Mein Lockdown-Tagebuch (8): Jürgen Horbach über Dilemma und Furcht

"Das eindeutig Falsche und das eindeutig Richtige gibt es derzeit nicht"

31. März 2020
von Börsenblatt Online
Als sich das Corona-Virus ausbreitete, holte auch Jürgen Horbach, Geschäftsführer des Athesia Kalenderverlags, "Die Pest" von Camus aus dem Schrank, in der Ausgabe von 1968. Für ihn ist dort alles beschrieben - nur genauer als es Virologen, Politiker und Journalisten aktuell tun. Seine Prognose: Die Welt wird nach 2020 eine andere sein. Teil acht unserer "Lockdown-Tagebücher", die als ganz persönliche Krisenbegleiter gedacht sind - geschrieben von Büchermenschen.

Die Buchhändlerin hat am vergangenen Samstag ein Schild an die Türe gehängt. Man solle laut klopfen, bei einzelnem Einritt könne man die bestellten Bücher abholen. Davor der See unter der Frühlingssonne, als sei alles wie immer.

Ich erinnere mich an die Tage von Tschernobyl. Ich war in den Bergen gewesen, hatte keine Ahnung; erst vier Tage nach Bekanntwerden der Katastrophe erfuhr ich davon. Ich flog trotzdem nach Wien, berufliche Termine. Niemand aß mehr Salat oder Gemüse. Wien sah damals auch aus wie immer.

Als es losging mit Covid-19 hatte ich, wie andere auch, Die Pest von Camus aus dem Schrank geholt – rororo 15, 469.-493. Tausend, April 1968. Da war ich 15 Jahre alt gewesen. Es ist nicht nur die Geschichte – die Wucht der Camus’schen Sprache öffnet heute die Augen und spendet zugleich Trost. Tatsächlich ist alles beschrieben, nur genauer als dies die Virologen und Politiker und Journalisten aktuell tun.

Die Buchhändlerin ist gelassen. Viele Stammkunden bestellen laufend Bücher; ihr wäre es lieber gewesen, die großen Verlage hätten die Erscheinungstermine der Frühjahrsnovitäten nicht verschoben.

"Wir kämpfen gegen die Auswirkungen eines unsichtbaren Feindes"

Tschernobyl kam aus heiterem Himmel, der Virus kündigte sich hingegen ein paar Wochen lang medial an. Es war klar, dass er Deutschland erreichen werde. Wenn aber alles so ist wie immer, begreift man den Ernst der Lage nicht. Strahlen sieht man nicht, hört man nicht, sie sind geruchsfrei. Ein Virus kommt lautlos daher, unsichtbar; eine Zeitlang ist der Infizierte beschwerdefrei. Es fehlt die Unmittelbarkeit eines Ereignisses wie bei einem Unfall, einem Erdbeben, einer Lawine oder einem Terrorakt.  Das versteht jeder sofort. Eine Weile später sind wir mit Mortalitätsraten, die der Virus produziert, konfrontiert. Sind die nun vergleichsweise gering oder nur die Vorboten größeren Unheils? Unbehagen breitet sich aus, niemand kann die Lage zuverlässig beurteilen.

Zwei Wochen vor der Absage der Leipziger Buchmesse war ich dafür gewesen, sie stattfinden zu lassen. Die Infektions- und Todesraten erschienen mir Laien als zu gering im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten. Nur zwei Wochen nach der ausgefallenen Leipziger Buchmesse beantragen wir für hundert Verlagsmitarbeiter Kurzarbeit, alle Frühjahrsauslieferungen werden frühestens im Mai stattfinden, den Umsatzausfall schätzen wir bis Mitte des Jahres auf einige Millionen.

Mitarbeiter berichten, sie seien in Tirol gewesen zum Skifahren oder die Frau habe jemanden getroffen, der positiv getestet worden sei. Sie bleiben zu Hause. Einen Quarantänefall haben wir nicht. Wir installieren quer durch alle Abteilungen für 100 Mitarbeiter zwei Teams: Rot arbeitet montags und dienstags im Verlag, dann drei Tage im Home Office; Blau arbeitet mittwochs und donnerstags im Verlag, dann drei Tage im Home Office.

