C. H. Beck-Literatur-Programmleiter Martin Hielscher im Gespräch

"Ich würde nie denken, dass Literatur ernsthaft in Gefahr ist"

Seit 2001 leitet und lektoriert Martin Hielscher das Literaturprogramm von C. H. Beck. Eine genaue Marktbeobachtung, die Pflege des literarischen und verlegerischen Netzwerks und die enge Beziehung zu den Autoren sind Garanten des Erfolgs. INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Martin Hielscher

Martin Hielscher © Daniel Hintersteiner

Gibt es den traditionellen Beruf des Lektors noch – oder ist das in Zeiten einer auf die Spitze getriebenen Verwertungslogik eine vollkommen antiquierte Vorstellung?
Ich verstehe mich als richtiger Lektor, der klassische Lektoratsarbeit macht – sowohl auf dem Papier mit Bleistift als auch am Bildschirm. Das klingt nach "old school". Andererseits halte ich mich, was das Themenspektrum, die ästhetische Vielfalt und die Schreibweisen in unserem Programm betrifft, für einen jungen, aufgeschlossenen Lektor. Ich sehe, wo sich etwas tut, wo sich Neues ereignet, wo noch nie dagewesene literarische Konzepte entstehen. Zugleich bin ich ein Lektor, der intensiv am Text mitarbeitet – ob es um eine Formulierung im Kleinen, die Ausarbeitung von Figuren oder um die Dramaturgie im Großen geht. Einer, der im Hintergrund bleibt, aber doch den literarischen Text mit zur Entstehung bringt. Daraus wachsen sehr enge, emphatische wie empathische ­Beziehungen zu den Autoren.

Steht der Verlag zu Ihnen und haben Sie freie Hand bei der Programmgestaltung?
Die Familie Beck steht dahinter, und Jonathan Beck – davor Wolfgang Beck – unterstützt das literarische Programm nachdrücklich. Entscheidend für meine Arbeit ist, dass der Verlag eine kulturelle Vision hat, eine Idee von Kulturvermittlung. Seine wirtschaftliche Stabilität sorgt zudem für Planungssicherheit. Beck ist ein Verlag, der Autoren sucht, an sich bindet, pflegt und aufbaut. Das Literaturprogramm ist ein eigenes Profitcenter, ich kann als Programmleiter autonom agieren und berichte direkt an den Verleger.

1999 wurde das Literaturprogramm von C. H. Beck begründet. Wo stand es, als Sie 2001 nach München gingen?
Ich habe das Programm in einem sehr frühen Stadium übernommen. Damals war Paula Fox eine wichtige und prägende Autorin. Das Werk dieser "Hausgöttin" spielte noch einige Jahre eine wichtige Rolle, danach verschob sich das Programm stärker zu anderen Autoren. So wie das Programm heute dasteht, habe ich es weitgehend, zeitweilig unterstützt von Christiane Schmidt und Frauke Meyer-Gosau, allein aufgebaut. Hilfe kommt zudem von Volontären und einer Assistentin auf einer Halbtagsstelle. Aber ich bin nach wie vor der einzige Belletris­tik-Lektor im Haus. Heute bewegen wir uns mit unseren literarischen Veröffent­lichungen auf Augenhöhe mit anderen "Quality Fiction"-Verlagen – deren Zahl allerdings tendenziell abnimmt.

Englischsprachige Autoren – auch aus den USA – sind bis heute ein Schwerpunkt im Programm ...
Das gilt für ganz viele Belletristikverlage, die englischsprachige Literatur dominiert weiterhin aus vielen Gründen die literarische Welt, bei mir persönlich hat das auch eine lange Tradition, schon als Übersetzer – zum Beispiel von Richard Ford und William Gaddis.

