Beitrag von Alexander Skipis im "Tagesspiegel"

"Es geht um Grundfragen der Gesellschaft"

Vergangene Woche veröffentlichte der "Tagesspiegel" ein Interview mit dem Betreiber eines illegalen E-Book-Portals (Überschrift: "Bücher stehlen als Geschäftsmodell"). Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, antwortete kurz darauf an gleicher Stelle - hier seine Stellungnahme zum Thema Internetpiraterie im Wortlaut, noch einmal zum Nachlesen.

Massenhaft illegale Buchdateien. Die Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises als Datei. Werbung damit, dass sie online zu haben sind. Kostenfrei. Aber selbstverständlich ohne Genehmigung derjenigen, die diese Romane geschrieben, bearbeitet und publiziert haben. Doch das illegale E-Book-Portal arbeitet nicht im Verborgenen und vertickt Bücher quasi unter der Ladentheke. Nein.

Die Betreiber haben zwar alles dafür getan, dass Adressen und Namen anonym bleiben, werben aber offensiv für ihr Portal und für den Rechtsbruch. Sie verletzen bewusst massenhaft Urheberrechte. Weil alles das, was den Leser interessiert, irgendwann im Netz landet, sagen sie. Die Grundannahme lautet: Es gibt im Netz kein Eigentum. Es herrschen dort andere Regeln.

Kann es tatsächlich neue, andere Regeln für den Umgang mit Inhalten im Internet geben, die der geltenden Rechtsordnung diametral entgegengesetzt sind? Natürlich sind geltende Regeln fortwährend auf dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung zu überprüfen. Ist es aber zu akzeptieren, dass der Rechtsbruch als Mittel zur Durchsetzung anderer Regeln salonfähig gemacht wird? Wohl jeder Schriftsteller sagt sich: "Ich habe einen Roman geschrieben, auch weil ich meinen Lebensunterhalt verdienen muss." Und fragt sich dann: "Wer darf mich enteignen, indem er diesen Roman abscannt und selbst damit sein Geschäft macht?"

Es mag ja sein, dass es noch keine ausgefeilten Sharing-Portale für Bücher gibt. Darf man deshalb mit Inhalten, die einem definitiv nicht gehören, Geld einnehmen?

Es gibt nicht zweierlei Recht. Eines für materielle Dinge und eines für immaterielle. Was sagt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 in Artikel 27? "Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben." Und: "Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen."

Warum sollten Menschenrechte nicht mehr gelten, nur weil es das Internet gibt?

Schockierend ist, dass der Gesetzgeber damit leben kann, in aller Öffentlichkeit nicht ernst genommen zu werden. Denn darauf läuft es doch hinaus, wenn Anbieter illegaler Plattformen das geltende Recht lauthals ignorieren. Schockierend ist, dass die Staatsanwaltschaften nicht von sich aus tätig werden, wenn jemand offensichtlich bewusst gegen Recht verstößt und andere dazu animiert, es ebenfalls zu tun. Das wäre doch das Mindeste.

Autoren, Verleger und Buchhändler fühlen sich vom Gesetzgeber schlicht im Stich gelassen. Auch in dieser Legislaturperiode hat er nichts dazu beigetragen, dieses grundsätzliche Problem anzupacken.

Es geht keineswegs nur um abgescannte Buchseiten, es geht um Grundfragen der Gesellschaft und wie wir künftig zu einem gemeinsamen Wertekonsens kommen.

Wer davor die Augen verschließt, setzt den bestehenden gesellschaftlichen Konsens aufs Spiel.

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1 Kommentar/e

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  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Trotz aller Zustimmung im grundsätzlichen Sachverhalt sehe ich persönlich keinen bestehenden Konsens.

    Beim Thema E-Book-Raupkopien zeigt sich doch nur wieder ein weiteres Mal in der Geschichte der Unterhaltungsmedien, das der Konsens gar nicht erst zustande kommt.

    Auch schon vorher war es bei der Einführung eines neues Transportmediums für beliebige Inhalte stets so, dass der diesbezügliche Konsens ausblieb bzw. einer durchgehend gesellschaftlich akzeptierten und praktizierten Gleichgültigkeit in Bezug auf Urheberrechte zum Opfer fiel.
    Man denke an das kinderleichte Überspielen von Musik auf Kassetten in den 80ern. Oder das Kopieren von Filmen und Serien auf Videokassetten.
    Oder die oft uneingeschränkte Weitergabe von Software im Diskettenzeitalter.

    Stets hat sich im Laufe der Zeit demnach eben das ereignet, was wir jetzt auch beim Buch beklagen. Und stets wurde ein Recht verletzt – ein Vergehen, das unabhängig von Umfang und Qualität des Contents immer gleichermaßen schwer ist.
    Und stets waren es nicht nur die "Technik-Freaks", die diese Dinge getan haben sondern wir alle.

    Damit möchte ich nur sagen, dass die Wurzel des Übels viel tiefer liegt und keineswegs im Bereich der elektronischen Literatur eine neue, besonders schwere Form der Schuld nach sich zieht.

    Der Konsens ist insofern eine sehr bröckelige Angelegenheit.

    • ...

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