Niemand aus den Teams wird sich über einen voraussichtlichen Zeitraum von sechs Wochen bis Ende April begegnen. So bleiben wir auch im Ernstfall einsatz- und arbeitsfähig. Nach zwei Wochen sind die Erfahrungen gut. Nachdem die Ministerpräsidenten doch noch zu einer gewissen gemeinsamen Linie finden, erweitern wir die Home-Office-Option. Es ist erstaunlich, wie viele Mitarbeiter an den zwei Verlagstagen anwesend sind. Es gibt offenbar Gründe. Seit mehr als einer Woche sind alle für uns relevanten Einzelhandelsgeschäfte geschlossen. Die Bedingungen ändern sich.

Wegen einer kompletten IT-Umstellung war das Jahresergebnis 2018 schlecht ausgefallen; wir mussten sparen. Die nachfolgenden Spannungen im Haus und mit dem Betriebsrat lösen sich in der Viruskrise auf; die Frage nach einer verursachenden Schuld stellt sich jetzt nicht. Jeder weiß, dass es auf Gemeinsamkeit ankommt. Gemeinsam mit der Gesellschaft und unseren Kunden im Handel kämpfen wir gegen die Auswirkungen des unsichtbaren Feindes, die drohen, uns wirtschaftlich zu vernichten.

"Die Welt wird nach 2020 eine andere sein"

Physisch stirbt jeder für sich und einsam, folgen wir mittelfristig den Empfehlungen der Virologen, droht die Gesellschaft einen kollektiven wirtschaftlichen Tod zu sterben. Nine Eleven brachte uns die weltweite Überwachung der Bürger, lautlos, stetig, infektiös, wie ein Virus. Entlang der realen Virusbekämpfung wird ausprobiert, wie viele offensichtliche Einschränkungen eine Gesellschaft aushalten kann, gegen die Gewohnheiten, gegen geltendes Recht, gegen die Freiheit. Wie schon nach 2001, wird die Welt auch nach 2020 eine andere sein. Das ist eine beklemmende Erkenntnis.

Die geplante "Woche der Meinungsfreiheit", ein Leuchtturmprojekt unter anderem des Börsenvereins, die Anfang Mai hätte stattfinden sollen, geht in der Diskussion um Beatmungsplätze unter. Selten wurden in so kurzer Zeit so viele echte Dilemmas offenkundig, wie Volksgesundheit versus Wohlstandserhaltung oder weiter zu arbeiten trotz der Unmöglichkeit, etwas verkaufen zu können. Viele Sicherheiten werden obsolet. Tatsächlich sind die meisten Paradoxien wie etwa Handyverfolgung Infizierter versus verfassungsmäßige Rechte nicht auflösbar. Das eindeutig Falsche und das eindeutig Richtige gibt es derzeit nicht, nicht im Verlag und nicht in der Gesellschaft. Daran werden wir uns gewöhnen müssen. Das wissen die Klugen unter den Politikern, denn sie tun, was ihr Job ist, sie entscheiden. Und manches werden sie korrigieren müssen oder neu auftretende Probleme dann angehen, wenn sie sich zeigen. Fürchten muss man sich angesichts der Dilemmas allerdings vor den Unklugen.

Camus beschreibt die Furcht, die alles durchdringt. Mitarbeiter haben verständlicherweise Besorgnisse – um ihre Gesundheit und ihre wirtschaftliche Zukunft. Wir dürfen nie zulassen, dass uns Angst beherrscht, sondern wir werden gemeinsam weiter handeln. Vielleicht werden wir Fehler machen. Eine Welt ohne Bücher wird es auch in der Zukunft nicht geben, fatal wäre es, wenn es in der Branche zu weiteren Konzentrationsbewegungen als Folge der Krise käme. Das träfe uns noch stärker als der Virus selbst.

Größe bedeutet nicht stark zu sein und klein nicht schwach. Die Buchhändlerin am trügerisch schönen See ist nicht schwach. Der Verlag wird mit seinen Kalendern wieder gebraucht werden, wir werden nicht untergehen. Viele wirtschaftliche Mechanismen oder Gewissheiten werden wir aber neu denken müssen. Auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden fortgeschrieben werden müssen. Davon hängen wir ab. Hoffen wir, dass die politischen Fragen in den bald anstehenden Wahlkämpfen nicht wieder auf reine Phrasen reduziert werden.

Die Tatsache, dass die persönliche Kenntnis von Infizierten oder gar Erkrankten im beruflichen und persönlichen Umfeld negativ ausfällt, wird die Virologen nicht beeindrucken. Wir werden noch einige Zeit mit Paradoxien, etwa der persönlichen Erfahrung und den veröffentlichten Statistiken, leben müssen. Furcht, vor dem was kommt, wäre fatal. Was wir am wenigsten benötigen, ist Lähmung.

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