Neulich auf der Frankfurter Buchmesse

"Niemand hat so hoch Bach gespielt wie ich"

Kennen Sie den unermüdlichen Geiger mit weißem Bart? Zu allen großen Messen steht Helmut Scholz am U-Bahn-Eingang zum Messegelände, mit seinem Rolling Stones Schal um die Hüfte sieht er aus wie ein Kosake. Scholz sucht einen Verlag für seine Gedichte. Das Börsenblatt hat mit dem Wahlsachsenhäusener gesprochen. VON INTERVIEW: KAI MüHLECK

"Sie fideln hier jeden Tag auf der Frankfurter Buchmesse wie der Teufel. Jeder kennt Sie. Aber wer sind Sie eigentlich?"

Helmut Scholz reicht eine Visitenkarte herüber. "He just looks like an Shakesperian charakter" steht darauf. Sein Name. Eine Festnetznummer. Und eine Nummer in England. Auf der Karte ist ein Bild: Scholz in historischer Uniform, mit Hut und langem weißen Bart. Heute trägt der 74-Jährige ein T-Shirt eines russischen Truckerverbands, das haben ihm Aussteller auf der letzten IAA geschenkt, der Automesse. Immer trägt er eine Kette um den Hals und einen Schal der Rolling Stones um seine Hüften, Scholz ist ein Riesenfan. Sein Bart ist kürzer.

"Die meisten denken leider, ich bin hier angestellt!", sagt Scholz. Man könnte meinen, er steht den ganzen Tag vor der Messe. "Das ist aber gar nicht wie bei Hase und Igel. Ich spiele morgens zwei Stunden und abends zwei Stunden, zwei komplette Symphonien, zwischendurch gehe ich heim und abends bin ich total fertig." Heim heißt für den 74-Jährigen: Auf die andere Mainseite nach Frankfurt Sachsenhausen. Was spielt er am liebsten? "Klassik, Bach, Händel. Die Hälfte sind eigene Stücke. Ich habe keine Lust mehr, immer nur zu spielen, was andere produziert haben. Ich mache mein eigenes Zeug."

Eine U-Bahn fährt ein und spuckt einen Schwall Menschen aus. Scholz, der seine Geige abgesetzt hatte, entschuldigt sich höflich und fängt an zu spielen. Menschen fotografieren ihn schüchtern, diesen quirligen Geiger, der beschwingt zwischen den Säulen umhertanzt und sich zum eigenen Takt wiegt. Einige werfen Münzen in seine Tasche, in der eine CD von ihm liegt. Dann kommt er zurück.

Wie sind Sie eigentlich zur Geige gekommen, Herr Scholz?

"Viel zu spät für diese Maschine. Mit zehn irgendwo in der Provinz. Früher habe ich im Symphonieorchester  gespielt. Das war aber nichts. Dann habe ich studiert, Deutsch, Englisch und war erstmal Lehrer am Gymnasium."

Aber Sie sind kein Lehrer geblieben?

"Ich wollte Psychologie studieren. Dachte, das ist es jetzt. Ich hatte schon die Ausbildung zum Therapeuten begonnen. Doch dann ist etwas passiert. Ich habe meine Wohnung verloren, mein ganzes altes Leben und stand plötzlich auf der Straße." Scholz macht eine lange Pause.

Ganz unten war er nie. "Ich habe nie auf der Straße geschlafen", sagt er. Stattdessen griff er zur Geige: "Ich habe zwei Jahre lang jeden Tag nur fünf Stunden geschlafen und geübt. Repertoire. Repertoire." Scholz ging auf Reisen, denn spielen kann man überall: Stockholm, New York, Paris. Er war sogar In-Flight-Entertainer: "In der Boeing 747. Niemand hat so hoch Bach gespielt wie ich", freut sich Scholz und lächelt. In London blieb er hängen.

"Das Theater hat mich angezogen. Da wollte ich unbedingt rein. Aber man braucht Geduld. Und Talent." Scholz stellte sich jeden Tag vor das Theater, Waterloo Brigde. Und spielte.

Und das hat funktioniert?

"Plötzlich war ich Schauspieler an der Royal Shakespeare Company. War auch musikalischer Leiter. Später ging es mit dem Theater weiter, weitere Engagements folgten, ich habe in 'Die Möwe' gespielt, ich liebe Tschechow."

Dann sagt Scholz es, nebenbei. Ganz zum Schluss. "Ich bin auch Poet. Hier sind meine Gedichte. Ich suche einen Verleger."

Er kommt mit einem Stapel Papier zurück. Kurze Gedichte in englischer Sprache. Gedichte wie dieses:

A Dream You Forgot

Was there a rabbit?
Was there a rabbit?
Was there a rat?
I forgot.

Was there a fire?
O yes, so beautiful, and yet so terrible,
But I forgot,

And all the screams for help,
And all the panicking,
And yet, o yes, a sight so beautiful
− Clad in the beauty of a thousand stars,
But I forgot.

Was there a rabbit?
Was there a rabbit?
Was there a rat? 

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