Das DEAL-Projekt und der Streit mit Elsevier

Kampf um die Marktmacht

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hat mit ihrem Lizenzprojekt "DEAL" den Unmut von Verlagen und Buchhändlern auf sich gezogen, der Börsenverein hat Kartellbeschwerde eingereicht. Das vorläufige Scheitern der Lizenzgespräche und die nachfolgende Eskalation offenbaren aber eine weitere Konfliktdimension: Wer setzt den Preis für den Wissenszugang? Ein Großverlag wie Elsevier oder die Bibliotheken und Wissenschaftsinstitutionen? Eine Erkundung.              MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Wer sich durchs Studium durchbeißen muss, ist auf schnellen Zugang zu möglichst vollständiger Fachliteratur angewiesen

Wer sich durchs Studium durchbeißen muss, ist auf schnellen Zugang zu möglichst vollständiger Fachliteratur angewiesen © shock / fotolia

Als die Allianz der Wissenschaftsorganisationen (kurz: Allianz) im Jahr 2014 beschloss, mit großen Wissenschaftsverlagen Bundeslizenzen für elektronische Zeitschriftenangebote zu verhandeln, dürfte jedem Eingeweihten von vornherein klar gewesen sein, dass dies nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen würde. Umso mehr überrascht der Optimismus, mit dem das von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) eingesetzte Projektteam mit dem Namen „DEAL“ seinen Zeitplan aufsetzte. Verhandelt werden sollte mit den drei Verlagsgiganten Elsevier, Springer Nature und Wiley – und (vorerst) nur mit ihnen. Verlage der Größenordnung von Thieme oder De Gruyter, und erst recht kleinere Häuser, blieben hingegen außen vor. Nicht zufällig sollten die Verhandlungen mit Elsevier beginnen, dem Unternehmen, das wegen seiner umstrittenen Preispolitik in den vergangenen Jahren schon mehrfach von Wissenschaftsorganisationen und Bibliotheken unter Beschuss genommen worden ist. Bis Ende 2016 sollten die Verhandlungen mit Elsevier abgeschlossen worden sein, als Jahr des Lizenzbeginns wurde 2017 angesetzt.

Vorläufiges Scheitern
Es kam nicht so wie geplant: Schon Anfang Dezember erklärte die HRK die Verhandlungen mit Elsevier für vorerst gescheitert. Als Gründe wurden sowohl die überhöhten Forderungen für die Bundeslizenz als auch die Weigerung von Elsevier genannt, sich auf eine Open-Access-Vereinbarung einzulassen. Dieses Element gehörte aber von Anfang an zu den Verhandlungszielen von DEAL, wie Antje Kellersohn, Direktorin der Universitätsbibliothek Freiburg und Leiterin der DEAL-Projektgruppe, in einer Stellungnahme für das Börsenblatt bekräftigt. Ziel des Projekts DEAL sei „nicht nur der Abschluss bundesweiter Lizenzverträge“, sondern zugleich die Implementierung einer Open-Access-Komponente, „so dass z. B. die von den Wissenschaftseinrichtungen getragenen Kosten für Open-Access-Veröffentlichungen im Rahmen dieser Lizenzen berücksichtigt werden“ – mit anderen Worten: Es soll ausgeschlossen werden, dass der Verlag bei der Publikation von Artikeln, die auf dem Wege des Gold Open Access veröffentlicht werden (Finanzierung durch den Autor oder die Forschungseinrichtung), noch einmal mitverdient. Der Double-Dipping-Effekt, zu Deutsch: das doppelte Abkassieren, solle vermieden werden, so Kellersohn. Elsevier berufe sich zwar immer wieder auf den Aufwand für die Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse, verschweige aber, „dass ein Großteil des Aufwands – das Erstellen und Prüfen der Beiträge – von Wissenschaftlern erbracht wird, die mit Steuergeldern bezahlt werden“.

Horst Hippler, der Präsident der HRK, kritisierte im Namen der Allianz die Haltung des Verlags: "Elsevier versucht damit, seine marktbeherrschende Stellung zu nutzen und droht allen Wissenschaftseinrichtungen, deren Verträge 2016 auslaufen, mit einem Abschalten aller Zugänge". Was Hippler mit dem Auslaufen der Verträge umschreibt, war allerdings Teil der Verhandlungsstrategie: Die HRK hatte ihre Mitglieder Anfang Oktober in einem Rundschreiben (18/2016) aufgefordert, die Ende 2016 auslaufenden Verträge nicht zu verlängern und stattdessen fristgerecht zu kündigen. So hatte etwa der Kanzler der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU), Matthias Schwarte, die Verträge der Hochschule mit Elsevier für 166 laufende Abonnements sowie für die „Freedom Collection“ mit mehr als 2.000 Online-Zeitschriften gekündigt. (Die Lizenzkosten der Sammlung bezifferte Schwarte auf rund 830.000 Euro.)

