Interview mit der Krimiautorin Henriette Clara Herborn

"Serientäter sind sehr kreativ"

In ihrem zweiten Roman "Schmerz" (Leinpfad Verlag) lässt die Autorin Henriette Clara Herborn einen der spektakulärsten ungelösten Kriminalfälle wiederaufleben: den Mord an der 22-jährigen Elizabeth Short in Los Angeles 1947 – bekannt geworden als die "Schwarze Dahlie". Das Verbrechen wird zur Blaupause für einen Täter, der 70 Jahre später in Mainz zuschlägt. Dort hat Michael Roesler-Graichen die Autorin getroffen.

Was hat sie an diesem Stoff gereizt?
H. C. Herborn: Ich hatte ein Interview mit Steve Hodel gelesen, der ein Buch über den Fall geschrieben hatte. Hodel ist davon überzeugt, dass sein Vater George der Mörder war. Das hat mich so fasziniert, dass ich das Buch gelesen habe – und der Fall hat mich seitdem nicht losgelassen. Ich habe schon Hunderte von Fällen von Serienmördern und -morden studiert, aber dieser Fall hat mich einfach begeistert.

Können Sie sagen, warum?
Zum einen hat mich die Figur der Elizabeth Short, der "schwarzen Dahlie", fasziniert. Mich hat interessiert, wer sie war. Sehr überzeugend finde ich auch Steve Hodels Serientätertheorie. Er hat viel Beweismaterial zusammengetragen und alles sehr schlüssig dargestellt. Demnach ist sein Vater vermutlich auch in den sogenannten "Red Lipstick Murder" und 17 weitere ungelöste Fälle verwickelt.

Man merkt ihrem Roman an, dass Sie auch über einen theoretischen Background verfügen – Sie haben Film-  und Literaturwissenschaft studiert – und dass Sie die Thriller-Literatur sehr gut kennen. In "Schmerz" wählen Sie einen erzählerischen Kunstgriff: Der Originalmord dient einem neuen Täter als Blaupause für einen Mord, der fast exakt die Vorlage kopiert. Im Krimijargon nennt man das "Copykill" … Das Ganze ist nach Mainz in das Jahr 2017 verlegt. Weshalb?
Es war mir ein Herzensanliegen, diesen Fall erzählerisch zu bearbeiten. Deshalb habe ich ihn in eine Umgebung verpflanzt, die mir vertraut ist. Die Verlegung in eine gegenwartsnahe Zukunft dient dabei vor allem der Verfremdung.

Haben Sie auch Insiderwissen aus der Mainzer Clubszene einfließen lassen?
Nein, es kommt kein Club darin vor, den es annähernd so in der Wirklichkeit gibt. Gut, vielleicht gibt es ein paar Mainzer, die das ein oder andere wiedererkennen. Aber darauf kommt es nicht an. Wer kannte zum Beispiel vor Henning Mankells Wallander-Romanen Malmö? Warum also nicht Mainz als Schauplatz? Deshalb handelt es sich noch lange nicht um einen Lokalkrimi. Ich bin sicher, jemand, der nicht hier lebt, kann es ebenso gut lesen und sich in die Charaktere einfühlen wie jemand, der in Mainz lebt.

Die "Schwarze Dahlie" ist aber auch noch in anderer Hinsicht Vorbild: Ähnlich wie im Originalfall schildern sie ja Karriere-Intrigen innerhalb des Polizeiapparats, die die Ermittlungen blockieren. Keiner der Protagonisten verfügt über das Wissen der anderen. Das erhöht durchaus die Spannung.
Das war ja auch nötig, denn letztlich geht es darum herauszufinden, was mit der Toten im Roman, Mira Cajou, passiert ist; ihren letzten Weg mitzugehen und nachzuzeichnen, wer sie war.

Seit wann schreiben Sie?
Schon sehr lange, unabhängig von irgendwelchen Jobs. Erst sehr viel später habe ich meine zweite Berufung gefunden: Ich arbeite als dritte Barchefin und Barkeeperin in einem großen Mainzer Club, der auch für seine Kulturveranstaltungen bekannt ist.

Der Roman "Schmerz" ist sehr düster, es geht um einen gewaltsamen Foltertod und dessen perverse Verklärung durch den Täter. Dem Leser bleibt kaum ein Detail erspart. Hat Sie das beim Schreiben nicht manchmal Überwindung gekostet?
Nein. Der Tod ist ein alltägliches Thema, auch wenn die meisten Menschen das tabuisieren.

Ganz so einfach lässt sich diese Frage aber nicht beantworten: Denn immerhin haben wir es im Roman mit einem nekrophilen Täter zu tun, der seinen Durchbruch erlebt und am Beginn einer Serie steht …
Viele Menschen verdrängen eben gern, dass Gewalt eine sehr alltägliche Sache ist, auch schon im Kleinen. Indem ich die Handlung des Romans mit einem realen Fall verknüpft habe, mache ich darauf aufmerksam, dass Dinge, die man zu Unterhaltungszwecken konsumiert, auch wirklich geschehen.

Sie haben also einen Thriller geschrieben, der True Crime und Fiction miteinander verbindet. Und ihr Protagonist, Kriminalhauptkommissar Malminger, hat für seine Forschungen über den Mörder der "Schwarzen Dahlie" den (erfundenen) True Crime Award erhalten. Neben dieser Brechung von Realität und Fiktion gibt es natürlich jede Menge Anspielungen an die Thriller-Literatur.
Das ist mir natürlich bewusst, das läuft im Hintergrund immer mit. Ich spiele mit den Klischees, die den Lesern durch den Kopf gehen.

