Anselm Grün wird in China boykottiert

Auftrittsverbot für Bestsellerautor

Anfang September war der Bestsellerautor Anselm Grün zu Vorträgen nach Singapur gereist, dann sollte es auf Einladung eines Verlags nach China weitergehen. Ging es aber nicht. Rudolf Walter, langjähriger Cheflektor und Programmleiter im Herder Verlag, über die Willkür chinesischer Behörden und die Reaktion von Anselm Grün. RUDOLF WALTER

Anselm Grün

Anselm Grün © picture-alliance

Wenn er in Deutschland auftritt, spricht er stets vor vollen Sälen. In China bekommt man ihn nicht zu Gesicht, obwohl – oder weil er auch dort kein Unbekannter ist. Anselm Grün, dessen Bücher weltweit in 35 Sprachen und einer Auflage von 20 Millionen Exemplaren verbreitet sind, war Anfang September nach Singapur zu Vorträgen und Kursen gereist. Eine Weiterreise nach Peking war seit langem geplant und vorbereitet. Wie er jetzt in einem Beitrag für seinen monatlichen „einfach-leben“-Brief mitteilt, habe das die chinesische Regierung im letzten Moment verhindert. Ein katholischer Verlag hatte dazu eingeladen und die Vorträge öffentlich ausgeschrieben: Es sollte um allgemeine Themen wie Führungsethik gehen, aber auch um die „Zehn Gebote“ oder um ein so frommes Thema wie Segen.

„Einen Tag, bevor ich nach China fliegen wollte, bekam ich auf einmal die Nachricht, dass alle Vorträge auf Hinweis von oben gestrichen wurden; offensichtlich hatte eine staatliche Behörde die Vorträge verboten“, berichtet Grün. „Im chinesischen Internet wurde ich als Chinafeind bezeichnet, auch weil ich einmal mit dem Dalai Lama auf dem Podium saß und zum Thema Feindesliebe sprach, das war 2006 in Frankfurt. Und weil ich 2014 einmal mit studentischen Demonstranten in Hongkong gesprochen hatte, als ich dort gerade Vorträge hielt. Ich habe mich einfach für ihre Motive interessiert.“

Vorwurf der Einmischung in chinesische Angelegenheiten

Im Internet wird derweil ein Vorwurf laut, der die Vergangenheitsbewältigung betrifft. Im Februar dieses Jahres hatte Anselm Grün in einer ökumenischen Feier in Taiwan zu einem besonderen Gedenken über das schwierige Thema Vergangenheitsbewältigung gesprochen; auch der Vizepräsident von Taiwan, ein Katholik, war in diesem Gottesdienst anwesend, 70 Jahre nachdem der General und Staatsgründer Chiang Kai-shek ein Massaker mit 20.000 Toten an der christlichen Elite Taiwans verübt hatte, das nie richtig verarbeitet wurde. „Als Deutscher, der von diesem Thema persönlich betroffen ist, war es für mich wichtig, auch unter Hinweis auf Mitscherlich, über das Betrauern des geschehenen Unrechts zu sprechen“, sagte Grün, „darüber, dass die Täter nicht über ihre Opfer triumphieren dürfen, aber auch davon, dass die Opfer Abschied nehmen sollen von der Opferrolle, damit Versöhnung möglich wird.“ Die chinesische Regierung hat auch das als Einmischung in innere Angelegenheiten verstanden. Spiritualität kann offensichtlich sehr schnell politisch werden.

Raubdrucke ohne religiöse Passagen

In Taiwan haben übrigens zwei evangelische Christinnen, die in Deutschland studiert hatten, 2006 allein für die Verbreitung der Bücher des deutschen katholischen Mönchs einen Verlag gegründet: South-West-Publishing. An die 40 Titel sind dort in Mandarinchinesisch erschienen. Grün berichtet davon, dass es auch Raubdrucke gibt – ohne ISBN – die zum Teil explizit religiöse Passagen einfach weglassen. Wenige in Taiwan erschienene religiöse Titel wurden offiziell nach Festlandchina lizensiert. In der chinesischen Untergrundkirche kursieren auch (chinesisch untertitelte) Videos von Vorträgen Grüns.

Grüns Reaktion auf den Boykott? Er nimmt es gelassen, so schmerzlich es war. „Ich vertraue darauf, dass sich die Gedanken zum Reichtum christlicher Tradition auch in China für die Christen zu einer Quelle werden, aus der sie schöpfen können, um in einer nicht-christlichen Umgebung ihren Glauben zu leben.“

Rudolf Walter war langjähriger Cheflektor und Programmleiter im Herder Verlag

 

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