Aktuelle Sachbücher über Politik und Gesellschaft

Weltbewegend

Die Herbstprogramme zeigen Themen, die die Welt bewegen: Flucht und Vertreibung, doch ebenso auch Digitalisierung und Privatisierung. Eine Auswahl der Neuerscheinungen. KATHARINA GRöGER

Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

Flüchtlinge auf dem Mittelmeer © picture alliance / Pacific Press

Während man in Deutschland im letzten Jahr noch über Merkels Flüchtlingspolitik diskutierte, blieb in anderen Teilen der Welt keine Zeit zum Debattieren. Im Jahr 2014 sorgte die islamistische Terror-Organisation Boko Haram mit der Entführung von über 200 nigerianischen Schülerinnen für Bestürzung. Weltweit formierte sich eine Protestbewegung, an der sich auch Amerikas First Lady Michelle Obama beteiligte. Wie viele andere zeigte sie in den sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #bringbackourgirls Solidarität mit den entführten Schülerinnen und forderte deren sofortige Freilassung. Bis heute befindet sich ein Großteil der Opfer noch in der Gewalt der Entführer. Nicht so Christin Patience Ibrahim. Sie vertraute Journalistin Andrea C. Hoffmann die grausamen Erlebnisse der Gefangenschaft und ihres Überlebenskampfs an. "Die Hölle von innen" (dtv, November, 240 S., 14,90 Euro) setzt die persönlichen Erlebnisse in einen politischen und historischen Kontext.

Auch die erste muslimische Friedensnobelpreisträgerin, Shirin Ebadi, erlebte Grausames: Sie verlor in ihrem Kampf für Menschenrechte im Iran nicht nur Hab und Gut, sondern auch geliebte ­Menschen. Aus dem Exil erzählt die ehemalige Richterin und Vorsitzende des Teheraner Gerichts in "Bis wir frei sind" (Piper, Oktober, 304 S., 22 Euro) von ihrem Kampf für ihre Überzeugungen und ihrem Traum einer besseren Zukunft, für den sie in ihrem Heimatland viele politische Gefangene verteidigte und sich seit den 90er Jahren verstärkt für die Rechte von Frauen und Kindern einsetzte.

Viele Schicksale Flüchtender und Vertriebener werden nicht bekannt, beeinflussen jedoch trotzdem die Weltordnung. Allein 2015 registrierte das UN-Flüchtlingshilfswerk 60 Millionen Flüchtlinge. Über die Diversität von Beweggründen und Schicksalen schreibt Marc Engelhardt auf 352 Seiten in "Die Flüchtlingsrevolution" (Pantheon, ­August, 16,99 Euro).

Besonders in der Flüchtlingsfrage wurde im letzten Jahr die Macht der digitalen Welt sichtbar. Fronten verhärteten sich, Hasskommentare gehörten in den Medien zur Tagesordnung, aber auch Hilfe für Asylbewerber wurde schnell und oft unbürokratisch organisiert. Plattform dafür war häufig das soziale Netzwerk Facebook. Welchen Einfluss das Netzwerk auf den Einzelnen und somit auch auf die Gesellschaft hat, erläutert Roberto Simanowski in "Facebook-Gesellschaft" (Matthes & Seitz, 238 S., 20 Euro). Simanowski gibt sich nicht mit einfachen Antworten auf die Frage nach dem Erfolg des Netzwerks zufrieden, sondern beleuchtet in philosopher Weise die gesellschaftlichen Phänomene, die dem Netzwerk zum weltweiten gesellschaftlichen Siegeszug ver­halfen.

Auch Yvonne Hofstetter, Expertin für künstliche In­telligenz, setzt sich mit dem Thema Big Data – Facebook gehört im Bereich der Überwachung zu den globalen Playern – aus­einander. In "Das Ende der Demokratie" (C. Bertelsmann, September, 352 S., 19,99 Euro) beleuchtet sie die künstliche Intelligenz kritisch und zeigt anhand brisanter Szenarien, wie künstliche Intelligenz die Politik beeinflusst.

Doch nicht nur in den sozialen Netzwerken geben wir zunehmend die Kontrolle über unsere Daten ab. Mit dem sogenannten Internet der Dinge lassen sich schon längst zahlreiche Haushaltsgegenstände per Smartphone und App steuern – Tendenz rasant steigend. Der Sozialwissenschaftler Philip N. Howard zeichnet in "Finale Vernetzung. Wie das Internet der Dinge unsere Gesellschaft verändern wird" (Quadriga, ­September, 320 S., 24 Euro) das Bild eines Internets, das heute in seiner mächtigen Form noch gar nicht bekannt ist, sondern auf dessen Entstehung Entwickler, Informatiker und Produktdesigner gerade erst hinarbeiten.

Fatal wäre jedoch die Annahme, dass die Weiter­entwicklung des Internets und die Digitalisierung des täglichen Lebens allen Menschen – neben den Risiken – die gleichen Vorteile bringen. Die genießt nämlich nur ein Bruchteil der Weltbevölkerung, denn die Differenz zwischen Arm und Reich wird nicht nur in Deutschland immer größer, sondern weltweit. Stephan Lessenich beleuchtet in "Neben uns die Sintflut" (Hanser Berlin, September, 224 S., 20 Euro) die globale Wohlstandsverteilung. Lessenich geht auf die Folgen industriell-kapitalistischer Gesellschaftsmodelle ein, bei denen nach seinem Befund Unglücke, Katastrophen, verendende Tiere und menschliches Elend, anders als oft angenommen, keine Ausnahmefälle sind. Das eigene – indirekte – Zutun lässt sich in den meisten Fällen kaum bestreiten, denn charakteris­tisch für die Bewohner der Industrienationen ist deren weiter Einfluss auf den Planeten.

Um fehlendes Bewusstsein geht es auch in Christoph Bartmanns "Die Rückkehr der Diener" (Hanser Sachbuch, August, 288 S., 22 Euro). Während die Mittelschicht glaubt, dass die Zeiten der Herrschaft und Dienerschaft der Vergangenheit angehören, da sich heute niemand mehr Personal in den eigenen vier Wänden gönnt, wird die Servicegesellschaft häufig ausgeblendet.
Doch ein halbes Jahrhundert nach dem leisen Verschwinden der helfenden Hände im Haushalt sind sie wieder da: die Diener. Heute sind sie nicht mehr Teil des Haushalts, stehen dem jedoch sehr nah, werden Servicekräfte oder Dienstleister genannt und lassen sich mittlerweile auch per Wisch über das Smartphone rufen. Bartmann zeigt die neuen Diener anhand der New Yorker Servicekultur – und schließt thematisch wieder den Kreis zum Internet der Dinge, denn häufig ist gar nicht klar, dass sich hinter dem intelligenten Service echte Menschen verbergen.

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