Neu im Regal - Lesetipp der Woche

Im Bauch von Amazon

Mit ihrem Text "Saisonarbeit", einem radikal subjektiven und doch hoch politischen Erfahrungsbericht über ihre Zeit bei Amazon, hat die Leipziger Autorin Heike Geißler womöglich das Buch der Stunde geschrieben.  VON NK

© Spector Books

Amazon, der weltgrößte Online-Händler, ist ins Gerede gekommen, vielleicht sogar in Verruf. Vom Wachdienst schikanierte Saisonarbeiter, Streiks unter anderem in den Logistikzentren Leipzig und Bad Hersfeld, Buchhändler, Autoren und Verleger, die gegen die erdrückende Marktmacht des Online-Riesen protestieren. Kaum ein Tag, da die Firma von Jeff Bezos nicht in den Schlagzeilen ist. Enthüllungen über die Praktiken von "Mr. Gnadenlos" haben Konjunktur; die Empörung führt auch auf diesen Seiten zu verlässlich hohen Klickzahlen.

Wenn Heike Geißler zu Beginn ihres Erfahrungsberichts über ihre Zeit als Saisonarbeiterin bei Amazon die Frage aufwirft, ob es hier "um Leben und Tod" geht, möchte man beschwichtigend die Arme heben: Mal halblang, liegt einem auf der Zunge, und: Ganz so heiß wird die Sache wohl nicht gegessen? Ganze Regalmeter mit Berichten und Reportagen zum Thema existieren mittlerweile, im Mai ist im Pariser Verlag Fayard ein Buch mit dem Insider-Bericht eines Journalisten erschienen, der im Vorweihnachtsgeschäft bei Amazon gejobbt hat (Jean-Baptiste Malet: "In Amazonien − Eingeschleust in die beste aller Welten“). Bei Fayard ging es, klar, um miese Arbeitsbedingungen − um Leben und Tod eher nicht. 

Die 1977 in Riesa geborene Autorin, die 2002 mit dem Roman "Rosa" (DVA) debütierte, bohrt tiefer. Schon nach wenigen Seiten ist mit Händen zu greifen, dass sie die Strukturen unserer, nun ja: Dienstleistungsgesellschaft in den Blick nimmt; Strukturen, an denen "Kopf und Herz" Schaden nehmen. Es geht um die Arbeit bei  Amazon − und darum, dass "mit dieser Arbeit und vielen Sorten Arbeit grundsätzlich etwas faul ist": Amazon als Fallbeispiel. 

In elf Kapiteln − vom ersten Vorstellungstermin bis zum vorzeitigen Abbruch der Beschäftigung − macht Geißler den Leser zum Komplizen ihrer Beobachtungen und Gedanken: "Sie gehen los, ich begleite Sie und sage Ihnen, wie alles ist und was Ihnen passiert. Sie sind ja jetzt als ich unterwegs." Ein rhetorischer Trick, aus dem der Text seine Dynamik bezieht. Was, mit rutschender oranger Warnweste, wie ein Ausflug, ein Abenteuer beginnt − Einblicke in ein Unternehmen zu bekommen, dem man gewöhnlich nur im Netz begegnet − wird für die Autorin in Geldnot sehr bald zum bedrückenden, alle Lebensbereiche infizierenden Alltag. Im Bauch des Unternehmens ist Distanz kaum möglich.

Geißler ist eine Genauigkeits-Fanatikerin, der die Abgebrühtheit des kühlen Möchtegern-Wallraffs fehlt. Ihre Verletzbarkeit ist ihr Potenzial. Mit seismografisch genauem Blick registriert sie die Zurichtungen der Arbeitswelt: Die "Mitarbeitergespräche" zwischen Fahnenappell und Motivationskreis, die subtile Hackordnung von den Klemmbrett tragenden Chefs bis hinunter zur Leiharbeiterin mit 6,75 Euro Stundenlohn, das entwürdigende Gedrängel an der Stechuhr, hastig verschlungene Pausen-Mahlzeiten, die Toilette als unbeobachteter Zufluchtsort. Zarte Zeichen von Solidarität und die üblichen Sprüche, natürlich: Das Leben ist kein Ponyhof. Der untaugliche Versuch, sich hellwach zur Kinderschlafenszeit in einen "vernünftigen Arbeitnehmerschlaf" zu begeben − und das Gefühl bleierner Müdigkeit, das dennoch nicht vergehen will.

In ihrem Text, der die Grenzen zwischen Literatur und Journalismus, Erzählung und Reportage sprengt, gelingt Geißler das Kunststück, mit den Mitteln der Sprache das Politische ins Persönliche zu holen. Auf die Frage, wie sich Erwerbsarbeit so gestalten ließe, dass sie "möglich und nicht tödlich" ist, hat auch sie keine Antwort. Kraft wächst ihr aus den Büchern zu. Nicht unbedingt aus den Tonnen Vampir-Romanen und albernen Ratgebern, die täglich durch ihre Hände gehen. Es sind Gedanken von Hannah Arendt, Friederike Mayröcker, Helga M. Novak, die kleine Leuchtfeuer der Hoffnung setzen – und natürlich auch ein Satz von Elfriede Jelinek: "Wer lebt, stört." Uns Leser entlässt Heike Geißlers schmales, großartiges Buch nachdenklich − und sehr lebendig.

