Auszeichnung

KD Wolff ist Ehrendoktor der Universität Basel

Der Frankfurter Verleger KD Wolff (Stroemfeld) hat am 27. November, im Rahmen des 555. Dies academicus, die Ehrendoktorwürde der Universität Basel erhalten. Wolff habe dazu beigetragen, "die tief greifende gesellschaftliche Erneuerung der letzten Jahrzehnte mitzugestalten", heißt es in der Begründung. Update: Als Ergänzung finden Sie die Laudatio von David Marc Hoffmann am Ende der Meldung.

KD Wolff

KD Wolff © Rainer Rüffer

Verliehen wurde die Ehrendoktorwürde an KD Wolff durch die Philosophisch-Historische Fakultät, wie die Universität Basel mitteilte. Mit dem Verlag Stroemfeld/Roter Stern, der in Frankfurt am Main und in Basel ansässig ist, habe er dazu beigetragen, die tief greifende gesellschaftliche Erneuerung der letzten Jahrzehnte mitzugestalten, begründet die Fakultät ihre Entscheidung. KD Wolff habe mit "seiner verlegerischen Arbeit die geisteswissenschaftlichen Debatten in den Bereichen der Editionswissenschaft, des Feminismus und der Geschlechterforschung, der Filmwissenschaft, der Kultur- und Religionsphilosophie, der Literatur und der Literaturwissenschaft, der Soziologie, der Psychoanalyse und vieler weiterer Themenfelder über 45 Jahre massgeblich geprägt", heißt es weiter.

Durch die von ihm mitveranlassten Änderungen der Editionspraxis habe er den Blick auf Texte fundamental erneuert und weit über die Fächergrenzen hinaus internationale Debatten angestoßen. Die Fakultät fährt fort: "Hintergrund dieser Tätigkeit ist eine aufklärerische Grundhaltung, die – gepaart mit Mut und Zivilcourage – nie dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Mainstream folgte und damit in vielerlei Hinsicht bedeutende Erneuerungen anstiess und trug."

Zu Leben und Werk schreibt die Fakultät: "Karl Dietrich (KD) Wolff wurde 1943 in Marburg geboren und studierte ab 1964 Jura an den Universitäten in Marburg und Freiburg im Breisgau, wo er sich in der Studentenbewegung zu engagieren begann. 1967 wurde er zum Bundesvorsitzenden des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) gewählt und zog nach Frankfurt am Main. 1970 gründete KD Wolff den Verlag Roter Stern, der 1975 die Herausgabe einer neuen historisch-kritischen Hölderlin-Ausgabe an die Hand nahm. Dabei wurde erstmals ein moderner deutschsprachiger Klassiker mit Handschriftenfaksimiles und diplomatischer Umschrift ediert. Die Frankfurter Hölderlin-Ausgabe wurde beispielgebend: Inzwischen liegen unter anderem Editionen von Heinrich von Kleist, Karoline von Günderrode, Gottfried Keller (Ko-Produktion mit dem Verlag Neue Zürcher Zeitung), Georg Trakl, Franz Kafka und Robert Walser (Ko-Produktion mit dem Schwabe Verlag) vor. Seit der Gründung des Stroemfeld Verlags 1979 in Basel firmieren die Editionen unter dem Imprint Stroemfeld/Roter Stern. 2001 wurde der Stroemfeld Verlag mit dem Binding-Kulturpreis und 2007 mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet."

Anhang: Die Laudatio von David Marc Hoffmann

Die Laudatio auf KD Wolff hat David Marc Hoffmann gehalten. Wir geben sie hier im Wortlaut wieder:

"An der Jahresfeier der Universität Basel am 27. November hat die Philosophisch-historische Fakultät dem Frankfurter Wissenschaftsverleger KD Wolff die Ehrendoktorwürde verliehen. Karl Dietrich Wolff (*1943) war während seines Jurastudiums Erster Vorsitzender des Sozialistischen Deutschens Studentenbundes SDS und hatte – wie es sich in den damals tumultuösen Zeiten gehörte – mehrere Strafprozesse und Verurteilungen am Hals. 1969 hat er den rebellischen März Verlag mitbegründet, von dem er sich nach Differenzen trennte, um 1970 in Frankfurt seinen eigenen Verlag Roter Stern aufzubauen, der mit seinen Mitarbeitern und seinem Programm damals zur linksradikalen Szene gehörte.

1979 entstand als Basler Ableger der Stroemfeld Verlag und seither firmierte das Haus als Verlag Stroemfeld/Roter Stern. Nach einem Konkurs (Ernst Rowohlt hatte mindestens drei Konkurse hinter sich) nennt sich der Verlag heute allein nach dem Hölderlinschen Namen Stroemfeld (mit Verlagssitzen in Frankfurt und Basel), führt aber im seinem Signet immer noch den Roten Stern. Der kleine Verlag, der seit jeher am wirtschaftlichen Abgrund steht, hat früh durch editorische Grossprojekte beispiellosen Ausmasses von sich reden gemacht.

1975 begann D.E. Sattler in KD Wolffs Verlag seine kritische Frankfurter Hölderlin Ausgabe. Zuerst belächelt von der akademischen Zunft gilt heute diese Ausgabe (1975−2008, 23 Bände) als Mass aller Dinge in der Hölderlinforschung und als Muster zahlreicher weiterer monumentaler Editionsprojekte von Kleist über Gottfried Keller und Kafka bis zur – heute aufgrund der Kleingeistigkeit der Wissenschaftsförderung gefährdeten – kritischen Robert Walser Ausgabe. Die kritischen Editionen von Stroemfeld zeichnen sich durch die Transparenz der Herausgeberentscheide aus, bei Nachlasseditionen wird die Textkonstitution der Herausgeber begleitet und legitimiert durch die Faksimilierung der Handschriften und durch archäologisch-diplomatische Transkriptionen, die die Schichten und Stufen des Arbeitsprozesses und des Textes zu erschliessen suchen.

