Die Sonntagsfrage

"Was läuft noch in Sachen Literatur auf SecondLife?"

12. Oktober 2016
von Börsenblatt Online
Manche meinen ja, die vor vielen Jahren einmal medial gehypte Plattform SecondLife sei längst tot. Die Blogger und Organisatoren von Virtual Reality Events Kirsten Riehl und Thorsten Küper wissen es besser - und erklären in der Sonntagsfrage was im SecondLife in Sachen Literatur läuft.

Um die Frage direkt zu beantworten: es tut sich in Sachen Literatur erstaunlich viel auf SecondLife, nur beschränkt sich das Wissen um diese Veranstaltungen auf eine überschaubare Insider-Szene. Wir organisieren seit 2010 gemeinsam die Literaturgruppe Brennende Buchstaben – bereits 2008 von Kirsten Riehl gegründet – und lesen eigene Texte und Comedyprogramme. Vorrangig laden wir jedoch Schriftsteller/innen in den virtuellen Raum ein, die meistens keine Erfahrung mit Second Life oder ähnlichen Cyberwelten haben. Seit 2010 konnten wir insgesamt fast 120 Schriftsteller/innen für solche Online-Lesungen gewinnen, darunter auch bekannte Namen wie Arno Strobel, Karl Olsberg, Uwe Laub, Oliver Buslau, Thomas Thiemeyer, Jennifer B. Wind oder Michael Meisheit, der nicht nur Drehbuchautor der „Lindenstraße", sondern auch erfolgreicher Selfpublisher ist.

In den letzten zwei Jahren haben wir uns vor allem auf kleine Verlage und Selfpublisher spezialisiert, mit denen wir monatlich etwa zwei bis drei Lesungen veranstalten. A

Außerdem organisieren wir zwei "Großveranstaltungen": das BB E-Book Event 2016, bei dem über vier Wochen hinweg jeweils an den Wochenenden insgesamt etwa 20 Lesungen stattfinden und das Festival der Liebe, das traditionell im Oktober stattfindet, das an einem Wochenende stattfindet und rund 30 Lesungen, Ausstellungen und Live-Comedy bietet.

Wir experimentieren mit virtuellen Theaterstücken und konnten in letzter Zeit Comedians und Poetry Slammer wie David Grashoff, Michael Heide oder André Wiesler für Auftitte in Second Life gewinnen. Grundsätzlich sind wir für alle Genres offen, wobei ein leichtes Übergewicht in Richtung Fantastik, Science Fiction und Steampunk besteht, weil Thorsten Küper sich in dieser Szene besonders gut auskennt.

Virtuelle Lesungen haben einige bedeutende Vorteile. Große Distanzen stellen kein Hindernis dar, um die Lesung eines Autors zu besuchen. Man kann per Voice, also direkt übers Headset nach der Lesung auch direkt mit ihr oder ihm ins Gespräch kommen. Da wir Autoren auch gern mit unseren Stimmen unterstützen, entstehen regelrechte Live-Hörspiele, die oft wesentlich spannender sind als die gewöhnliche Ein-Mann-Autorenlesung. Durch beliebig herstellbare Bühnenbilder können wir die Kulissen passend zu jener Szene gestalten.

SecondLife bietet unendlich viel Gestaltungsspielraum

In vielen Berichten über Second Life werden ausgestorbene Geisterstädte erwähnt. Das ist das Problem vieler virtueller Welten. Es werden riesige Metropolen errichtet, aber es mangelt an Ideen, sie mit Leben zu füllen. Genau das gelingt uns aber an solchen Lesungsabenden. Gerade für Lesungen aus den Genres Science Fiction oder Steampunk bietet der freie Gestaltungsspielraum beeindruckende kreative Möglichkeiten. Lassen wir den Autor seinen Dieselpunkroman doch einfach in einem Luftschiff lesen, das gerade von einem riesigen dampfbetriebenen Roboter auf den Boden gezogen wird!

Wir werden oft gefragt, wie viele Zuhörer zu einer Lesung kommen. Im Schnitt sind bei unseren Veranstaltungen 25-30 Personen anwesend. Wer schon als Autor auf Conventions gelesen hat, weiß, dass das für viele eine fast utopische Zuschauerzahl ist. Vor einigen Monaten klagte ein bekannter Schriftsteller, dass er sich bei seiner Lesung in einer großen Buchhandlung in Süddeutschland gerade mal sechs Zuhörern gegenüber sah. Mit der regulären fünffach höheren Zuhöreranzahl stehen wir also ganz gut da. Den Rekord hält bei uns die Steampunk-Autorin Anja Bagus mit 50 Zuhörern bei einer Halloween-Lesung. Beim diesjährigen Festival der Liebe vom 7. bis zum 9. Oktober lag die durschnittliche Besucherzahl bei 30, der Spitzenwert bei 40 Gästen.

"Literatur hat den Cyberspace erfunden. Jetzt wird es Zeit, dass sie ihn benutzt"

Wir verlangen keinen Eintritt für Lesungen, noch müssen Autoren etwas für ihren Auftritt bezahlen. Es gibt auch keine anderen versteckten Einnahmen über Werbung oder sonstiges. Für uns sind Lesungen in Second Life ein rein nichtkommerzielles Projekt. Der Zeitaufwand für einen Gastautor liegt bei rund zwei Stunden. Eine Stunde brauchen wir, um ihm dabei zu helfen, den Client zu installieren und den Voice-Chat richtig einzurichten. (Nein, auch dabei fallen keine Kosten an.). Die zweite Stunde ist dann die eigentliche Lesung mit einem Interview von etwa 20 Minuten Länge. Danach hat das Publikum die Möglichkeit, dem Autor Fragen zu stellen. Die Zuhörer sind übrigens sehr diszipliniert. Wir haben noch nie erlebt, dass eine Lesung durch Zwischenrufe gestört worden wäre. Textchat während der Lesung ist allerdings erlaubt. Auf dieser Ebene hat das Publikum auch die Möglichkeit, zu reagieren. Die meisten unserer Gäste sind später überrascht, wie authentisch sich die Lesung angefühlt hat. Echtes Lampenfieber inklusive.

Über die Lesungen erfährt man über unsere Literaturgruppe Brennende Buchstaben in Second Life selbst, über unsere Facebook Gruppe oder unsere Blogs http://brennendebuchstaben.blogspot.de/ und www.kueperpunk.de

Wir hoffen, dass in nächster Zukunft neue Online-Welten wie Sansar – auch oft als SecondLife 2.0 bezeichnet – oder High Fidelity zu Plattformen für Experimente mit Literatur werden. Die Möglichkeiten sind längst nicht ausgeschöpft. Literatur hat den Cyberspace erfunden. Jetzt wird es Zeit, dass sie ihn benutzt.