Unternehmen Amazon bestimmt sehr hart treffen, wenn es ein paar Tage lang Bücher von Kleinverlagen übers Barsortiment ziehen musss. Hat man ja an Günter Wallraffs groß inszeniertem Amazon-Boykott gemerkt ...

  • Christian Buggisch

    Christian Buggisch

    Amazon und Wladimir Putin. Meine Güte ... Amazon ist vor allem deshalb so groß geworden, weil man diesen Konkurrenten (mitsamt dem ganzen Internet-Dings) erst nicht ernst genommen hat und dann keine Strategie hatte. Sich jetzt darüber zu beschweren, dass Amazon bei Konditionsverhandlungen irgendwie nicht nett ist, ist lustig. Als hätten die großen Buchhandelsketten je mit Samthandschuhen verhandelt. Man muss Amazon nicht mögen. Man muss bei Amazon nicht einkaufen. Aber man muss Amazon auch nicht für den Untergang des Abendlandes verantwortlich machen … Siehe auch hier: http://buggisch.wordpress.com/2014/06/16/das-boese -boese-amazon/

    • ...

      Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • ...
      Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld

    Bildergalerien

    Video

    nach oben