#yeaward17: Die Nominierten (3)

Nico Wendt: Der Super-Azubi

Mit 30 Jahren entdeckte Nico Wendt die Liebe zum Buchhandel. Nicht nur seine preisgekrönten Schaufenster sorgen dafür, dass er im Büchereck in Hamburg-Niendorf bald fest zum Team gehört. CHRISTINA BUSSE

Nico Wendt im Büchereck Niendorf Nord

Nico Wendt im Büchereck Niendorf Nord © Michael Zapf

Dass ihn seine Ausbildung in die Pathologie führen würde, hatte Nico Wendt sicher nicht erwartet. Der Abstecher  machte ihm sogar Spaß: Seine Abschlussklasse an der Landes­berufsschule in Malente tüftelte im Fach Marketing ein Krimi-­Rollenspiel aus – eine von vier Stationen in ihrem selbst erdachten und entsprechend ausstaffierten "Krimihaus" unter dem Dach der Schule war die Rechtsmedizin. Wendt begleitete die Besucher bei der Jagd nach dem Mörder als Erzähler und Moderator durch alle Räume. Die Marketing-Übung war für Nico Wendt eines der Highlights im Schulunterricht, kurz vor der Abschlussprüfung in diesem Monat. Der bevorstehende Abschied von den 13 Mitschülern fällt ihm schwer. "Zuerst hatte mich ja die Aussicht ein bisschen geschockt: Mehrmals bis zu sechs Wochen am Stück in Malente, dem Ort der vielen Apotheken … aber der Blockunterricht schweißt zusammen", meint der Hamburger schmunzelnd. Wendt lebt in seiner Heimatstadt mitten im urbanen Stadtteil Rotherbaum – und hat sich erst mit Anfang 30 für eine Ausbildung im Buchhandel entschieden: "Ich wollte einen Beruf, in dem ich zu 100 Prozent aufgehe."

Kurz vor dem Abitur hat er die Schule verlassen, jobbte in einem Unternehmen, das Werbebanner druckt, und holte mit 28 Jahren sein Fachabitur Wirtschaft nach – wozu auch ein sechs Monate langes Praktikum in der Buchhandlung Büchereck gehörte. "Ein Glücksgriff!", meint Nico Wendt. Der Trubel im Weihnachtsgeschäft, die vielfältigen Anforderungen von der Beratung übers Kassieren bis hin zur Dekoration trafen bei ihm einen Nerv, schnell merkte er: "Das ist es." Nicht zuletzt, weil Christiane Hoffmeister, die Inhaberin des ­Bücherecks, von Anfang an Vertrauen in ihn gesetzt hat und der Umgangston im Laden freundlich-familiär ist.

Künstlerische Ader 

Ob sie gleich auf Anhieb wusste, dass sie sich einen "Super-Azubi" an Land gezogen hatte? So jedenfalls bezeichnet sie ihren Mitarbeiter, der im Sommer 2014 beim Büchereck angefangen hat, auf der Facebook-Seite ihrer Buchhandlung. Herzlich und mit einem Augenzwinkern: Das Gespann in der Stadtteilbuchhandlung in Hamburg-Niendorf versteht sich. Und tatsächlich hat der "Super-Azubi", der wahlweise auch "Deko-Chef" genannt wird, schon Wettbewerbe für die Buchhandlung gewonnen – mit herausragenden Ideen für die Fenstergestaltung, die er eigenhändig umsetzt, zum Beispiel zum Gratis-Comic-Tag oder zum Thema E-Book. "Ich habe mein kreatives Potenzial hier wiederentdeckt", sagt Wendt, der zuletzt im Kindergarten mit so viel Begeisterung gebastelt und die künstlerische Ader offenbar von seinem Vater, einem Schauwerbegestalter, geerbt hat. Zusätzliche Motivation: "Ich habe hier vollkommen freie Hand, kann mich verwirklichen und entfalten." Raum dazu bietet das Büchereck reichlich: In drei Himmelsrichtungen bietet der Laden, der in einer kleinen Fußgängerzone gelegen ist, 40 laufende Meter raumhohe Fensterfläche. Ob zu Halloween, Ostern oder Weihnachten, zu einem Bücherblog, einer anstehenden Veranstaltung oder für das fest installierte "Krimimimi"-Fenster: der 34-Jährige geht nach dem Learning-by-Doing-Prinzip vor, probiert auch zu Hause und am Wochenende Gestaltungsideen aus, mixt dabei Digitales und Handarbeit, setzt zum Beispiel gern farbigen Fotokarton oder Tapetenbahnen ein. "Früher wollte ich mal Comiczeichner werden", erzählt Nico Wendt. Eine Ambi­tion, die durch die Ausbildung als privates Hobby wieder auflebt. Doch statt zum Zeichenstift greift er heute zu Pinsel und Aquarellfarbe. "Mal sehen, was sich daraus entwickelt", sagt er. Bilderbuchillustration reize ihn sehr.

