10 Jahre, 10 Meinungen: Eine Umfrage zum Deutschen Buchpreis

"Eine harte, sportliche Veranstaltung"

Am Montag hat der Börsenverein zum zehnten Mal den besten deutschsprachigen Roman des Jahres gekürt. Zeit für einen Blick auf das, was sich durch die Auszeichnung verändert hat – für Autoren, Verleger, Buchhändler. VON UMFRAGE: HOLGER HEIMANN

 

 

Ulrike Draesner, Schriftstellerin, war in diesem Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert

"Mit heller Haut in die afrikanische Sonne heißt dieses Spiel.

Sein Vorteil: inmitten des ozeanischen Unterhaltungsmarktes macht es aufmerksam auf Literatur, die den Namen verdient. Auf Bücher, die Ambivalenzen zulassen. Die auf Sprache beharren. 

Ein bestes gibt es da nicht. Allemal nicht im Maßrhythmus eines Jahres. Literatur ist das Resultat von Arbeit und einem uneinholbaren und. Auch es ist Arbeit. Mit Mehrheitsfähigkeit haben ihre Ergebnisse nichts zu tun."

 

Klaus Bittner, Buchhandlung Bittner, Köln

"Die Fokussierung auf die deutschsprachige Literatur hat durch den Preis enorm zugenommen. Es gibt einige Leser und zwei Bibliotheken, die Jahr für Jahr die komplette Longlist bei uns bestellen, als Standing Order. Für eine Buchhandlung ist das natürlich sehr lukrativ. Aber es geht nicht nur um gestiegene Verkaufszahlen. Die Literatur von deutschsprachigen Autoren insgesamt wurde durch den Preis enorm aufgewertet. Die Zahl der Übersetzungen hat zugenommen, und genau das war ja auch eines der Ziele. Hier in der Buchhandlung gibt es sehr viele Gespräche mit Kunden über die nominierten Titel, da ist ein unglaubliches Interesse spürbar. Manche sind begeistert über ein Longlist-Buch, andere auch einmal enttäuscht. Aber dies ist doch selbstverständlich. Wichtig ist die Diskussion über Bücher und die ist deutlich angeregt worden. Befördert u.a. auch durch den Preis, ist eine unglaublich lebendige Szene für deutschsprachige Literatur entstanden. Es gibt Gott sei Dank ein großes Selbstbewusstsein gerade unter jungen Autoren. Da ich schon so lange dabei bin,  habe ich auch andere, verschlafenere Zeiten erlebt. Heute, das ist etwas ganz anderes,  das ist spannend, aufregend geworden."

 

Thomas Lehr, Schriftsteller, war mit seinen Büchern zweimal auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis

"Der Deutsche Buchpreis hat dem hiesigen Literaturbetrieb eine harte sportliche Veranstaltung hinzugefügt. Da es den besten Roman schon aus ästhetischen Gründen nicht geben kann, braucht man an den Entscheidungen der unklugerweise stets komplett wechselnden Jury gar nicht zu kritteln. Wenigstens wird der Fokus auf einige interessante Bücher gelegt. Zudem haben außer der Siegerin oder dem Sieger und den Juroren alle das Vergnügen, ein drastisches Fehlurteil zu konstatieren. Das Spektakel schadet wenigen, nützt manchen und amüsiert viele. Den Stress haben vor allem die Literaten. Damit ein einzelner Kollege wenigstens einmal im Leben gutes Geld verdient, werden hundert enttäuscht, die nicht auf die Longlist kommen, vierzehn beleidigt, die es nicht auf die Shortlist schaffen, und sechs einer fragwürdigen Strapaze bis zur Live-Auslese im Römer unterzogen. Wären sie zu Anfang nicht alle der Gewinner, könnte man sie für erbarmungswürdig halten. Es sei denn, sie zweifelten daran, das Ganze habe etwas mit Literatur zu tun."

 

Georg Oswald, Verleger, Berlin Verlag

"Für den, der ihn bekommt, ist der Buchpreis sicher ziemlich gut! Anders sieht es für die Bücher aus, die es "nicht mal" auf die Longlist oder "leider nur" auf die Longlist oder "immerhin" bis auf die Shortlist schaffen, die aber "leider nicht" den Preis bekommen. Sie scheinen von da an alle mit einem unsichtbaren Makel behaftet. Bei Kritik und Publikum haben die Titel jenseits davon gegen die Wahrnehmung zu kämpfen, Bücher zweiter Wahl zu sein. Das ist fatal, denn in der Literatur gibt es keine simplen Hierarchien. Wir müssen aufpassen, dass wir es uns nicht zu bequem machen und nur noch auf diese Listen sehen, wenn wir wissen wollen, was sich zu lesen lohnt."

