Deutsch-französisches Gesprächsforum

Gemeinsam gegen Internetgiganten

Bescheidenheit und Zurückhaltung standen gestern nicht auf der Tagesordnung in Berlin. Beim deutsch-französischen Gesprächsforum im Haus der Europäischen Kommission nahe beim Brandenburger Tor wurde deshalb die „Zukunft des Buches“ schon in der Überschrift mit der „Zukunft Europas“ kurzgeschlossen.

Das ist groß und anspruchsvoll gedacht und dahinter steht die Befürchtung, dass europäische kulturelle Traditionen bedroht sind. Infolgedessen verstand sich das vom Börsenverein und der Frankfurter Buchmesse mitinitiierte Forum, das Verleger, Buchhändler, Lobbyisten, Politiker und Schriftsteller aus Frankreich und Deutschland zusammenbrachte, vor allem als ein Statement. Passenderweise stand am Ende eine gemeinsame Erklärung des Deutschen Kulturrates und des Börsenvereins sowie des französischen Buchhändler- und des französischen Verlegerverbandes. Die größte Herausforderung für europäische Unternehmen innerhalb der Buchbranche bestehe darin, sich gegen global agierende Internetgiganten wie Amazon und Google zu behaupten, heißt es darin.

Von einer „Asymmetrie des Marktes“ sprach Julia Claren, Geschäftsführerin des Kulturkaufhauses Dussmann. Vorangetrieben durch die digitale Entwicklung entstünden immer neue logistische Konzepte, gedacht nicht mehr aus der Perspektive des Produzenten, sondern allein aus der Perspektive des Verkäufers.

„Es fehlen die Rahmenbedingungen, das ist kein ausgewogener Markt“, konstatierte Claren. Die Voraussetzungen für Händler wie Dussmann und Logistikunternehmen wie Amazon seien ungleich. In der gemeinsamen Erklärung, die kurzerhand die Perspektive von Amazon oder Google imaginiert, wird den amerikanischen Unternehmen unterstellt: „Bücher sind nur Mittel zum Zweck.“ Ihr Inhalt und kultureller Wert werde als nebensächlich betrachtet.

 

Die zuweilen überschießende Kritik ging einher mit einer Selbstvergewisserung, einem Rekurs auf „europäische Werte“ und buchhändlerische Traditionen. „Deutschland und Frankreich sind Ausnahmen in der Welt“, sagte etwa Matthieu de Montchalin, Präsident des französischen Buchhändlerverbandes. Beide Länder verfügten über den größten Anteil an unabhängigen Buchhandlungen in Relation zur Zahl der Einwohner weltweit. Dieses Netz habe Europa vorangebracht und müsse geschützt werden. Die französische Kulturministerin Aurelie Filippetti schloss ihre 15-minütige Videobotschaft mit der Versicherung, „Deutschland und Frankreich können gemeinsam Europa voranbringen.“

Für Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, sind der deutsche und der französische Buchmarkt „vorbildlich“. Den gegenwärtigen Wandel betrachtet Skipis als Herausforderung an Unternehmergeist, aber auch an die Politik, von der er sich hinsichtlich des Urheberrechts im Stich gelassen fühlt („Note 5“). „Mitnichten richtet der Markt alles, zuweilen richtet er eher zugrunde“, attackierte auch er eine Haltung des uneingeschränkten Laissez-faire.

Einigermaßen verloren wirkten die Autoren zwischen den Statements der Lobbyisten. Es war eine andere Perspektive, die etwa Thomas Hettche mit einer Diskussion über die „Zukunft des Buches“ verband.  Die Trennlinie verläuft für Hettche nicht zwischen verschiedenen Medien. Für den Schriftsteller steht der Freiheitsbegriff im Zentrum. Auf der einen Seite, verbunden mit Amazon, ein ökonomischer Begriff von Freiheit, der in der Forderung nach ständiger Verfügbarkeit kulminiert, auf der anderen Seite das Buch verstanden als „kostbarer Rückzugsort“, als Medium der Aufklärung.

 

Doch Hettches Gedanke wurde ebenso wenig aufgegriffen wie das Plädoyer des Kulturwissenschaftlers Thomas Macho für „temporäre Themenbuchhandlungen“. Macho plädierte für eine radikale Spezialisierung der Sortimente. Und er fragte zugleich provokant in die Runde: „Warum sehen Buchhandlungen immer mehr aus wie Modehäuser mit Frühjahrs- und Herbstkollektionen, wo doch gleichzeitig immer wieder die Langlebigkeit des Buches herausgestellt wird?“

Aber es waren andere Antworten, die in Berlin gesucht wurden – und deren Adressaten in Brüssel anzutreffen sind. In der gemeinsamen deutsch-französischen Erklärung wurden „Eckpunkte für eine nachhaltige europäische Buchpolitik“ festgehalten:

1. Die Buchpreisbindung ist unantastbar

2. Die reduzierte Mehrwertsteuer ist auch auf elektronische Bücher anzuwenden

 3. Wettbewerbsverzerrungen durch Steuervorteile müssten beseitigt werden

4. Kern des europäischen Urheberrechts ist und bleibt das Autorenrecht

Es sind gegenwärtige, drängende Forderungen an die europäischen Politiker, ausgelöst durch den dramatischen Wandel des Buchmarktes. Offenbar unveränderlich ist jedoch, was der Schriftsteller Alberto Manguel („Eine Geschichte des Lesens“) so formulierte: „Wenn der Schriftsteller gelesen wird, lebt er. Wird er nicht gelesen, stirbt er. Das ist die Macht des Lesers.“

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