Spiegel verlinkt Bestsellerlisten auf Amazon

Eine zweifelhafte Partnerschaft

Die Praxis ist nicht neu, doch der geschärfte Blick auf Amazons Monopolambitionen lässt sie wie Zynismus erscheinen: "Spiegel Online" verlinkt alle Titel in seinen Bestseller-Listen auf Amazon – nur auf Amazon. 500 Buchhändler, die wöchentlich Verkaufsdaten via "buchreport" für den "Spiegel" sammeln, könnten sich verschaukelt fühlen. Und mit ihnen der gesamte stationäre Buchhandel in Deutschland, der teilweise die "Spiegel"-Bestsellerlisten bewirbt.

© Daniel Müller

Die aktuelle Diskussion ins Rollen gebracht hat die Schriftstellerin Julia Franck, die angesichts der Bestseller-Kooperation des "Spiegel" mit Amazon im Norddeutschen Rundfunk bohrende Fragen stellt: Welche Wirkung hat eine so prominent platzierte Liste auf die Monopolisierung des Marktes? Was verdient der "Spiegel" an der Kooperation? Welche Huckepack-Werbeformen wird Amazon für die Bestseller-Seiten auf Spiegel Online noch ersinnen?

Die Kooperation mit Amazon ist offenkundig ein Affiliate-Programm, bei dem der "Spiegel" von jedem Kauf, der durch eine Verlinkung von Bestseller-Titeln auf Amazon.de ausgelöst wird, verdient. Boersenblatt.net hat den "Spiegel" gefragt, weshalb es keine Verlinkung auf alternative Bezugswege gibt. Katharina Borchert, Geschäftsführerin von "Spiegel Online", erklärt dazu:

"Die Spiegel-Bestsellerliste ist eine beliebte Orientierungshilfe für interessierte Leser und bietet Kaufanreize im stationären Handel ebenso wie im Online-Handel. Wir haben über Jahre über Spiegel Online sogar einen eigenen Online-Shop in Kooperation mit libri.de betrieben sowie immer auch auf andere Bestellkanäle verwiesen. Letztlich hat sich gezeigt, dass Amazon der von den Lesern mit großem Abstand am häufigsten gewählte Bestellweg ist. Deshalb findet sich aktuell nur noch diese Verlinkung in der Liste. Aber zurzeit diskutieren wir intensiv, wie wir es ermöglichen können, den Nutzern der Spiegel-Bestsellerliste auch alternative Bezugswege aufzuzeigen, vor allem in Kooperation mit dem lokalen Buchhandel."

Die Buchhändlergenossenschaft eBuch, die mehr als 600 Buchhändler vertritt, hat sich unterdessen zur "Spiegel"-Amazon-Kooperation geäußert: "Die eBuch stellt ausdrücklich klar, dass Daten ihrer Gruppe daran nicht beteiligt sind." 

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12 Kommentar/e

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  • Josef Hammer

    Josef Hammer

    Ja-ja, wenn sich die eigenen Taschen füllen lassen, was schert mich dann ein existenzielles Branchen-Thema ...
    Da hilft wohl nur heftigster Protest (ist die Liste als WERBUNG deklariert?) und Streik bei der Datenerhebung

  • Stefan G.

    Stefan G.

    Jetzt wäre ein engagierter Branchenverband gefragt, eine Alternative zur S-Bestsellerliste aufzustellen. Wenn es denn einen solchen gäbe...

  • Indie

    Indie

    @ Stefan G:
    eine solche Liste ließe sich doch nur beim Handel etablieren, warum soll sich der Käufer/Kunde dafür interessieren? Die Spiegel-Bestsellerliste ist seit Jahrzehnten eine Institution, warum nicht den Spiegel auf des sensible Thema aufmerksam machen und die Liste weiter nutzen?
    Ich staune: Amazon ist doch schon lange als Bestellweg angegeben, es brauchte eine Autorin, nicht einen Buchhändler, um dies zu thematisieren!

  • Problem?

    Problem?