Sie haben aber auch viele deutschsprachige Literaturbegabungen entdeckt – darunter Tina Uebel, Norbert Scheuer und Jonas Lüscher, der mit seinem Roman "Kraft" jetzt auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht ...
Über diese Platzierung von Jonas Lüschers Roman "Kraft" freut sich der ganze Verlag sehr! Im Programm kommen, vermittelt auch durch Wolfgang Beck, namhafte deutschsprachige Autoren dazu, wie Ingomar v. Kieseritzky, Ernst Augustin und Adolf Muschg, die mich schon als Schüler beeindruckt hatten. Über Ernst Augustin hielt ich später einen Vortrag vor Buchhändlern, der ihm zugeschickt wurde. Daraus wurde ein Kontakt, der schließlich bei C. H. Beck in eine Autor-Lektor-Beziehung mündete. Hier im Haus hat er, neben einer Werkausgabe in Einzelbänden, noch einmal eine neue Werkphase mit Novitäten erlebt, unter anderem mit "Robinsons blaues Haus", das auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gelangte. Norbert Scheuer, der mit seinem Roman "Am Grund des Universums" auf der Shortlist des Wilhelm Raabe-Preises steht, wurde eigentlich nicht von uns entdeckt, ist aber von seinem zweiten Roman an bei C. H. Beck erschienen und hat sich hier entfalten können. Das ist, glaube ich, etwas, das wir wirklich besonders gut können – Autorinnen und Autoren zu ihrer eigentlichen Bedeutung zu verhelfen.

Vor einigen Monaten erschien ein Interview mit Barack Obama über seine Leseerfahrungen und -vorlieben. Übersetzungen deutschsprachiger Autoren waren für ihn kein Thema. Aber hat er US-Schriftsteller erwähnt, die auch hierzulande zu entdecken wären?
Unbedingt. Die berühmteste Gestalt für ihn ist Toni Morrison, die kürzlich ausführlich interviewt worden ist, anlässlich Ihres neuen Romans. Es ist natürlich die große afroamerikanische Literatur, die für Obama identitätsbildend ist. Faszinierend finde ich aber, dass er selbst geschrieben hat – Short Storys. Er erwähnt in dem Interview auch eine Autorin, die wir zuerst auf Deutsch veröffentlicht haben und die uns leider inzwischen abhandengekommen ist, ­nämlich Lauren Groff – eine intellektuelle Autorin, die eines Tages den Rang einer Paula Fox oder Joan Didion einnehmen könnte. Der andere große Autor ist Anthony Doerr. In beiden Fällen war C. H. Beck der Verlag, der die Autoren für Deutschland entdeckt hat. Und das, obwohl wir im Gegensatz zu anderen Häusern keine Scouts für uns arbeiten lassen.

Doerrs Roman "All the light we cannot see" ("Alles Licht, das wir nicht sehen") war in den USA mit über zwei Millionen verkauften Exemplaren ein gigantischer Erfolg. In Deutschland haben Kritiker und Leser hingegen zunächst verhalten reagiert ...
Die deutsche Übersetzung lief in der Tat zunächst zögerlich an. Im zweiten Anlauf ist Doerrs Roman dann doch noch ein Erfolg geworden, vor allem, weil der Buchhandel und die Leser sich für den Roman eingesetzt haben – während die Literaturkritik gespalten reagierte. Insgesamt haben wir das Buch im Hardcover 70.000-mal verkauft, auch dank einer Sonderausgabe mit einem Folder, in dem wir die Geschichte des Buchs erzählt haben.

Außer dem Gespür für gute Literatur braucht man als Programmmacher auch Glück. Mit welchem Buch haben Sie den Durchbruch geschafft?
Spätestens mit Aravind Adigas Debütroman "Der weiße Tiger", dessen unredigiertes Manuskript ich auf der Londoner Buchmesse in die Hände bekam. Die Rechte kauften wir damals gemeinsam mit dtv ein. Adiga landete seinerzeit auf der Shortlist für den Booker Prize – und bekam ihn, womit niemand gerechnet hatte. Gemeinsam mit dtv haben wir inzwischen weit mehr als 100.000 Exemplare verkauft. Dieser wirtschaftliche Erfolg kam natürlich unserem Literaturprogramm sehr zugute.

