"Das Gedicht" wird 25 Jahre alt

Lyrik auf hoher See

Die Zeitschrift "Das Gedicht" wird 25 Jahre alt − zum Jubiläum wird kräftig gefeiert. "Ich wäre depressiv geworden, wenn ich lebenslänglich als Jurist hätte arbeiten müssen", sagt Anton G. Leitner, der Gründer der Zeitschrift, im Gespräch. INTERVIEW: ANDREAS TROJAN

Die Cover der ersten fünf und der fünf zuletzt erschienenen Ausgaben

Die Cover der ersten fünf und der fünf zuletzt erschienenen Ausgaben

25 Jahre ist sie nun jung: die Zeitschrift „Das Gedicht“. Sie hat inhaltliche und auch formale Trends gesetzt, kaum ein Autor von Rang, der eben auch Lyrik schreibt, hat in der Zeitschrift nicht publiziert. Sprich: „Das Gedicht“ ist ein fester Bestandteil der deutschsprachigen Literaturszene. Anton G. Leitner hat die Zeitschrift bis 2007 alleine herausgegeben, ab dann gab und gibt es wechselnde Mitherausgeber. Zum Jubiläum wird kräftig gefeiert: Am Dienstag gibt es ein Kolloquium zum Thema „Die Zukunft der Poesie“, am Mittwoch demonstrieren erst Poeten am Münchner Marienplatz für die Menschenrechte, abends dann lesen 60 Lyriker im Literaturhaus München. Infos unter: www.dasgedichtblog.de

Wie kam es damals vor 25 Jahren dazu, "Das Gedicht" zu gründen?
Seit meiner Jugend hat mir Lyrik eigentlich alles bedeutet. Ich tauschte mich bereits als Jurastudent mit anderen Poeten wie Friedrich Ani, Michael Lentz oder Helmut Krausser aus, meist auf Veranstaltungen der von mir mitbegründeten "Initiative Junger Autoren". Ich sammelte erste Erfahrung als Herausgeber von Lyrik im Goldmann Verlag. Unter der Sprache der Juristerei litt ich wie ein Hund. Damals gab es hierzulande keine Zeitschrift von überregionaler Bedeutung, die sich ausschließlich der Lyrik gewidmet hätte. Ich wäre aber auch depressiv geworden, wenn ich lebenslänglich als Jurist hätte arbeiten müssen. Aus dieser Situation hat mich die Gründung der Zeitschrift "Das Gedicht" erlöst.

Was hat sich an Inhalt und Form an der Zeitschrift in den letzten 25 Jahren geändert?
Wenn man sich die Deckblätter aller bisherigen 25 Folgen ansieht, erkennt man schon am Erscheinungsbild, dass sich unsere buchstarke Zeitschrift etwa alle sieben Jahre deutlich verändert hat. Wir starteten schwarz-weiß, wurden farbiger, provokanter, hatten viele bekannte Namen auf dem Cover, wechselten dann zu Themenausgaben und sind jetzt wieder zu einer strengen, reduzierten Grafik zurückgekehrt. Mit dem Äußeren änderte sich auch der inhaltliche Aufbau: Am Anfang war der Lyrikteil nach dem Alter der Autoren gegliedert. Dann kam der Essayteil und es folgten sehr viele Kurzkritiken. Ab Folge 16 kamen wechselnde Gastherausgeber hinzu, die unsere Arbeit stark mit ihrem eigenen lyrischen Kosmos prägten. Die Lyrikkritik findet heute auf unserem Online-Forum dasgedichtblog.de statt.

Anton G. Leitner

Anton G. Leitner © Volker Derlath

Welches lyrische Spektrum deckt "Das Gedicht" ab? Wie kommen Sie zu den einzelnen übergreifenden Themen eines jeden Bandes?
Seit der ersten Folge drucken wir Erstveröffentlichungen von zeitgenössischen Lyrikern aller Generationen, inzwischen mehr Mundart als früher. Im Zentrum stehen die Gedichte, egal wer sie geschrieben hat, ob jung, ob alt, ob bekannt oder unbekannt. Das Spektrum reicht von Lautpoesie über Realpoesie hin zur experimentellen Lyrik. Wobei uns die Lesbarkeit sehr wichtig ist. Entweder sind es große Themen wie Liebe, Tod und Natur. Oder wir greifen aktuelle gesellschaftliche Diskussionen auf und versuchen sie unter lyrischen Aspekten zu vertiefen, etwa Erotik, Essen und Trinken, Heimat – und jetzt Religion.

Wie steht es um das Interesse für Lyrik bei den Medien und bei den Lesern?
Gerade in einer Zeit, in der Geld vielen Menschen alles bedeutet, ist das Verfassen und Verbreiten von Poesie die vielleicht elementarste Form des friedlichen Protests gegen die totale Ökonomisierung. Manche Themenbände von "Das Gedicht" und die daraus entstandenen Anthologien bei dtv und Reclam haben sehr gute Absatzzahlen. Wenn öffentlich-rechtliche Sender ihren Kulturauftrag vernachlässigen, werden multimediale Blogs im Internet immer wichtiger.

Welche Chancen hat "Das Gedicht" und Lyrik allgemein im Buchhandel?
Keine Buchhändlerin und kein Buchhändler sollte Angst vor Poesie haben. Pfiffige Anthologien und ein lyrischer Hotspot im Geschäft haben aus meiner Sicht Chancen, gerade weil Lyrikleser langzeittreu und zahlungskräftig sind.

Der Band, der zum Jubiläum erscheint hat das Motto "Religion im Gedicht". Warum gerade dieses Thema?
Die derzeitige öffentliche Debatte um Islamismus und Islam provozierte unsere eingehende lyrische Betrachtung. Bei mancher religiösen Gesinnung scheint im Gegensatz zur Lyrik die Parcelsus-Formel "Die Dosis macht das Gift" zu gelten. Von der Poesie kann ich das nicht behaupten. Ich habe mit Gedichten fast alle Menschen kennengelernt, die mir etwas bedeuten.

Wie sehen Sie die Zukunft der Zeitschrift "Das Gedicht"?
Jede neue Ausgabe von "Das Gedicht" ist eine Fahrt auf die hohe See hinaus. Sie kostet mich über 50.000 Euro. Unsere 1.000 privaten Abonnenten sind die eine Überlebensversicherung, die andere sind engagierte Buchhändlerinnen und Buchhändler, die unsere Arbeit durch Fortsetzungsbestellungen und Barsortimentskäufe unterstützen.

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