Arbeiten 4.0 im Lektorat

Roboter, Schreibsoftware und Cloud-Techniken

Der Lektoratsverband VFLL widmet seine Fachtagung am 9. September in Berlin dem Wandel der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter. Vorab erläutern Wirtschaftsjournalistin Inga Höltmann und Lektor Walter Greulich im Börsenblatt-Interview, die in Berlin auf dem Podium diskutieren werden, wohin die Reise beim Arbeiten 4.0 geht. INTERVIEW: ALEXANDRA RAK

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Inga Höltmann

Inga Höltmann © Axel Kuhlmann

Wohin wird sich die Arbeitswelt von morgen entwickeln?

Höltmann: Wir werden mobiler, technologisierter und im besten Falle unabhängiger und vielfältiger arbeiten. Und wir werden mehr mit Robotern zusammenarbeiten, die einen Teil unserer Aufgaben übernehmen werden - dafür werden wir andere Aufgaben erfüllen müssen und die Kompetenzen dafür erlernen. Vielleicht sinkt deshalb auch unsere bezahlte Arbeitszeit, was den Raum für ehrenamtliche Tätigkeit eröffnen kann. Und Künstliche Intelligenz wird eine immer größere Rolle spielen: Man geht davon aus, dass schon in ein paar Jahren die erste KI in einem Aufsichtsrat sitzen könnte.

Greulich: In den vergangenen sechs bis sieben Jahren haben sich aus meiner Sicht vor allem zwei Dinge herausgeschält, die das Bild von Lekorat 4.0 formen: XML als Standardformat für Publikationen und die Nutzung von Cloud-Techniken zur Datenspeicherung, -sicherung sowie zum Austausch von Daten. Die Entwicklungen sind noch voll im Gange.

Walter Greulich

Walter Greulich © privat

Also mehr Technik, weniger Inhalt??

Greulich: Der Alltag der meisten Lektoren und Redakteure ist technischer geworden, denn wir müssen uns mit etwas beschäftigen, das zuvor keine so dominante Rolle gespielt hat – der Struktur von Inhalten. Das heißt, die ständige Weiterbildung und das Am-Ball-Bleiben in solchen technischen Dingen wird immer wichtiger.

 

Wie wird sich die Nutzung der Cloud-Techniken ändern?

Greulich: Heute speichern wir ja meistens nur unserer eigenen Daten in der Cloud, etwa auf Dropbox. Ich denke, dass in Zukunft vermehrt Daten direkt in der Cloud erzeugt und bearbeitet werden. Möglicherweise ist das Versenden irgendwelcher Daten in zehn Jahren out. Autoren schreiben dann eventuell nur noch direkt in ein Content-Management-System CMS hinein, das der Verlag oder allgemeiner: das Unternehmen aufgesetzt hat und in dem Lektoren und Redakteure die Bearbeitung vornehmen. Die Publikation geschieht direkt aus diesem System heraus in allen Richtungen, die für das jeweilige Projekt interessant sein können und natürlich nur noch on demand. Aktualisierungen werden permanent vorgenommen – Neuauflagen im klassischen Sinne gibt es dann nicht mehr.

 

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Vorteile bei der stärkeren Digitalisierung der Lektoratsarbeit – und wo die Nachteile?

Höltmann: Auch im Bereich Lektorat wird Künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle spielen. Schon heute kann eine Software journalistische Texte verfassen – warum sollte sie dann nicht auch schon bald in der Lage sein, Text zu korrigieren, zu beurteilen und auch zu überarbeiten? In einem ersten Schritt könnte so eine „künstliche Leserin“ zum Beispiel die Erst-Begutachtung von Manuskripten übernehmen. Das heißt aber nicht, dass künftig alle Lektorinnen arbeitslos werden. Ihr Feld wird sich aber verändern: Lektorinnen werden diejenigen sein, die die Software bedienen und die die Schnittstelle zwischen Auftraggeber und AI sind.

Greulich: Ich fange mal mit den Nachteilen an. Hier ist zum Beispiel der Datenschutz zu nennen: Viele von uns – mich eingeschlossen – haben Bedenken, Daten einfach so in einen Cloud-Bereich zu schieben, von dem man nicht wirklich weiß, auf welchem Server er liegt und wer möglicherweise Zugriff darauf hat.