 

Michael Lemling, Buchhandlung Lehmkuhl, München

"Der Deutsche Buchpreis beschäftigt seit seiner ersten Verleihung den Buchhandel, das Feuilleton, die Leser. Es ist vom Start weg der Literaturpreis in Deutschland, der die größten und auch die heftigsten Emotionen hervorruft. Wer mit der deutschsprachigen Literatur zu tun hat, kann ihm nicht ausweichen. Für uns Buchhändler ist das ein Glück. Zum einen weil die Preisträger Jahr für Jahr mit einer großen, auch internationalen Aufmerksamkeit bedacht und mit entsprechend hohen Verkaufszahlen belohnt werden. Kurz und gut: der Preis kommt im Handel an. Und zweitens weil das Procedere der Preisfindung über die Long- und die Shortlist über viele Wochen zahlreiche Anlässe schafft, mit unseren Kunden im Laden, den Kollegen in der Branche und den Literaturkritikern im Feuilleton über die nominierten Bücher und Autoren zu diskutieren. Diesen hellen Scheinwerfer auf die deutschsprachige Literatur eines Jahres gibt es erst seit 2005."

 

Ursula Krechel, Schriftstellerin, erhielt 2012 den Deutschen Buchpreis für "Landgericht"

"Erstens: Durch den Deutschen Buchpreis habe ich Menschen kennen gelernt, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie "meine" Leser würden. Trauma-Therapeuten, Landgerichtsräte, Emigranten und viele Menschen aus den neuen Bundesländern, die bekannten, man habe ihnen nach der Wende die frühe Bundesrepublik als ein Musterland dargestellt. Mein Buch hätte ihnen die Augen geöffnet, dass es nicht so war.

Zweitens: Meine Ökonomie der Zeit ist sehr viel komplizierter geworden. Ich muss täglich abwägen, ob ich dieses tue oder jenes lasse, Prioritäten setzen. Lesen, Reisen oder ungestört Schreiben, Reagieren oder Agieren sind Konfliktpunkte geworden. Dafür sind die Hotels, in denen ich übernachte, sehr viel besser geworden."

 

Helge Malchow, Verleger, Kiepenheuer & Witsch

"Zum Positiven: Die Aufmerksamkeit für deutschsprachige literarische Neuerscheinungen hat sich deutlich erhöht, wenn auch um den Preis einer gewissen Zirkushaftigkeit.

Zum Negativen: Die zu starke Fokussierung am Ende auf den einen Roman wird der größeren Zahl wichtiger Titel nicht gerecht, verstellt sogar den Blick darauf.

Daher mein Vorschlag: Zumindest die Shortlisttitel (vielleicht 8 statt 6) müssten aufgewertet werden – durch eine längere Zeit der "Gültigkeit" der Shortlist, höhere Preisgelder für die  Shortlistautoren, bessere Inszenierung der Präsentation der Shortlisttitel."

 

Jochen Jung, Verleger, Jung & Jung

"Der Sinn, das geschätzte Publikum auf ein paar definierte Titel anzuspitzen, mit dem dürstenden Buchhandel als Befriediger des Glücks, das hat offensichtlich funktioniert. Dieser Preis ist eine Erfolgsstory. Dass er dem Habitus von ernster Literatur nicht entspricht, wissen wir seit Einführung der Sellerlisten. Dass er, wie jede Competition, Frust bei den Nichtnominierten hinterlässt – und durchaus auch Vorwürfe seitens der Autoren an die Verlage – hebt die Stimmung nicht überall. Für die Gewinner ändert er nicht das Leben, aber sehr wohl das, worum es bei aller künstlerischen Arbeit auch geht: die Wahrnehmung. Ob in jedem Fall große Autoren entdeckt wurden, zeigt sich bald. Die Longlist ist oft entdeckungsfreudig, die Shortlist meist weniger. Tatsache ist, dass viele etwas von diesem Preis haben, zugleich schadet er niemandem. Was will man mehr."