Die Staatsbibliothek zu Berlin erklärte am 18. Oktober: "Um den Verhandlungen, die derzeit mit Elsevier geführt werden, mehr Nachdruck zu verleihen, kündigen wie wir zahlreiche Bibliotheken in Deutschland derzeit ihre Elsevier-Zeitschriften, vorausgesetzt, die jeweiligen Verträge lassen dies zu." Elsevier, so die WWU in ihrer Mitteilung, habe die Kündigungen akzeptiert und darauf hingewiesen, dass die Zugänge für die neuen Hefte der gekündigten Zeitschriften bzw. der „Freedom Collection“ ab 1. Januar gesperrt seien, sofern kein Lizenzabschluss zustande komme.

Elsevier selbst nannte als Grund für die Unterbrechung der Gespräche nicht nur die Komplexität der Verhandlungen, sondern auch den Wunsch des "DEAL"-Projektteams, weitere Institutionen und Inhalte in die Lizenzgespräche einzubeziehen.

Vorauseilende Kündigungen als Bumerang
Als Anfang 2017 immer noch keine Einigung in Sicht war, und Elsevier die Zugänge sperrte, war das Geschrei groß: 60 Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen, die ihre Abonnements-Verträge im Vorgriff auf eine Lizenzvereinbarung gekündigt hatten, beklagten nun in einem Blogeintrag auf der Webseite des DEAL-Projekts, von der Versorgung mit Elsevier-Inhalten abgeschnitten zu sein. Zahlreiche Presseberichte und Blogeinträge griffen den Vorgang auf und malten teilweise sogar den „digitalen Ausnahmezustand“ für 2017 an die Wand.

Zwar hatte die DEAL-Projektgruppe im Vorfeld ein Notversorgungskonzept erarbeitet, das Ausfälle lindern sollte, dennoch forderte man jetzt von Elsevier eine Kulanzregelung. Der Verlag hatte unmittelbar nach dem Scheitern der Gespräche erklärt: "Selbstverständlich werden alle Institutionen, auch wenn sie ihre Verträge gekündigt haben, mit Zugang versorgt, so sie dies wünschen." Zu welchen Konditionen diese Vertragsverlängerung angeboten werden sollte, ging aus dieser Stellungnahme allerdings nicht hervor. Inzwischen scheint die Versorgung mit Elsevier-Titeln an den Hochschulen, die ihre Verträge gekündigt hatten, zumindest teilweise wiederhergestellt zu sein. Der Verlag teilte Mitte Februar mit, man wolle den betroffenen Institutionen für die Dauer der Lizenzgespräche den Zugang zu den Inhalten gewähren. Die Freischaltung, so Kellersohn in ihrer Stellungnahme für das Börsenblatt, sei allerdings ohne jegliche Absprache erfolgt, und trotz mehrfacher Nachfrage lägen bislang „nur sehr unpräzise Aussagen zu den rechtlichen und finanziellen Konsequenzen der Freischaltung vor“.

Eine zweite Verhandlungsrunde im Januar, zu der das DEAL-Team mit zwei Vertretern von Elsevier zusammengekommen ist, brachte laut Kellersohn "keinerlei Fortschritte" – obwohl man bereits im Dezember um die Vorlage eines revidierten Angebots gebeten habe. Ende März findet die nächste Verhandlungsrunde statt, zu der Kellersohn dringend autorisierte und kompetente Gesprächspartner, insbesondere mit Open-Access-Know-how, erwartet.


"Inakzeptable Preisentwicklung"
Um die Hartnäckigkeit zu verstehen, mit der Allianz, HRK und DEAL die Verhandlungen mit Elsevier verfolgen und zu einem aus ihrer Sicht erfolgreichen Lizenzabschluss bringen wollen, muss man sich mit dem Grund und der Zielrichtung des Projekts befassen. Es ging von vornherein nicht nur darum, eine Lizenz auszuhandeln, die die Budgets der betroffenen Einrichtungen schont, sondern auch, die Marktmacht Elseviers und anderer Großverlage zu brechen.

  • Die Ausgaben für die drei großen Verlage Elsevier, Springer Nature und Wiley würden Kellersohn zufolge bereits etwa 60 Prozent der Erwerbungsbudgets der wissenschaftlichen Bibliotheken binden – mit steigender Tendenz. In Großbritannien sei deshalb eine Kartellbeschwerde gegen Elsevier anhängig.
  • Man müsse die von Elsevier forcierte "inakzeptable Preisentwicklung" durchbrechen, um den Spielraum für die Versorgung mit wissenschaftlicher Literatur aller Fachdisziplinen wieder zu vergrößern.

