Lockdown-Tagebuch (16): Gina Ahrend über Pressearbeit im Krisenmodus

"Wir sitzen alle im selben Boot"

14. April 2020
von Börsenblatt Online
Corona hat auch den Alltag in der Pressearbeit rund ums Buch fundamental verändert. Gina Ahrend vom Medienbüro Ahrend über neue Routinen und gefragten Content. Teil 16 der Lockdown-Tagebücher, geschrieben von Büchermenschen.

Damals, im Januar, Februar

Dass Corona nicht nur eine Biermarke ist, wird mir erstmals im Januar klar, als von einem unbekannten Virus in Wuhan zu lesen ist. Dass es uns egal sein kann, wenn in China ein Sack Reis umfällt, gilt bekanntlich schon lange nicht mehr. Ende Januar fahre ich daher, schon nicht ganz so entspannt, zur Nürnberger Spielwarenmesse. Dort scheint business as usual angesagt zu sein, auch alle Termine an unserem Heye-Puzzle-Stand laufen nach Plan.

Im Februar planen wir auf Hochtouren für die Eröffnung der Münchner Bücherschau junior am 6. März. Die Eröffnung und die ersten Tage sind erfolgreich, dann verschärft sich die Lage, und wir müssen am 12. abends abbrechen. Im Februar fallen meine ersten Redaktionsbesuche flach, da es in dem Zeitschriftenverlag erste Corona-Verdachtsfälle gibt und man lieber keine Besucher empfangen will. Andere Veranstaltungen, wie ein Runder Tisch in Stuttgart bei der Zeitschrift "Cavallo", mit Teilnehmern aus dem ganzen Bundesgebiet, finden aber noch statt.

März: Interviews und Konferenzen nur noch per Skype & Co

Zum Glück hat der NDR schon für "ttt" mit Cristina Cattaneo in Mailand gedreht, deren Buch "Namen statt Nummern" am 25. März im Rotpunktverlag erscheint. Zwei Wochen später wäre ein Dreh nicht mehr möglich gewesen. Alle anderen ausgemachten Interviews mit der Sendung "DAS!" vom NDR-Fernsehen, der Frauenzeitschrift "Brigitte" oder "Andruck"/Deutschlandfunk werden erst verschoben und müssen dann per Skype stattfinden.

Wann die Sendungen und Artikel gesendet bzw. veröffentlicht werden, steht teils in den Sternen. Cristina Cattaneo ist Professorin für forensische Medizin in Mailand, die sich vehement dafür engagiert, dass die toten Geflüchteten aus dem Mittelmeer identifiziert werden und somit ihre Menschenwürde zurückbekommen. Ein wichtiges Thema, das im Corona-Krisenmodus hintenangestellt wird, aber ja nicht vorbei oder bewältigt ist. Im Gegenteil, wenn Corona sich auf Lesbos und in Afrika ausbreitet, wird es zu neuen Flüchtlingsbewegungen kommen.

16. März: "Katastrophenfall" in Bayern

  • Am Montag, dem 16. März wird in Bayern der Katastrophenfall ausgerufen. Ab Mittwoch werden alle Läden geschlossen. Ich ergattere noch blitzartig eine Kamera für meinen PC, damit die Videokonferenzen nicht nur mit dem Laptop möglich sind, sondern auch im Büro am großen Bildschirm.
  • Meine langjährige feste Mitarbeiterin Inga Wohltmann zieht ins Home Office um. Den Haupt-E-Mail-Eingang haben wir auch zu ihr umgeleitet. So kann eine von uns den Betrieb aufrechterhalten, sollte uns die Quarantäne treffen.
  • Ende März ist ein Verlagsmeeting für die Edition Konturen in Hamburg geplant. Wir verschieben unsere Besprechung auf Oktober.
  • Im Anschluss hätte ich zur AT Vertreterkonferenz an den Bodensee fahren sollen. Abgesagt. Aber wir skypen – und das ist in diesen Tagen eine besondere Freude. Ein Hauch von Normalität, wir können uns sehen und hören, die Kolleginnen und Kollegen von Hamburg bis Zürich.
  • Die Pressereise nach Zürich und München unserer Istanbuler AT-Autorin, Doris Hofer: abgesagt. Somit kann ich den Interviewtermin mit ihr beim Bayerischen Rundfunk in München knicken. Ich hoffe, das Interview lässt sich auch per Skype realisieren.
  • Ende April hätten wir in Hamburg eine Buchpräsentation für Presse und Buchhandel in Tina Olufs Koch Kontor für "Das Glück der einfachen Küche". Jetzt ist abzusehen, dass daraus nichts wird. Im Anschluss wollte ich für ein paar Tage nach Sylt … Ein Buch, das allerdings gut in die Zeit passt, da Malte Härtig, Philosoph und Koch, und Fotografin Jule Frommelt eine Lanze brechen für Kochen als Hand-Werk und den Wert der Achtsamkeit beim Kochen hervorheben. Stichwort: Cocooning ist angesagt.
  • Eine gute Nachricht gibt es auch: "Sabber Schlabber Kussi Bussi" aus "unserem" Helvetiq Verlag wird für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Große Freude!

Die persönlichen Termine für Konferenzen, Treffen, Interviews, ein lange geplantes Seminar in Südtirol für einen Kunden, fallen auf unbestimmte Zeit aus. Dafür werden Telefonanrufe unserer Partnerinnen und Partner in den Redaktionen deutlich mehr. Alle Redakteurinnen und Journalisten sitzen jetzt im Home Office und das scheint gut zu funktionieren. Der Kontakt ist sehr herzlich, wir sitzen alle im selben Boot.

Zeitschriften und Zeitungen erscheinen ja nach wie vor, auch wenn in den meisten Verlagen Kurzarbeit angesagt ist. Ich höre, dass die Anzeigen wegbrechen. Das ist ein Problem bis katastrophal, denn von den Abos und Käufern können die meisten nicht überleben. Aber Content ist gefragter denn je, Kochrezepte aus "unseren" Büchern fürs Cocooning und Bildmaterial. Oder O-Töne mit unseren Autorinnen und Autoren, die per Skype, WhatsApp, Telefon oder wie auch immer eingefangen werden.

Eigentlich sind Puzzles, Spiele und Bücher Produkte der Stunde. Neben Lebensmitteln und Drogerieartikeln gehören Bücher unbedingt zum täglichen Grundbedarf, finde (nicht nur) ich. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (und Nudeln, Klopapier und Hefe). Das sieht Amazon anders und stellt die Belieferung mit Büchern hintenan. Vielleicht auch eine Chance – langfristig – für den Buchhandel.

Viele Buchhändler erweitern ihr Online-Angebot, überarbeiten kreativ ihren Online-Auftritt und beliefern ihre Kunden persönlich. Ein Knochenjob, aber hoffentlich kann dieser ungeheure Einsatz einiges abfedern. Vielleicht erinnern sich die Kunden auch nach der Krise daran … Wir überlegen in den Verlagen, wie wir die Buchhändler mit Aktionen und Content für ihre Webseiten unterstützen können. Die Münchner Abendzeitung fährt eine tolle Kampagne "So kommen die besten Bücher zu Ihnen. (Ganz ohne Amazon!)". Wunderbare Initiative!

Lesen Sie außerdem in der Reihe "Mein Lockdown-Tagebuch":