Wie es bei Metrolit weitergeht

Konzentration im Sachbuch und mehr deutsche Autoren

3. Juli 2015
von Börsenblatt Online
Im Aufbau-Haus sitzt auch der Metrolit Verlag, dessen Lizenzen beispielsweise über Aufbau gemanagt werden. Wie es Metrolit geht, wie man mit den Ergebnissen des ersten Jahres umgeht, erzählen Verlagsleiter Peter Graf und Marketingchef Lars Birken-Bertsch im Gespräch mit boersenblatt.net

Wie stark ist Metrolit von den Turbulenzen bei Aufbau betroffen?
Peter Graf: Die Entscheidungen bei Aufbau gehen natürlich nicht spurlos an uns vorbei. Aber wir sind ein eigenständiger Verlag. Die Veränderungen, die es bei Metrolit geben wird, haben nichts mit denen bei Aufbau zu tun, unsere Überlegungen dazu sind älter.

Metrolit ist vom Feuilleton gefeiert worden, der Buchhandel hat hingegen reservierter reagiert. Das kann Sie kaum überrascht haben.
Lars Birken-Bertsch: Das Metrolit-Programm richtet sich an ein urbanes, jüngeres oder jung gebliebenes Publikum. Es war von Anfang an klar, dass die Bücher nicht zum Sortiment jeder Buchhandlung passen würden. Aber da wo wir hinwollten, in die Großstädte, sind wir gut gelandet. Grundsätzlich braucht ein neuer Verlag einfach eine gewisse Zeit, um sich im Buchhandel durchzusetzen.

Sie sind hinter den eigenen Umsatzerwartungen zurückgeblieben. Woran liegt das?
Lars Birken-Bertsch: Die Erwartungen für das erste Jahr waren sehr hoch, was einerseits berechtig war, aber wir mussten andererseits einsehen, dass der Titelausstoß insgesamt zu groß gewesen ist . Wir haben im ersten Jahr mit einem kleinen Team 40 Titel gemacht. Es ging uns darum, die Marke Metrolit zu etablieren. Das ist gelungen. Aber alle Titel auch ausreichend zu betreuen, war nicht leicht. Man muss sich das als Stufenmodell vorstellen. Wir sind jetzt in einer stärkeren Position, das erlaubt es uns, konzentrierter als zuvor ein Einzeltitelmarketing zu betreiben und so die Potenziale der einzelnen Titel auszuschöpfen.

Peter Graf: Wir sind sehr groß gestartet, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Wir hätten das im selben Umfang fortgesetzt, wenn wir wirtschaftlich erfolgreicher gewesen wären. Aber klar war auch, dass das Programm kein Selbstzweck ist, sondern wir abhängig von Erfolg oder Misserfolg nachjustieren müssen. Wir werden uns deshalb auf bestimmte Programmbereiche fokussieren und das Programm auf 20 Titel herunterbrechen.

Das ist eine Halbierung ...
Peter Graf: Wir haben analysiert, wo unsere Stärken liegen und wo es an Akzeptanz fehlt. Von außen betrachtet sieht das vielleicht aus wie ein großer Schritt zurück, in der eigenen Wahrnehmung ist das nicht so.

Ist der Spagat geglückt, eine spezielle Zielgruppe anzusprechen, ohne in einer Nische zu landen?
Peter Graf: Metrolit steht als Marke für Popkultur und das Junge – das ist Segen und Fluch zugleich. In den Metropolen punkten wir damit, auf dem Land hingegen haben wir es schwer. Deshalb brauchen wir mehr Bücher wie „Blutsbrüder“. Dieser Roman hat bewiesen, dass unsere Titel nicht nur schön und ungewöhnlich sind und von der Presse stark wahrgenommen werden, sondern dass sie sich auch gut verkaufen lassen. Das macht es für uns, das zeigt die derzeitige Vertreterreise, nun spürbar einfacher.

Welche Programmbereiche fallen weg?
Peter Graf: Wir werden uns im Sachbuch konzentrieren und weniger als bisher das klassische Debattenbuch pflegen. Grundsätzlich wollen wir verstärkt eigenständige Sachbuchkonzepte entwickeln. In der Belletristik werden wir vermehrt deutschsprachige Gegenwartsliteratur präsentieren und weniger internationale Literatur.

Was bedeuten die drastischen Sparvorgaben darüber hinaus für das dezimierte Verlagsprogramm?
Peter Graf: Wenn man für das erste Jahr das Verhältnis von Kosten und Umsatz betrachtet, dann ist es einfach unabdingbar, darüber nachzudenken, wie man kostengünstiger agieren kann. Das heißt nicht, das wir jetzt billige Bücher machen, die Ausstattung bleibt wichtig. Sparen lässt sich aber trotzdem, abhängig davon, ob man eigene Ideen entwickelt oder teuer im Ausland oder bei Agenten einkauft. 

Mit wie viel weniger Geld müssen Sie auskommen?
Peter Graf: Wir haben uns darüber verständigt, dass wir in Titel, die uns wichtig sind, auch zukünftig investieren. Die Titelreduktion schafft ja auch Raum. Wichtig ist, dass wir davon überzeugt sind, das jeweilige Buch auch durchsetzen zu können, dass es also mehr als ein Imagetitel ist. Zu unserer Aufgabe gehört es, im Vorfeld so realistisch wie möglich durchzuspielen, was das einzelne Buch „kann“. Das machen andere natürlich auch, wir aber vielleicht noch ein wenig bewusster.

Bleibt das Team komplett beisammen?
Peter Graf: Der Programmleiter für das Sachbuch wird aufhören. Ansonsten bleibt das Kernteam erhalten. Unsere ganze Entwicklung hängt davon ab, wie erfolgreich wir sein werden.

Welche Rolle spielt das E-Book in Ihren Planungen?
Lars Birken-Bertsch: Die E-Book-Verkäufe verhalten sich momentan proportional zu den Print-Absätzen. Das würden wir gern ändern und daher werden wir Verschiedenes ausprobieren. Wir bringen jetzt etwa einen Titel, „Digitale Renaissance“ von Martin Burckhardt, zuerst als E-Book heraus.

Peter Graf: Ein anderes Beispiel ist David Wong und seine Zombiekomödie. Das ist ein toller Genrestoff. Aber für solche Bücher erweist sich das Sortiment als ein Nadelöhr. Also ist es notwendig zu überlegen, wie man die Leser auf anderen Wegen erreichen kann. Es gibt sehr spezielle Blogs, Internetmagazine, einzelne Facebookseiten mit 65.000 Followern – da müssen wir hin.