Wie Juergen Boos die Buchmesse 2014 bewertet

"Meine bisher politischste Messe"

16. Juli 2015
von Börsenblatt Online
Mehr ausländische und weniger einheimische Aussteller, eine Öffnung hin zum jungen Publikum, wachsender Bedarf an Begegnungsorten außerhalb von Ständen, leicht zurückgehende Fachbesucher- und Publikumszahlen: Diese und andere Befunde nimmt der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, mit in seine Planungen für die Zukunft. Das Interview "danach":

Wenn Sie die Messe 2014 auf einen Nenner bringen sollten…? …dann würde ich sagen: die politischste Messe, seit ich dabei bin. International wächst das Interesse an den eigenen Länderauftritten enorm. Wir hatten in diesem Jahr mehr als 20 Kulturminister in Frankfurt. Mit Kulturthemen lässt sich politisch viel bewegen, mehr als mit Wirtschaft. Auch politische Autoren bekamen große Aufmerksamkeit, Leute wie zum Beispiel Thomas Piketty und Jaron Lanier.

Wo lief denn neben der politischen Prominenz die politische Debatte? Wir haben mit der Dänin Janne Teller eine Autoren-Lounge veranstaltet. Was dort diskutiert wurde, wollen wir zunächst in einem Essay-Band zusammenstellen und dann an Bundesaußenminister Steinmeier übergeben. Botschaft: Schaut, so denken internationale Schriftsteller über die Themen, die sie wichtig finden!

Die Autoren-Lounge war eine Klausur, kein öffentliches Format. Warum? Damit in einem geschützten Raum gesprochen werden kann. Es fehlte ja in diesem Jahr auf der Buchmesse nicht an öffentlichen politischen Wortmeldungen von vielen Seiten. Aber mit dem Lounge-Format wollten wir bewusst die Intensität einer Klausur, die zu Konzentration und Vertiefung einlädt. So entstehen neue Gedanken und Impulse.

Die Öffnung der Messe hin zur Jugend war spürbar. Welches Ziel verfolgen Sie langfristig? Wir müssen diese Generation so ansprechen, dass Kinder und Jugendliche uns als Branche interessant finden. Dazu werden wir unsere jungen Gäste an die Hand nehmen. Wir brauchen Sensationen für Kinder, wir müssen ihnen die Dinge und die Menschen hinter den Büchern zeigen.

Was sagen dazu die Aussteller, die in Frankfurt vor allem arbeiten wollen? In Deutschland ist inzwischen eine Mehrheit dafür. Vielleicht ein Drittel, würde ich schätzen, zögert noch oder hat Vorbehalte. International zeigen jedenfalls die großen Publikumsverlage Verständnis für die Öffnung.

Im nächsten Jahr werden die Hallen neu geordnet. Wie ist die Stimmung unter den Ausstellern? Alle merken: Jetzt wird's konkret. Es wird zu Verschiebungen kommen bis hinein in die Halle 3. Viele Aussteller in Halle 8 überlegen, ob sie nächstes Jahr statt in einen sprachlichen besser in einen inhaltlichen Zusammenhang gehen sollten. Das gilt besonders fürs Kinder- und Jugendbuch, aber auch für die Bereiche Coffeetable, Kunstbuch und auch für STM.

Wie sieht es aus bei den Aussteller- und Besucherzahlen? Bei den deutschen Ausstellern haben wir einen deutlichen Rückgang. Da gibt es Korrekturen am Markt, die im Ausland bereits stattgefunden haben. Erfreulich ist auf der anderen Seite ein Wachstum der internationalen Aussteller. Bei Fachbesuchern wie auch beim Publikum verzeichnen wir leichte Rückgänge.

Befürchten Sie einen Verlust an Anziehungskraft der Frankfurter Buchmesse? Die wachsende internationale Beteiligung zeigt mir, dass das Gegenteil der Fall ist. Wer aus Lateinamerika, aus Südostasien zu uns kommt, findet Frankfurt offenkundig sehr attraktiv. Denn diese Aussteller nehmen viel Mühe und eine Menge Kosten auf sich, um hier dabei zu sein.

Ein Teil des Geschäfts findet mittlerweile nicht nur vor dem eigentlichen Messebeginn, sondern auch außerhalb des Messegeländes statt. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?
Das Agentenzentrum ist schon am Dienstag geöffnet. Wir überlegen, ob wir die Öffnung sogar auf den Montag vorziehen sollten – was allerdings in punkto Logistik und Sicherheit nicht einfach wäre. Insgesamt sehen wir eine wachsende Nachfrage nach Orten, die man buchen und nutzen kann, ohne dass man einen Stand braucht. Es geht um Separees und Nischen, und wir sind mit der Messe bereits im Gespräch, wie wir künftig solche Räume noch attraktiver und umfangreicher anbieten können.