    "... Letztlich hat sich gezeigt, dass Amazon der von den Lesern mit großem Abstand am häufigsten gewählte Bestellweg ist...."

    Ein klassischer Fall von "Der Kunde hat entschieden". Offenbar hat die Bewerbung der Spiegel Bestsellerliste durch den stationären Buchhandel nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Ich kann hier keinen "Zynismus" erkennen. Schließlich wird kein Mensch gezwungen, bei Amazon zu bestellen. So funktioniert ein Markt, auch wenn das dem Preisbindungsverwöhnten Buchhändler suspekt ist.

  • Problem!

    Problem!

    Na ja, das Interesse derjenigen Kunden, die bei Amazon bestellen möchten, wird hier bedient. Das Interesse der anderen Kunden nicht. Und das Interesse der Buchhändler, ohne deren Mitwirkung bei der Datenerhebung wie auch bei der Sichtbarmachung der Liste im öffentlichen Raum die SPIEGEL-Liste niemals die Marke geworden wäre, die sie derzeit ist..., das Interesse dieses kooperierenden Buchhandels also wird schon mal gar nicht bedient, sonder im Gegenteil eher verraten.

    Ich glaube, dass ein funktionierender Markt sich dann erst in seiner vollen Pracht zeigt, wenn Interessengegensätze auf den Tisch kommen. Dieser Streit dürfte deshalb allen an der Liste Beteiligten helfen, zu besseren Lösungen zu finden als einer zwar geschäftstüchtigen, aber zu kurz gedachten Exklusiv-Verlinkung.

  • buchhändlerin

    buchhändlerin

    Wieviele Buchhandlungen sind eigentlich an der Erhebung
    beteiligt? Und funktioniert es nicht auch nach der
    Methode der sich selbst-prohezeienden Wirkung?
    Angeblich stellen Buchhändler, die ich kenne, dann viele
    der "erhobenen" Titel aus und hoffen auf regen Umsatz.
    Ist der Leser nicht hier der Getäuschte?
    Bei Prolit gibt es eine tatsächliche-Abverkaufsliste,
    die finde ich viel ehrlicher und spannender.

  • paulfranz

    paulfranz

    Erst die Washington Post, jetzt der Spiegel.
    Jeff Bezos weiß, wie man kritische Geister an die Leine legt.

  • Dirk Scholze

    Dirk Scholze

    Jakob Augstein beantwortet die Frage: „Wie könnte die Branche überhaupt etwas gegen Amazon tun?“ hier auf Börsenblatt.net in einem Interview vom 16.10 2014 wie folgt:

    „Durch die Politik. Sie kann über das Steuerrecht, über das Persönlichkeitsrecht und das Datenschutzrecht den amerikanischen Datenriesen ordentlich Paroli bieten. Aber sie zögert, weil sie innerhalb Europas unsicher ist. Amazon soll in Luxemburg gerade einmal ein Prozent Steuern auf seine europäischen Gewinne zahlen. Das ist seit 2003 so, und jetzt, im Jahr 2014, findet die Europäische Kommission das nicht mehr in Ordnung und will dagegen vorgehen. Das Politikversagen an dieser Stelle ist eklatant. Die Politik hat nicht begriffen, dass die großen Konzerne länderübergreifend arbeiten, während die Regulierung meist auf nationaler Ebene geschieht. Die Länder haben sich in einen Standortwettbewerb begeben, den die großen Konzerne weidlich ausgenutzt haben. Es ist ganz klar ein Versagen unseres Systems. Und deshalb müssen die Verlage Druck auf die Regierung und die EU ausüben, um etwas zu tun – etwa beim Datenschutz. Wenn das deutsche Datenschutzrecht für Amazon gelten würde, dann wäre die Hälfte des Geschäftsmodells hinfällig. Dass die Politik nicht handelt, hat etwas mit ihrer Selbstentmachtung gegenüber der Wirtschaft zu tun.“

    Jakob Augstein vertritt als alleinvertretungsberechtigter Dauertestamentsvollstrecker in der Gesellschafterversammlung des Spiegel-Verlags den 24-Prozent-Anteil der Familie und ist Kolumnist bei Spiegel Online.