Doch nicht nur mit seinem Angriff auf die bürgerlich-bevormundende Selbstherrlichkeit germanistischer Editoren sondern auch mit dem Verlegen wichtiger Monographien hat KD Wolff schon früh die Fortführung der politischen Revolution mit verlegerischen Mitteln realisiert. Klaus Theweleits "Männerphantasien" (1977/78) haben in der intellektuellen Öffentlichkeit ebenso seismische Störungen ausgelöst wie die Übersetzung von Kurt Robert Eisslers monumentaler psychoanalytischer Studie "Goethe" (1985/86) in der Germanistik. Nachdem niemand im deutschsprachigen Raum den Mut hatte, diese fast 2.000-seitige Goethe-Monographie aus dem Englischen zu übersetzen und zu verlegen wurde KD Wolff kurzerhand zum Fundraiser und mobilisierte das Geld über Subskribenten, die eine solche Ausgabe förderungswürdig fanden. Die im Vorspann des Buches abgedruckte Liste liest sich wie ein Who is who der Intelligenz der 1980-er Jahre. Das Fundraising ist Wolff nicht wieder losgeworden, immer ist er irgendwo unterwegs um Förderer, Sponsoren oder Teilhaber für seine Projekte zu finden. Damit hat er schon manchen genervt, aber auch schon manches Buch erst möglich gemacht. Zugunsten seiner Projekte (und sicher auch seiner kleinen Eitelkeit) hat Wolff 2009 sogar das Bundesverdienstkreuz angenommen ("Es wäre ja dumm, das abzulehnen"). Die glücklichste Hand aber hatte und hat KD Wolff in seinen Autorenkontakten (von Leonardo da Vinci über Napoleon und Sigmund Freud bis Peter Kurzeck) und Herausgeberkontakten, mit seinen treuen und emsigen Mitarbeitenden und seiner verlegerischen Weitsicht.

Vor sechs Jahren hat ihn seine Vergangenheit grotesk eingeholt, als er auf Einladung des New Yorker Vassar Colleges zu einer wissenschaftlichen Konferenz über Bürgerrechte in die USA gereist ist und ihm am Flughafenzoll die Einreise verweigert wurde. 1969 hatte KD Wolff in Frankfurt das Black Panther-Solidaritätskomitee gegründet und den US-amerikanischen Senator James Strom Thurmond als "rassistischen Banditen" bezeichnet, Darauf wurde Wolff mit einer Einreisesperre belegt, die vierzig Jahre später noch im System registriert war und von den Beamten gegenüber dem verblüfften Konferenzgast angewendet wurde. Der amtierende amerikanische Botschafter in Berlin Philip D. Murphy empfing im Nachspiel KD Wolff und entschuldigte sich bei ihm in einer noblen Geste für die peinliche Verweigerung der Einreise.

Zu einer anderen Verblüffung hat vor zehn Jahren eine Szene aus dem Film 'Die fetten Jahre sind vorbei' geführt: Das von den jungen Anarchos entführte "Kapitalistenschwein" beruft sich auf seine frühe sozialistische Jugend. Man glaubt ihm nicht und stellt als Testfrage, wie denn der Erste Vorsitzende des SDS damals geheissen habe – 'KD Wolff, Karl Dietrich Wolff, zweiter Vorsitzender sein Bruder Frank Wolff' kommt die schlagfertige Antwort. Ich war perplex, KD hat’s in den Kinofilm geschafft!

Friedrich Dieckmann hat einmal gescherzt, von 1848 sei nur Wagner und Bayreuth geblieben, von 1968 nur KD Wolff und sein Verlag...

Lieber KD, das wäre ein hübsches Bonmot, wenn es Dich nicht in die zweifelhafte Nähe von Bayreuth brächte.... wie dem auch sei, ohne Dich und Deinen Verlag wäre die deutschsprachige Welt ärmer!

In Bewunderung und Dankbarkeit

Dein David Hoffmann"

David Marc Hoffmann ist heute Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach bei Basel. Bis 2012 war er Leiter des Basler Schwabe Verlags und als solcher enger Kollege von KD Wolff und mit ihm Co-Verleger der Kritischen Robert Walser-Ausgabe. Zusammen mit Ludger Lütkehaus gibt er bei Stroemfeld die Basler Nietzsche Ausgabe nach den Fassungen letzter Hand heraus.

2 Kommentar/e

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  • Martina Barth, Frankfurter Buchmesse

    Martina Barth, Frankfurter Buchmesse

    Lieber KD, sei herzlich umarmt und beglückwünscht zu dieser würdigen Auszeichnung und Laudatio! Frage mich, ob es bei solchen Verleihungen auch einen Doktorhut gibt, wenn ja, wirst Du für diesen wie so oft auch eine praktische Verwendung finden... wahrscheinlich gehst Du in Zukunft damit sammeln... für hoffentlich noch viele weitere aufschlussreiche Editionen!

  • Wolfgang Eßbach, Christa-Karpenstein-Eßbach

    Wolfgang Eßbach, Christa-Karpenstein-Eßbach

    Lieber KD,
    soviel gekämpft, soviel gewagt, soviel Großherzigkeit, soviel Standfestigkeit, soviel Leidenschaft, herzlichen Glückwunsch zu dieser noblen Ehrung von Christa und Wolfgang.

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