Man merkt den Figuren an, dass Sie sich sehr intensiv mit ihrer Gedankenwelt beschäftigt haben, beispielsweise bei Namiko, der Ermittlerin von der Sitte, die nach Samurai-Grundsätzen lebt und arbeitet. Sind Sie selbst eine Samurai?
Eine Samurai des Alltags.

Wie kamen Sie zum Leinpfad-Verlag?
Bevor ich anfing Romane zu schreiben, schrieb ich Kurzgeschichten. Eines Tages wurde mir der Leinpfad Verlag empfohlen. Aber auch Frau Schulz-Parthu, die Verlegerin, sagte mir, sie habe keinen Platz für Kurzgeschichten im Programm. Wenn ich etwas Längeres hätte, sollte ich mich wieder melden. Das habe ich dann mit meinem ersten Roman "Schwarzer Rhein" getan. Das war zu Beginn noch keine so sichere Sache, zumal ein neues Publikum erschlossen werden sollte. Daraufhin beschloss ich, den Roman mit meinem Blut zu promoten. Und habe das auch getan: Ich habe zur Book Release Party eingeladen und eine Live-Tattoo-Show gemacht, bei der ich las und mir währenddessen einen Schriftzug auf den Unterarm tätowieren ließ. Das Ganze wurde gefilmt und über meinem Kopf an die Wand projiziert. Damit begann eine wundervolle Zusammenarbeit. Mein neues Buch wird deutschlandweit vermarktet, und ich hatte auch schon eine Lesung auf der Criminale in Nürnberg-Fürth.

Waren Sie schon mal in L. A.?
Nein, aber häufiger in North Carolina, wo meine Familie lebt. Da ich zweisprachig aufgewachsen bin, lese ich auch englischsprachige Literatur, um die Sprache in meinem Kopf lebendig zu halten. Und ich mag die Sprache auch sehr gern.

Dann haben Sie auch einen ganz anderen Zugang zum Thriller, denn das Genre ist ja in den USA entstanden …
Ich habe auch bei den großen Meisterinnen gelernt. Patricia Highsmith hat in meinem Leben eine sehr entscheidende Rolle gespielt. Sie ist meine absolute Nummer 1. – Was auch eine Rolle spielt: Ein Verbrecher ist ein Charakter, der eine Freiheit außerhalb der Gesellschaft genießt, die ein anderer Protagonist nicht hat. Mich interessieren Soziopathen besonders, weil sie eine noch größere Freiheit haben und keine persönlich-moralische Instanz in dem Sinne kennen wie wir. Und auch nicht die Art Empathie, wie wir sie verstehen. In Amerika kommen solchen Charakteren die Platzverhältnisse entgegen: Es gibt viel mehr Raum, um solche "Freiheiten" auszuleben – und Leichen verschwinden zu lassen. Das ist gar nicht so einfach, wie man sich das als durchschnittlicher TV-Krimi-Konsument vielleicht vorstellt. In meinem ersten Roman "Schwarzer Rhein" habe ich das konsequent durchgespielt.

Haben Sie das von einem Spezialisten gegenchecken lassen?
Eine Psychologin, die das Manuskript Korrektur gelesen hat, hat nichts in Sachen Soziopathen gefunden, was verbesserungswürdig gewesen wäre. Sie fragte mich, welche Fachliteratur ich denn gelesen hätte. Ich habe keine Fachliteratur gelesen, sondern hunderte von Fällen unter die Lupe genommen. Serientäter sind sehr kreativ.

Wann schreiben Sie?
Eher nachts. Aber um das Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, habe ich im vergangenen Jahr Tag und Nacht gearbeitet. Das war richtig harte Arbeit – zusätzlich zu meinem Job.

Würden Sie sich generell als Nachtmenschen bezeichnen?
Ja, absolut.

Sie haben also den Tag-Nacht-Rhythmus vertauscht …
Richtig.

Lieben Sie die Nacht?
Ja. Nachts kommen ganz andere Menschen aus ihren Löchern, und sie begegnen sich auch ganz anders. Viele sind ungehemmter, was natürlich auch Schattenseiten hat.

Interview: Michael Roesler-Graichen

Dieses Interview ist zugleich ein Nachtrag zum Spezial Krimi & Thriller des Börsenblatts, das als Heft 24 / 2014 erschienen ist.

 

Zur Person
Henriette Clara Herborn wurde 1978 in Mainz geboren und hat ein Studium der Filmwissenschaft und der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft abgeschlossen (M. A.). Vor dem neuen Roman "Schmerz" hat sie zwei Bände mit Kurzgeschichten ("Zufall", Rheinmosel Verlag, 2005, und "Henris Welt", Brandes & Apsel, 2007) sowie den Roman "Schwarzer Rhein", Leinpfad Verlag, 2011) veröffentlicht. Neben ihrem Schriftstellerberuf arbeitet Henriette Clara Herborn als dritte Barchefin und Barkeeperin in einem bekannten Mainzer Club.

 

Bibliografie
Henriette Clara Herborn: Schmerz. Malmingers letzter Fall. 356 S., 14,90 Euro (E-Book: 11,99 Euro).

Zur Rezeption des Falles
Die "Schwarze Dahlie", einer der berühmtesten ungelösten Fälle der modernen Kriminalgeschichte, hat Autoren und Filmemacher inspiriert. Der spektakuläre Mord an der 22-jährigen Elizabeth Short im L. A. des Jahres 1947 diente als Vorlage für James Ellroys Roman "The Black Dahlia" (dt. "Black Dahlia – Die schwarze Dahlie", Ullstein, 2006), den wiederum Brian de Palma 2006 verfilmte.

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