 

 

Ruth Klinkenberg, Bücherstube Marga Schoeller, Berlin

"In den letzten Jahren ist der Deutsche Buchpreis zu einer festen Größe in unserem Buchhandlungsjahr geworden. Der Preis unterstützt uns (wie sehr, das hängt natürlich von dem ausgezeichneten Buch ab ), er muss aber auch unterstützt werden. Wir präsentieren für unsere Kunden alle 20 Longlist-Titel, verteilen an Interessierte das Lesebüchlein zur Longlist (wetten untereinander in der Firma, wer auf die Shortlist kommt) und zeigen natürlich die sechs für die Shortlist nominierten Bücher im Schaufenster und sprechen mit unseren Kunden darüber. Besonders gut war das Jahr 2011, als  Eugen Ruges  "In Zeiten des abnehmenden Lichts" ausgezeichnet wurde und damit ein Buch, das aus meiner Sicht den Intentionen des Buchpreises ziemlich ideal entsprochen hatte. Witzigerweise kommt es allerdings gar nicht so selten vor, dass unsere Kunden die Preise bzw. die Preisträger mit allem durcheinanderbringen, was sonst noch im Oktober an Preisen bekanntgegeben oder verliehen wird, zum Beispiel Friedenspreis, Büchner- oder Literatur-Nobelpreis. Da bleibt die Frage: noch schärfere Profilierung für den Buchpreis, anderer Zeitpunkt – oder egal, Hauptsache Preis?"

 

Melinda Nadj Abonji, Schriftstellerin, erhielt 2010 den Deutschen Buchpreis für "Tauben fliegen auf"

"Mit meinem zweiten Text habe ich alles erlebt: von meinem (ersten) Verleger wurde er abgelehnt, monatelang wusste ich nicht, ob er überhaupt seinen Weg an die Öffentlichkeit finden würde – das Thema schien zu peripher zu sein, die Sprache zu schwierig, ungewöhnlich; ein knappes Jahr nach der Ablehnung fand ich einen Verlag, wiederum ein Jahr später wurde der Text ausgezeichnet, mit dem Deutschen Buchpreis. An mir, an meinem Text wurde – mal enthusiastisch, mal feindselig – abgehandelt, was plötzlich die ganze literarische (und politische?) Welt zu beschäftigen schien. Die Überbelichtung forderte ihren Preis; ich hetzte von einem Tag zum anderen, allen Anstrengungen zum Trotz, eine mir angemessene Geschwindigkeit zu finden. Geholfen hat letztlich die Erkenntnis, dass die Konsequenzen des Preises mit dem Text, mit dem Schreiben selbst nichts zu tun haben. Die Suche, die Sucht nach Wörtern und Sätzen ist stärker als jede äußerliche Anerkennung oder Ablehnung, wie schön, das in aller Deutlichkeit erkannt zu haben. Eine wunderbare Konsequenz des Preises: Ohne ihn hätte ich ein paar Menschen nicht kennengelernt, die bereits zu unverzichtbaren Weggefährten geworden sind."

 

Der Deutsche Buchpreis auf der Buchmesse
  • Vom 8. bis zum 11. Oktober lesen im Paschen Literatursalon auf der Buchmesse (Halle 4.1, D 72) Preisträger Lutz Seiler, Gertrud Leutenegger und weitere Schriftsteller, die es auf die Longlist 2014 geschafft haben.
  • Ein Highlight: das Gespräch mit Lutz Seiler am Samstag um 16 Uhr (mit Signierstunde). Am Freitag ist er beim Börsen­blatt zu Gast, auf der Bühne im Forum Börsenverein (14 Uhr, Halle 4.0, D 106).
  • Eine Werkschau im Paschen Literatursalon gibt Einblick in das Gesamtwerk aller 20 Autoren der Longlist 2014.
  • Zum Jubiläum findet am Donnerstag, dem 9. Oktober, um 14 Uhr die Podiumsrunde "Literaturgeschichte(n): 10 Jahre Deutscher Buchpreis" statt, ebenfalls im Paschen Literatursalon. Die Herausgeber Ingo Irsigler und Gerrit Lembke stellen ihr Buch zum Preis vor: "Spiel, Satz und Sieg" (Berlin University Press).

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