Friedenspreis für Jaron Lanier: Festakt in der Paulskirche

"Wir brauchen eine neue Art des Humanismus"

Es war eine andere Dimension, die sich diesmal bei der Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche auftat: Die des Internets, der digitalen Welt. Preisträger Jaron Lanier kommt aus der Netzcommunity und ist zugleich ein scharfer Kritiker des digitalen Kapitalismus. Beim Festakt am heutigen Sonntag entwarf er seine eigene Vision von der Zukunft mit Netzanschluss - in einer Rede, die heiter und traurig, eindringlich und furios war. Und nicht nur auf Worte, sondern auch auf eine ungewöhnliche Klangtechnik setzte.

Jaron Lanier hob die zentrale Botschaft seiner Dankesrede schon im Titel hervor: "Der High-Tech-Frieden braucht eine neue Art von Humanismus" - so war seine Rede überschrieben, die nicht nur eine Analyse des digitalen Wandels war, der alle Lebensfelder erfasst, sondern zugleich eine ganz persönliche Hommage. Er nehme diesen Preis auch zu Ehren des Lebens von Frank Schirrmacher entgegen, "der in unserer Zeit eine Quelle des Lichts gewesen ist", sagte Lanier, der damit an den Tod des "FAZ"-Herausgebers im Juni 2014 erinnerte - und daran, dass beide ein ähnliches Anliegen hatten.

"Je fortschrittlicher die Technologie ist, desto schwieriger wird es, zwischen Algorithmen und Konzernen zu unterscheiden", so der Friedenspreisträger in seiner Rede, in der auch die Zukunft des Buches eines Rolle spielte: "Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornographie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internets - insbesondere Bücher - Perspektiven und Synthesen aufzeigen", betonte Lanier.

Das ist für ihn einer der Gründe, warum das Netz nicht zur einzigen Plattform der Kommunikation werden darf: "Wir haben am meisten davon, wenn es nicht gleichzeitig Subjekt und Objekt ist. Aus diesem Grund schreibt ein Geschöpf der digitalen Kultur wie ich Bücher, wenn es Zeit ist, einen Blick auf das große Ganze zu werfen. Denn es besteht die Chance, dass ein Leser ein ganzes Buch liest."

Bücher seien ein Spiel mit hohem Einsatz, sagte Lanier -  im Vergleich mit anderen Branchen nicht unbedingt in Bezug auf Geld, aber doch in Bezug auf Aufwand, Aufmerksamkeit, der Bereitstellung unseres kurzen Menschenlebens. "Autor zu sein, zwingt uns zu einer Form der Verwundbarkeit. Das Buch ist ein Bauwerk menschlicher Würde".

Gleichzeitig habe das Buch in seiner Geschichte schon viele Veränderungen erlebt. "Aber zu viele der Metamorphosen sind unheimlich. Plötzlich müssen wir es uns gefallen lassen, überwacht zu werden, um ein E-Book zu lesen", so Lanier: "In der Vergangenheit kämpften wir, um Bücher vor den Flammen zu retten, doch heute gehen Bücher mit der Pflicht einher, Zeugnis über unser Leseverhalten abzulegen, und zwar einem undurchsichtigen Netzwerk von Hightech-Büros, von denen wir analysiert und manipuliert werden. Was ist besser für ein Buch: ein Spionagegerät zu sein oder Asche?"

Der Anspruch, dass alte Vorrechte über Bord geworfen werden müssen - etwa Datenschutz oder Errungenschaften der Arbeiterbewegung - um neuer technologischer Effizienz Platz zu machen, sei grotesk, so Lanier: "Allen Technologie-Schaffenden gebe ich zu bedenken: Wenn eine neue Effizienz von digitalem Networking auf der Zerstörung von Würde beruht, seid ihr nicht gut in eurem Fach. Ihr schummelt. Gute technologische Neuerungen müssen sowohl die Leistung als auch die Würde der Erbringer verbessern".

Zum Abschluss packte Lanier ein Instrument aus, das er schon auf der Pressekonferenz am Buchmesse-Freitag vorgeführt hatte: Ein Bambus-Mundorgel aus Laos, gewissermaßen "Vorfahr" der großen Orgel in der Paulskirche und mit der besonderen Spieltechnik auf offenen und verschlossenen Röhren "das erste 16-Bit-System der Geschichte", wie Lanier dem Publikum in einem kleinen Exkurs erklärte. Die Klänge, die er dem "Khaen" genannten Instrument entlockte, waren für den Friedenpreis-Festakt so ungewöhnlich wie die Rede selbst.

Vorsteher Riethmüller über die Rolle des Friedenspreises © Tobias Bohm

In seinem Grußwort machte Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller schon vorab deutlich, dass sich die Wahl des Stiftungsrats diesmal von den bisherigen Preisträger-Entscheidungen abhebe - "und sie findet sich doch in ihnen wieder". Denn auch Lanier streite für eine Gesellschaft, die dem Menschen diene. Sein Einsatz für einen digitalen Humanismus erinnere an die Worte Martin Bubers, für den der wahre Dialog zwischen zwei Menschen nur dann gelinge, wenn keiner der beiden den anderen nur als Objekt, oder neudeutsch: als Gadget, ansehe.

"Jaron Lanier macht deutlich, dass wir uns in einer entscheidenden Phase der modernen Menschheitsgeschichte befinden", so Riethmüller: "Ist der Mensch dabei, sich selbst abzuschaffen, die Werte aufzugeben, die ihm bislang wichtig waren? Was wird der Preis sein, den wir für unsere Unbekümmertheit und Bequemlichkeit bezahlen?".

Martin Schulz © Tobias Bohm

Für Laudator Martin Schulz hat kaum jemand die Gefahren und Risiken der Digitalisierung grundsätzlicher benannt als der aktuelle Friedenspreisträger. "Seine Kritik ist nicht kulturpessimistsch, schon gar nicht technologiefeindlich, sondern er mahnt aus der Position eines kenntnisreichen, zur Sache selbst aber loyalen Oppositionellen", so der Präsident des EU-Parlaments. "Lanier fordert uns auf, als freie, selbstbestimmte, motivierte und kreative Individuen an einer besseren Zukunft zu arbeiten".

Der EU-Politiker plädierte in seiner Laudatio in der Paulskirche für neue Standards, mit denen ein anderes, ein humanes Netz gestaltet werden könnte: "Es sind Standards denkbar, bei denen die kreativen Leistungen und die Arbeit von Menschen honoriert und nicht einfach als kostenlose Verfügungsmasse ausgenutzt werden". Und: "Es sind Standards denkbar, die das Phänomen der Internet-Ökonomie: "The winner takes it all" kritisch hinterfragen. Denn eine zu große Machtkonstellation steht im Widerspruch zu Wettbewerb und Pluralität."

Alle Reden lassen sich in der Friedenspreis-Beilage der nächsten Börsenblatt-Ausgabe nachlesen - und in einer Broschüre, die der Börsenverein am 1. November veröffentlicht (ISBN: 978-3-7657-3292-8.)

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1 Kommentar/e

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  • Douglas

    Douglas

    Gut, dass es solche Menschen auf unserem Planeten noch gibt. Give thanks and praises.

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