Gelebte Nähe 

"Kreativität" ist auch das Stichwort, wenn man ihn nach Ideen fragt, wie der Buchhandel potenzielle Azubis ansprechen könne. "Social Media gehört dazu – und ist ja auch fester Bestandteil der Kundenpflege", so Wendt. In puncto Kundenbindung kann er sich einiges von seiner Chefin abschauen. "Sie hat die Lange Nacht der Literatur in Hamburg ins Leben gerufen, eine Lesung für Geflüchtete und einen Benefizlauf, eine Lesung mit Bodo Kirchhoff vor 250 Gästen – es ist faszinierend, was sie auf die Beine stellt", sagt der Azubi, der immer miteinbezogen wird, etwa bei den seit 2016 stattfindenden Buchvorstellungsabenden in der Buchhandlung. "Jeder von uns präsentiert fünf Titel. Ich selbst lese sehr gern englischsprachige Autoren, am liebsten im Original." Was Wendt besonders schätzt: Die Buchhandlung lebt von der Pflege der Stammkunden. "Man fühlt sich sehr verbunden – die Arbeit mit ihnen und den Kollegen ist schön." Deshalb freut er sich besonders darüber, dem Büchereck über die Ausbildung hinaus erhalten zu bleiben. Vorher ist vielleicht noch ein Urlaub drin – dann düst er mal nicht mit dem roten Lieferfahrrad durch den an der Grenze zu Schleswig-Holstein gelegenen Stadtteil Niendorf, sondern macht sich mit dem Rucksack auf nach Cornwall oder Irland. Buchhandlungen gehören auf der Tour natürlich zu den Attraktionen am Wegesrand.

Was sagen Sie zu ...

... Konzentration?
"Rock- und Heavy-Metal-Musik von den Foo Fighters und Metallica höre ich gern laut. Aber beim Lesen habe ich lieber Ruhe."

... Aufreger?
"Meine Abschlussprüfung im Mai. Jetzt geht es um alles. Am aufregendsten: Rechnungswesen. Überraschend: Mir gefällt das Kaufmännische."

... Lieblingskunde?
"Es gibt da eine Kundin, die von mir immer ein 'Buch der Woche' empfohlen haben will – obwohl wir einen sehr unterschiedlichen Geschmack haben. Das ist spannend und fördert die Empathie. Übrigens die erste Kundin, die ich duzen darf."

Der Börsenblatt Young Excellence Award 2017 und die Teilnahmebedingungen

  • Zum vierten Mal vergibt das Börsenblatt in Kooperation mit dem Börsenverein, der Frankfurter Buchmesse und dem mediacampus frankfurt einen Preis für herausragende junge Macher und Macherinnen in der Buchbranche. Der Preis zeichnet exzellente Persönlichkeiten bis höchstens 39 Jahren aus, die in der Branche etwas bewegen – sei es als Mitarbeiter in einer Buchhandlung, im Verlag bei einem Dienstleistungsunternehmen oder als Selbstständige.
  • Gefragt sind Leute in Verlagen oder Buchhandlungen oder bei Dienstleistern, die mit eigenständigem Denken und Handeln Spuren hinterlassen, aber noch nicht auf der Top-Führungsebene arbeiten.
  • Selbstnominierungen und Vorschläge für Kandidaten sind gleichermaßen willkommen: Vorschläge  für den Young Excellence Award können jederzeit per E-Mail an k.muehleck@mvb-online.de eingereicht werden. Stichwort: #yeaward
  • Aus allen Vorschlägen wählt die Börsenblatt-Redaktion die Nominierten der Shortlist aus. Jeden Monat stellt das Börsenblatt in der ersten Magazin-Ausgabe und auf boersenblatt.net einen Kandidaten vor. 
  • In einer öffentlichen Wahl ist die gesamte Buchbranche dazu augerufen, auf boersenblatt.net den Preisträger oder die Preisträgerin zu bestimmen. Der Sieger wird im November bekannt gegeben. Die Publikumswahl im Oktober ersetzt das bisherige Jury-Prinzip.

Das gibt es zu gewinnen

  • Alle Kandidaten auf der Shortlist erhalten exklusive Tickets für den "Business Club" der Frankfurter Buchmesse.
  • Der Gewinner kann mit einem Bildungsgutschein in Höhe von 1.000 Euro Fort- und Weiterbildungen auf dem mediacampus frankfurt besuchen.
  • Neben einem E-Paper-Jahresabo des Börsenblatts winkt dem Sieger oder der Siegerin außerdem ein Glaspokal als Trophäe.

Hier gibt es mehr Informationen zum Börsenblatt Young Excellence Award und den bisherigen Peisträgern und Nominierten.

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