CONTENTshift

Investieren in Zeiten des digitalen Wandels

Die Buchbranche gilt weithin als wenig investitionsfreudig. Das neue Accelerator-Programm des Börsenvereins will das ändern. Potenzial gibt es Experten zufolge zur Genüge. CORNELIA BIRR

Ideenbeschleuniger: Das Programm CONTENTshift bringt Start-ups und Etablierte an einen Tisch

Ideenbeschleuniger: Das Programm CONTENTshift bringt Start-ups und Etablierte an einen Tisch

Juliane Schulze

Juliane Schulze © privat

Mit dem Business-Accelerator CONTENTshift startet die Börsenvereinsgruppe am 1. Juli 2016 ein dreimonatiges Förderprogramm, das Investoren, Gründer und Experten der Contentbranche zusammenbringen und neue Geschäftsmodelle im Verlags- und Medienbereich erschließen will. Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Start-ups schießen allerorten aus dem Boden. „Im Moment herrscht speziell in Berlin eine regelrechte Goldgräberstimmung“, sagt Juliane Schulze, die als Vertreterin des Investorennetzwerks Media Deals die teilnehmenden Unternehmen bei allen Fragen des Investitionsprozesses begleitet. So weit, so gut. Allein entpuppt sich die Buchbranche bei näherer Betrachtung als eher zurückhaltend: „In unserem Umfeld haben wir bislang noch keine Risikokapitalgeber oder Business Angels kennengelernt, die sich auf dieses Feld spezialisiert haben“, so Schulze.

Dorothee Werner

Dorothee Werner © Börsenverein

Wenig investitionsfreudig 

Dass die Investition in ein Start-up-Unternehmen im Publishingbereich längst nichts Alltägliches ist, bestätigt auch Dorothee Werner, Organisatorin von CONTENTshift. Noch sei das Thema in Deutschland, vielleicht sogar europaweit, bei nur Wenigen angekommen. Woran liegt das? Natürlich finden sich rund ums Buch viele Familienunternehmen. Die Konzentration auf In-House-Lösungen scheint zumindest teilweise ein branchenspezifischer Habitus: „Es gibt diese Kultur, dass ich alles alleine stemmen muss“, sagt Werner. Dazu gesellt sich ein Nachholbedarf in Sachen Innovation: „Das Arbeiten mit jungen, kreativen Unternehmen haben wir in Deutschland nicht so früh gelernt wie im angelsächsischen Bereich“, stellt Juliane Schulze fest. Das bedeute jedoch nicht, dass der Trend sich nicht auch hier durchsetzen wird: „Die Neugier ist vorhanden. Viele Akteure haben schon gute Erfahrungen gemacht. Sie sind vielleicht die Zugpferde für die anderen, die dann nachziehen“.

Martin Spencker

Martin Spencker © Thieme

Martin Spencker, Verlagsleiter bei Thieme, der die Gruppe im Rahmen des Programms als einer von fünf Brancheninvestoren in der Jury vertreten wird, widerspricht der Annahme, die Buchbranche sei besonders zaghaft: „Jede ‚alte' Branche, die sich dem Thema digitale Transformation stellen muss, tut sich damit ungeheuer schwer. Denken Sie nur an die Diskussionen in der Autoindustrie oder im Hotelgewerbe.“ Am Ende käme es immer auf die individuelle unternehmerische Verantwortung an: „Es gibt in unserer Branche viele beeindruckende Beispiele für einen proaktiven Umgang mit dem Wandel.“

Carsten Linz

Carsten Linz © privat

Fließender Prozess 

Und der ist in vollem Gange. „Wir kommen Jahr um Jahr mehr in Berührung mit hybriden Produkten, die so ein bisschen von allem sind: ein bisschen Buch, ein bisschen Videogame, vielleicht ein bisschen Augmented Reality“, beschreibt Juliane Schulze. „Alles das, was früher das Buch besetzt hat, wird jetzt in die Bereiche des Entertainments, der Experience ausgedehnt.“ Auch der Informationsfluss verändert sich. Derzeit bewegten wir uns „von einem Push zu einem Pull“, so Carsten Linz, der CONTENTshift als Berater und Unterstützer begleitet: „Früher hat sich jemand etwas ausgedacht, dann gab es ein Buch, das hat man gekauft. Heute kommt die Information, die zu mir passt, von selbst zu mir – über Blogs, soziale Netzwerke, Links.“ Dadurch entstehen neue Produkte, neue Möglichkeiten, neue Bedarfsbereiche. Das wiederum macht neue Geschäftsmodelle erforderlich. Der Prozess ist fließend, längst kann man noch nicht von neuen Strukturen sprechen. „Jetzt ist es an uns, so genannte disruptive Innovationen zu identifizieren, die für Investoren interessant sind, weil ihre Geschäftsidee funktioniert und weil sie skalierbar sind“, sagt Schulze.