    Ihm sei für seine Antwort gedankt, verbunden mit der Hoffnung, dass es ihm gelingt, Theorie und Praxis zusammenzuführen und seinen Einfluss geltend zu machen, diese unsägliche Verbindung mit Amazon zu beenden.

    Wir anderen stehen ihm gerne hilfreich zur Seite, in dem wir unverzüglich unsere Spiegel Abos kündigen.

    Dirk Scholze
    Betriebsberater für den Sortimentsbuchhandel
    Oldenburg

  • René Kohl

    René Kohl

    Ich finde, es sollte das Verhältnis der Beteiligten an der Bestseller-Liste überprüft und neu austariert werden.
    Es tragen ja mehrere Seiten zu der Liste bei:
    Der Buchhandel, der die Daten liefert und über seine Läden PR macht.
    Der Buchreport, der die Liste daraus generiert (und entsprechende Datein-Sourcing- und Aggregationsaufgaben incl. Regeleinhaltung zu gewährleisten hat) und Plakate druckt und verteilt.
    Und DER SPIEGEL, der seine Marke draufsetzt und über sein Blatt PR macht
    Wenn es nach den Abhängigkeiten geht, würde ich sagen: Ohne den Buchhandel könnten die anderen beiden Parteien nichts machen. Von daher muss der Handel nicht zurückhaltend in seinen Forderungen sein.
    Es hat leichter der Handel einen anderen Partner für die Erstellung einer Bestseller-Liste gefunden, als Buchreport und DER SPIEGEL neue Quellen zur Absatzerkennung.

  • Ingeborg Gollwitzer

    Ingeborg Gollwitzer

    Ältere Buchhändler erinnern es noch: Früher war es verpönt, wenn Verlage direkt an den Endkunden lieferten.

    Jetzt tun es sehr viele und andere wieder verlinken gleich auf Amazon. Wohin auch Autoren verlinken.

    Warum wohl?

    Ingeborg Gollwitzr / Weiden

  • xyz

    xyz

    Andererseits: Auf buchhandel.de sollte diese Liste derzeit besser nicht verlinkt werden! Haben Sie sich die neue Seite mal angeschaut? Ich fände eine Diskussion über das neue Konditionenmodell von buchhandel.de viel wichtiger! Mit dem neuen buchhandel.de werden die Sortimente, die Mitglied im Börsenverein sind vielmehr vom eigenen Verband verballhornt! Denn nur noch am Konditionenmodell teilnehmende Buchhandlungen werden auf buchhandel.de gelistet! Und die Suchfunktion ist leider nicht weniger als katastrophal. Der Sortimentsbuchhandel sollte besser erstmal dieses Problem diskutieren, ehe man auf einen Link auf einer Liste schimpft... Treue Kunden würden sich von einem Link sowieso nicht abschrecken lassen und weiterhin im Sortiment kaufen.

  • Burkhard Schwetje

    Burkhard Schwetje

    Als Produkt Manager der MVB, verantwortlich für buchhandel.de, verstehe ich ehrlich gesagt die Kritik am Konditionenmodell von buchhandel.de nicht. Jeder Buchhändler kann sich kostenlos listen lassen bei buchhandel.de. Er muss nur bei eingegangenen und erfolgreich abgewickelten Bestellungen einen geringen Teil des Nettopreises als Provision für den Betrieb des Portals abgeben. Günstiger und risikofreier für den Buchhändler geht's nicht. Für den Buchhändler ist es eine reine Win-Situation: keine Bestellungen, keine Kosten; zusätzlich erzeugter Umsatz, Provisionen auf diesen zusätzlich erzeugten Umsatz. Aber vielleicht habe ich ja die Kritik von "xyz" (wenn man sich mit Namen zu Wort meldet ist das übrigens meiner Meinung nach der Diskussion förderlicher) nicht verstanden?

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