Ein Brückenbauer aus Lodz

Karl Dedecius beging am Freitag, 20. Mai, seinen 90. Geburtstag. Zu Gast in der Darmstädter Orangerie waren viele Persönlichkeiten aus Literatur, Kultur und Politik. Am Abend wurde der renommierte Übersetzerpreis, der den Namen des wohl bedeutendsten Vermittlers zwischen Polen und Deutschland trägt, an Esther Kinsky und Ryszard Turczyn verliehen. VON KUM

Geburtstagkind Karl Dedecius inmitten der Preisträger und Laudatoren.

Geburtstagkind Karl Dedecius inmitten der Preisträger und Laudatoren. © kum

Zahlreiche Ehrungen und Würdigungen hat der Kulturvermittler und Übersetzer Karl Dedecius in seinem Leben stets bescheiden entgegengenommen – oder vielmehr, über sich ergehen lassen. Darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1990), den Orden des weißen Adlers (1997) und im letzten Jahr den Deutschen Nationalpreis. Alles Aufhebens um seine Person ist dem hochverdienten Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen eher unangenehm.

Der mit mehreren Ehrendoktorwürden geehrte Dedecius, der von Polen respektvoll mit „profesor“ angeredet wird, wurde 1921 in Lodz, dem „Manchester des Ostens“ geboren und wuchs zweisprachig auf. Nach dem Überfall Polens wurde er in die Wehrmacht eingezogen und nach Stalingrad geschickt. In sieben Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft brachte er sich selbst die russische Sprache bei. 20 Jahre lang arbeitete er an der „Polnischen Bibliothek“, die in 50 Bänden im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Außerdem übersetzte er zahlreiche polnische und russische Dichter in die deutsche Sprache. Poeten wie Tadeusz Różewicz und Zbigniew Herbert widmeten ihm Gedichte. Er stand in intensiver und freusndschaftlicher Korrespondenz mit zahlreichen anderen, unter ihnen etwa Czeslaw Milosz und Wislawa Szymborska. Als weiteres Hauptwerk gilt das siebenbändige „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ (Ammann Verlag). Gefördert von den Ländern Rheinland-Pfalz und Hessen und der Stadt Darmstadt gründete er das bekannte Deutsche Polen-Institut mit Sitz auf der Mathildenhöhe, dessen Leiter er bis 1997 war. Als wichtiger Geldgeber und Unterstützertrat später die Robert Bosch Stiftung hinzu.

Seit 2003 verleiht die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem DPI den mit jeweils 10.000 Euro dotierten Karl-Dedecius-Preis. Im Zwei-Jahres-Turnus wird der Preis an einen deutsche und einen polnischen Übersetzer oder Übersetzerin vergeben. Die Preisverleihung findet abwechselnd in Darmstadt und Krakau statt. In diesem Jahr waren 400 geladene Gäste aus Kultur, Politik und Kunst in der Darmstädter Orangerie anwesend als Esther Kinsky und Ryszard Turczyn für ihre Verdienste ausgezeichnet wurden. Sie alle brachten Karl Dedecius ein polnisches Geburtstagsständchen dar: „Sto lat“ sangen die Gäste des sichtlich gerührten Nestors polnischer Kultur in Deutschland. „Sto lat“ – einhundert Jahre möge er alt werden, der „profesor“ von der Darmstädter Mathildenhöhe.

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1 Kommentar/e

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  • H. Kraft

    H. Kraft

    Karl Dedecius, der jetzt 90 Jahre alt wurde, hat viel für die Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen getan.
    Dies kommt auch besonders in vielen Übersetzungen in verschiedenen Sprachen und Büchern zum Ausdruck.
    Karl Dedecius geht und ging ohne Vorurteile und Voraussetzungen auf die Menschen zu.
    Für Dedecius sind Bücher und die Literatur anderer Länder sehr wichtig. Sein dichterisches Werk gibt Verbindungen zwischen den Völkern und zeigt Wegzeichen zum Frieden in unserer unruhigen Zeit.
    Karl Dedecius kann daher auch als ein Mahner für den Weltfrieden gesehen werden.
    H. Kraft, München

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