  • Trotz der erreichten Umsatzrendite von 40 Prozent (zum Vergleich: 2005 lag sie noch bei 31 Prozent) habe der Verlag die Preise für alle Angebotskomponenten höher angesetzt als die Summe aller bislang bezahlten Lizenzsummen. Kellersohn spricht von einem Betrag im dreistelligen Millionenbereich. Wichtige Angaben zum Leistungsumfang und zur gewünschten Open-Access-Komponente sei Elsevier bisher schuldig geblieben.


Nächste Eskalationsstufe
Um den Druck auf Elsevier weiter zu erhöhen, hat HRK-Präsident Horst Hippler in persönlichen Schreiben an renommierte Wissenschaftsautoren diese dazu aufgefordert, ihre Tätigkeit als Verfasser und Herausgeber von Elsevier-Journalen zu überdenken und gegebenenfalls niederzulegen – falls nicht doch noch ein akzeptables Angebot vorgelegt werden sollte. DEAL-Projektleiterin Kellersohn hält dieses Vorgehen für legitim: "Der Verlag Elsevier schadet mit seiner Politik der Wissenschaft: Je weniger Fachliteratur sich Bibliotheken leisten können, desto mehr wird der wissenschaftliche Diskurs in den Fachdisziplinen behindert. Dagegen gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu recht an – auch auf europäischer und internationaler Ebene."

Elsevier, auf die Boykottankündigungen angesprochen, reagiert zurückhaltend: "Wir rufen alle Beteiligten zur Besonnenheit auf. Differenzen, wo sie bestehen, können am besten im direkten Gespräch geklärt werden", sagte Hannfried von Hindenburg, Senior Vice President Global Communications bei Elsevier, auf Anfrage des Börsenblatts.

Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin, will sich der Boykottfront anschließen: „Die TU Berlin erwägt, den Vertrag mit Elsevier zu Ende 2017 ebenfalls zu kündigen. Das wird die Position der Verhandlungsführer weiter stärken." Antje Kellersohn schätzt, dass Elsevier durch die Kündigungen ein wöchentlicher Schaden in sechsstelliger Höhe entsteht. Ob dies den Verlagsriesen in die Knie zwingt, ob es „zum Showdown“ kommt, wie der TU-Bibliotheksdirektor Jürgen Christof vollmundig prophezeit, wird man frühestens in einigen Monaten beurteilen können.

Die Wirkung streikähnlicher Boykottmaßnahmen gegen Elsevier ist in der Vergangenheit überschaubar geblieben. Den im Januar 2012 von dem Mathematiker William Timothy Gowers initiierten Appell "The Cost of Knowledge" haben zwar bis heute mehr als 16.500 Forscher unterschrieben, die sich selbst verpflichtet haben, nicht in Elsevier-Journalen zu publizieren, sich nicht als Gutachter zur Verfügung zu stellen und keine Herausgebertätigkeit auszuüben – ob dies jedoch die Wachstumskurve von Elsevier gedrückt hat, lässt sich kaum nachprüfen. Die Rendite ist in den vergangenen Jahren jedenfalls weiter gestiegen.


Marktchancen kleinerer Verlage beschnitten
Die Kollateralschäden der DEAL-Verhandlungen sollte man – selbst wenn man die Zielrichtung der Allianz aus Bibliothekssicht nachvollziehen mag – nicht außer Acht lassen. Für Jahre bleiben alle anderen Verlage, die nicht zu Sondierungsgesprächen oder Verhandlungen eingeladen wurden, beim Aushandeln von Bundeslizenzen außen vor. Das Ziel, die Marktmacht des von der Allianz beklagten Oligopols Elsevier, Springer Nature und Wiley zu brechen, könnte am Ende in sein Gegenteil verkehrt werden: dass nämlich genau die Verlage, deren Hegemonie man beseitigen will, diejenigen sein könnten, die noch am Lizenzgeschäft teilnehmen – zu welchen Konditionen auch immer. Zudem würden der Buchhandel und Fachinformationsdienstleister weitgehend aus dem Handel mit deutschen Wissenschaftseinrichtungen verdrängt. Diese drohenden Entwicklungen haben den Börsenverein dazu bewogen, seinerseits die für „DEAL“ verantwortliche Allianz mit einer Kartellbeschwerde in die Schranken zu weisen: weil sie wettbewerbswidrig ihre Marktmacht beim Bezug elektronischer Wissenschaftszeitschriften missbrauche und die Marktchancen kleinerer Verlage drastisch verschlechtere. Dies gefährde die Publikationsvielfalt in Deutschland.

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