Wenn man ohne Scout auskommen muss – was sind die Quellen für Autorenent­deckungen?
Neben Bestsellerlisten und Nominierungen für Literaturpreise sind für mich vor allem Kontakte zu ausländischen Verlegern, Lektoren und Agenturen wichtig. Diese Kontakte muss man pflegen. Wenn Agenturen oder Verlage sehen, dass wir einen Titel erfolgreich im deutschen Markt platziert haben, kommen sie mit dem nächsten Buch wieder zu uns. Wie zum Beispiel bei Lily King, deren erstes Buch "Euphoria" wir 30.000-mal verkauft haben.

Lily King, aber auch Anthony Doerr, schreiben ja durchaus leserfreundlich ...
Beide zeichnet aus, dass sie den Spagat zwischen einer thematischen Dichte und einer unterhaltsamen Geschichte schaffen – in "Euphoria" geht es zum Beispiel im Vordergrund um eine Dreiecksbeziehung, im Hintergrund spielen aber die Ethnologie Anfang der 1930er Jahre und ihr inhärenter Kolonialismus eine bedeutende Rolle. In jedem Fall handelt es sich bei Kings und Doerrs Erzählwerken um mehrschichtige Bücher. In ihnen geht es um etwas, und sie müssen eine sprachliche und geistige Qualität haben. Was wir nicht wollen, sind Bücher, die man wie einen Burger verschlingt und deren Inhalt man am nächsten Tag schon fast vergessen hat.

Im Programm finden aber auch Krimis Platz, zuletzt von Michael Lüders und Achim Zons, vor einigen Jahren auch Matt Beynon Rees mit seinen Palästina-Krimis …
Das Spannungssegment in der Belletristik bauen wir weiter aus, mit einer neuen Thrillerserie von Matt Rees, in der ein amerikanischer Ermittler aus einer Terrorabwehrbehörde im Mittelpunkt steht. Im Frühjahr 2018 kommt der erste Band, "Todesgrüße aus Damaskus". Darin geht es um einen Giftgasanschlag auf die UNO, der auf dramatische Weise in letzter Minute verhindert werden muss. Das sind natürlich Stoffe, die gut zu unserem Sachbuchprogramm passen und sich daher gut erklären lassen. Ein Autor, der in beiden Welten sehr erfolgreich zu Hause ist, ist beispielsweise Michael Lüders.

Lyrik ist ein weiterer Zweig im Programm. Da haben Sie vielversprechende Autoren an Land gezogen, zum Beispiel Nico Bleutge ...
..., der ja gerade mit dem renommierten Kranichsteiner Literaturpreis des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet worden ist. Bleutge habe ich vor Jahren auf Empfehlung von Jörg Fessmann in "Sinn und Form" entdeckt, worin er zehn Gedichte veröffentlicht hatte. Ich las sie und war fasziniert: ein präziser und intellektueller Konzept-Lyriker, der Natur und Landschaft sowohl topografisch als auch historisch liest. Damals habe ich ihm ganz klassisch einen Brief geschrieben. Er kam darauf persönlich in den Verlag und brachte sein Manuskript mit – wie in alten Zeiten. Bleutge war ein ganz wichtiger Schritt, später kamen Kurt Drawert und Dirk von Petersdorff hinzu, der als Germanist auch in unserem Sachbuchprogramm vertreten ist.

Hat die gehobene Literatur eine ­Zukunft?
Ich glaube, dass die Literatur eine ganz wichtige Aufgabe hat, uns selbst und die Welt zu verstehen, ich würde nie denken, dass Literatur ernsthaft in Gefahr ist. Wenn man an Verlage und Verwertungsformen denkt, liegen die Dinge vielleicht etwas anders. Da wird es Veränderungen, Verschiebungen, vielleicht auch Verluste geben, aber ich bin da nicht pessimistisch. Allenfalls ein wenig melancholisch.

Martin Hielscher (60) ist nach Stationen beim Luchterhand Literaturverlag (1992 – 1993) und bei Kiepenheuer & Witsch (1994 – 2001) Programmleiter für Literatur bei C. H. Beck. Der promovierte Germanist hat zudem seit 2007 eine Honorarprofessur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bamberg inne.

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1 Kommentar/e

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  • Robert Fischer

    Robert Fischer

    Schönes Interview. Ich teile die Melancholie und freue mich über den nicht vorhandenen Pessimis- (und wohl auch: Zynis-)mus.

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