 

Heike Geißler: Saisonarbeit. Spector Books/Volte #2, 270 Seiten, 14 Euro 

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10 Kommentar/e

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  • peter&paul

    peter&paul

    fr. geißler könnte vll. weitere interessante folge-bände ihrer erlebnisse produzieren, z.b. saisonarbeit in der landwirtschaft, erlebnisse in der gastronomie, erlebnisse in der .....

  • heinzi

    heinzi

    mit einer gewissen Erleichterung können wir festhalten, dass das stationäre Sortiment ob seines Bildungsauftrags noch immer ein Hort gegen die Flut von "Tonnen Vampir-Romanen und albernen Ratgebern" ist.
    Dort gibt es nur "Gedanken von Hannah Arendt, Friederike Mayröcker, Helga M. Novak, die kleine Leuchtfeuer der Hoffnung setzen".
    Und natürlich demnächst auch " Heike Geißlers schmales, großartiges Buch"!
    Danke Börsenblatt!

  • Galbadon

    Galbadon

    Glück für die Verlage, das diese verletzbare Enthüllerin nicht mal bei einem Verlag angeheuert hat. Was hätte sie da alles enthüllen können. Schließlich sind soziale Sauereien wie Volontariate und unbezahlte Praktika für Hochqualifizierte dort nur die Spitze des Eisbergs.
    Na, vielleicht gibt es ja noch einen 2. Band "Vielleichtarbeit".

  • IF

    IF

    Wenn dieses Heft das "Buch der Stunde ist", dann gute Nacht Literaturbetrieb.

  • peter&paul

    peter&paul

    @ IF
    keine sorge um den literaturbetrieb, denn dieses buch ist eben nur "das buch der stunde", und die ist schon längst vorbei; schlimmer wäre es gewesen im fall von "buch des jahres".
    p.s. ich bin schon auf fr. geißler's kommendes enthüllungsbuch sowas von total gespannt und kann es kaum erwarten; was soll ich bloß tun bis dahin?

  • IF

    IF

    @peter&paul
    Die kommende Enthüllungen lauten z.B.
    "Privatwirtschaftliche Unternehmen wollen Gewinne erzielen."
    "Die Jugend liest online."

  • Th. Kleinschmidt

    Th. Kleinschmidt

    Mein Gott, was ein Geschwurbel. Man könnte meinen, der Erzengel Gabriel wäre mit diesem Buch in der Hand auf die Erde niedergekommen.

    Und genau, sie kann sich ja mal zur Abwechslung bei einem Verlag bewerben. Wo sie dann (Universitätsabschluss vorausgesetzt) nach drei Praktika und einem einjährigen Volontariat eine mies bezahlte Key-Accounter-Stelle abstauben kann. Aber sowas dauert erstens zu lange für Salongutmenschen wie sie und zweitens fehlt der "gesellschaftliche Sprengstoff"... dafür ist Amazon ja immer eine dankbare Melkkuh.

    Fazit: Viel Lärm um nichts. Ein weiteres Anti-Amazon-Pamphlet, das bald vergessen sein wird.

  • Felix Lertinger

    Felix Lertinger

    'Enthüllungen? Anti-Amazon-Pamphlet?'

    Lesen Sie einen Text doch bitte wenigstens bevor Sie über ihn urteilen, meine Herren. Das verlangt schon die Fairness, selbst anonymisiert im Internet.

  • Marc

    Marc

    Kann mich Gabaldon nur anschließen.

    Die Kritik an Amazon kann ich gut nachvollziehen, allerdings kommen mir die Verlage in diesem Kontext immer viel zu kurz. Wie da Praktikanten und Volontäre systematisch für Armutsgehälter ausgenutzt werden, unter dem Deckmantel der wertvollen Erfahrungssammlung, ist eine vergleichbare Sauerei.

  • Rolf Johann

    Rolf Johann

    Autsch.
    Da ist also jemand auf dem Boden des real existierenden Kapitalismus gelandet und stellt "in einem grundsätzlich verwundbaren, jederzeit zum Entsetzen bereiten Nachfrageton" fest, dass es auch Menschen gibt, die ihre Hände durch ihre Arbeit kaputt machen. Arbeit, welche die Autorin in jungen Jahren am Leben erhielt. Arbeit, die sie jetzt selber verrichten muss, anstatt sich den schöngeistigen Dingen des Lebens widmen zu können.

    Bei allem Respekt, aber das ist borniert bis zur absoluten Ignoranz der Realitäten des Lebens, egal ob Kapitalismus, Kommunismus oder was für einen -ismus hier man hier auch immer als Gesellschaftsform einsetzen mag.
    Wer so blauäugig ins Leben stolpert, und sein Erwachen so verblüfft in Worte packt, dass ich mich nur noch an den Kopf fassen und mich fragen kann, auf welchem Elfenbeinturm derjenige bis zum Zeitpunkt seines "Erwachens" gelebt hat, dem werde ich nicht auch noch für gutes Geld in seine Buchwelten folgen.

    Willkommen im Leben.

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