Content is King 
Experten zufolge birgt die Branche jede Menge Potenzial für erfolgreiche Investitionen. „Content ist heutzutage ein zentrales Thema, das unsere Lebenswelt in immer höherem Maße definiert. Es gilt Content herzustellen, zu distribuieren, zu kuratieren“, schwärmt Linz. Somit träfe ein zu erwartendes Wachstumspotenzial auf einen Sektor, in dem es derzeit noch wenige Investitionen gibt - „da kommt CONTENTshift genau zur richtigen Zeit.“ Gleichzeitig plädiert der Digitalisierungsberater von zahlreichen CEOs auch hier für einen weit gefassten Branchenbegriff – Content statt Buch. Entsprechend interessanter werde das Spielfeld, sowohl für die Gründer als auch für die Investoren. Zudem lösen sich die Branchengrenzen auf und an den Übergängen entwickelen sich gerade interessante Themen und Innovation, so Linz.

Garantiefonds 
Grundlegend für die Etablierung tragfähiger Investitionsstrukturen ist der Blick über den Tellerrand. Welche erfolgreichen Modelle der Start-up-Finanzierung benutzen unsere europäischen Nachbarn? In Frankreich, Spanien oder Großbritannien gebe es diverse interessante Finanzierungsansätze, bestätigt Juliane Schulze. „Die müssen wir  uns ansehen und prüfen, ob sie auf Deutschland übertragbar wären und unter welchen Bedingungen.“ Zudem müsse man herausfinden, ob die deutsche Buchbranche überhaupt Risikokapital benötigt. „Vielleicht wollen die Akteure stattdessen lieber günstige Kredite“, so Schulze. Derweil erwartet die Branche mit Spannung den im Rahmen des Kulturförderprogramms KREATIVES EUROPA geplanten Garantiefonds, der im Laufe des Jahres eingeführt werden soll. Der vom European Investment Fund verwaltete Fonds soll Mikrounternehmen der Kultur- und Kreativbranche den Zugang zu Krediten erleichtern, indem er eine Bürgschaft für 70 Prozent eines etwaigen Kreditausfalls übernimmt. Für die Hausbanken der Akteure verspricht das eine enorme Erleichterung. Im Idealfall soll den Unternehmen dadurch der Zugang zu einem Gesamtvolumen von 750 Millionen Euro Darlehen erleichtert werden - eine signifikante Summe, wenn man bedenkt, dass es für Kreditgeber und -nehmer derzeit in den meisten Fällen überhaupt keine Sicherheiten gibt. Noch ist offen, wie der Fonds in den verschiedenen Ländern eingesetzt werden kann. Fest steht: Er könnte die Rahmenbedingungen für Investitionen in der Buch- und Medienbranche durchaus verbessern. Oder auch nicht: „Die Theorie klingt gut, in der Praxis muss er sich dann jedoch erstmal bewähren“, sagt Schulze.

Und der Börsenverein? 

Der hat für seinen Entschluss, das Förderprogramm aufzuziehen, zuallererst einmal Lob verdient, meint Carsten Linz: „Für einen Branchenverband ist das eine sehr mutige Entscheidung, mit der man vorn mitspielt.“ Wichtig sei nun, die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen: „Gerade beim Thema Intellectual Property kann der Verein mit seinen vielen Mitgliedern im Rücken sicherlich Konditionen gestalten, die allen Akteuren zugute kommen.“ Martin Spencker ergänzt, der Börsenverein müsse „sich öffnen, aus der Verteidigungshaltung in die Angriffshaltung kommen, die Verteilungs-Diskussionen zwischen den Sparten beenden, intensiv Fortbildung für die Mitarbeiter der Unternehmen anbieten und eine attraktive Plattform für Diskussion und Erfahrungsaustausch sein“. Eines könne der Verein jedoch nicht: Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit seiner Mitgliedsunternehmen übernehmen, so Spencker. „Das muss jeder Buchhändler und Verleger für sich selbst leisten.“  

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