 

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Greulich: Wenn alles immer transparenter wird, liegt auch das Organisieren und Ausführen der eigenen Arbeiten immer offener auf dem Tisch. Die Befürchtung, dass gerade das, was die Selbstständigkeit auszeichnet und attraktiv macht – die freie Einteilung der Arbeit –, künftig beschnitten wird, treibt sicher nicht nur mich um. Andrerseits kann das zum Beispiel auch dazu führen, dass ich beim Stellen von Rechnungen entlastet werde, weil ich manche Positionen auf der Rechnung nicht erst begründen muss.

 

Und die Vorteile?

Greulich: Die überwiegen aus meiner Sicht bei Weitem. Projekte können unter Nutzung von Cloud-Techniken sehr viel entspannter durchgeführt werden, weil beim Projektmanagement geringere Reibungsverluste entstehen und Daten leichter ausgetauscht werden können. Die Standardisierung, die XML in technischer Hinsicht mit sich bringt, dürfte noch stärker als heute dazu führen, dass wir Lektoren uns auf Inhalt und Sprache konzentrieren können und insgesamt die Qualität der Publikationen steigt. Weil ein Projektmanagement über große Entfernungen möglich ist, können sich Teams bilden, die in der Vergangenheit niemals zusammengefunden hätten. Die Ortsabhängigkeit von Projekten – Lektoren werden bisher ja in erster Linie in der näheren Umgebung eines Verlags rekrutiert – nimmt ab, und die am besten inhaltlich oder zeitlich für ein Projekt geeigneten Personen können leichter zusammengebracht werden.

 

Schöne neue Welt. Wenn Sie für Ihre Arbeit für die Zukunft drei Wünsche frei hätten, dann …

Höltmann: Eigentlich habe ich nur einen Wunsch: Dass wir die Veränderungen, die gerade auf uns zukommen, als große Chance und Gestaltungsspielraum erkennen und den Mut und die Kraft haben, diesen Auftrag anzunehmen.

Greulich: Verlage sollten sich weniger auf hohen Projektdurchsatz fokussieren, sondern auch darauf, den Mitarbeitern Zeiten und Gelegenheiten für Fortbildung zu geben, damit alle einen guten Anschluss an die Digitalisierung finden. Mein zweiter Wunsch: Projekte sollten zwischen Auftraggebern und uns frei Schaffenden so optimal abgestimmt sein, dass wir Planungssicherheit erlangen – und uns auch Urlaub gönnen können, wenn es nötig ist. Und der dritte: Freie Lektoren sollten in der Öffentlichkeit sichtbarer werden und ihre Leistung größere Anerkennung finden.

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Inga Höltmann studierte Sprachwissenschaften in Berlin und absolvierte danach ein crossmediales Volontariat an der Journalistenschule des Rundfunk Berlin-Brandenburg. Heute arbeitet sie als freie Wirtschaftsjournalistin und ist Gründerin der Accelerate Academy, einer digitalen Führungskräfteakademie.

Walter Greulich arbeitete neun Jahre bei einem Wissenschaftsverlag – erst im Zeitschriftenbereich, dann im Lektorat. Seit 1992 ist er freiberuflich als Lektor/Redakteur tätig. Zusammen mit anderen Kollegen hat er u.a. am „ZEIT-Lexikon“ und der „Brockhaus-Enzyklopädie online“ mitgearbeitet. Er ist aktives Mitglied mehrerer (auch internationaler) Fachverbände, gibt Seminare rund um das Thema „Digitalisierung im Lektorat“ und wirkt als Dozent an der Akademie der Medien (München) und der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (Mannheim).

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1 Kommentar/e

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  • Michael Lemster

    Michael Lemster

    Wer beim Thema "Collaborative Editing" heute primär an Cloudspeicherung umständlicher Word-Dokumente oder gar an die unsäglich intransparenten Google Docs denkt, springt zu kurz. Neben den riesigen, teuren CMS-Systemen mit Autoreneinbindung gibt es heute bezahlbare, unglaublich elegante webbasierte Text-Prozessoren, Authoring- und Joint Editing-Tools in Mengen. Die bringen ihre Ausleitung in InDesign oder Pre-Press-Systeme gleich mit. Mir fallen da ein: SMASHDOCs (partnert mit Setzer pagina und Workflow-Spezialist sitefusion), openunix Authors als Wordpress-Anwendung, Scribd und im akademischen Bereich noch so einiges. Und "Cloud" ist nicht gleich "Cloud": eine gut gehostete Cloud-Lösung ist sicherer als die meisten Verlags-Server. Amazon, Google oder spezialisierte Hoster beschäftigen so viele Security-Spezialisten wie ein mittelständisches deutsches Rechenzentrum insgesamt Mitarbeiter hat.

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