Die Urheber

Argumente statt Mailbomben

"Ein Internet ohne Urheber würde allmählich in den Zustand der Entropie übergehen", schreibt Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen in seinem Kommentar.

Michael Roesler-Graichen

Michael Roesler-Graichen © Nicole Hoehne

Die Urheber haben in diesen Tagen keinen leichten Stand. Ihren tausendfachen Appell, das geistige Eigentum zu achten, beantworten Protagonisten des "freien Netzes" mit Cyberattacken oder schlicht mit der lapidaren Behauptung "Ihr seid nicht mehr systemrelevant!". Drohung, Repression oder begriffliche Auslöschung treten an die Stelle eines Dialogs, wie er in einer offenen Gesellschaft geführt werden sollte – und an dem sich zum Glück viele mit Argumenten und nicht mit "Mailbomben" beteiligen.

Dass die Urheber so zur Zielscheibe von Kritik und gar Hass geworden sind, hat Gründe. Künstler und Autoren werden zu Prügelknaben, weil sie mit den Defiziten des Urheberrechts identifiziert werden oder weil sie als Feigenblatt einer "Verwertungsindustrie" gelten, die angeblich die Freiheit im Netz bedrohe.

Doch die Ursache der Wut gegen den "Urheber" sitzt noch tiefer: Der Gedanke der Urheberschaft selbst wird als überflüssig betrachtet, als überholtes Konzept, das es zu eliminieren gilt. Die Piratin Julia Schramm, selbst Buchautorin, behauptet, Künstler seien nur "›Filter‹ für das, was in der Welt ist und allen gehört". Wäre es so, käme nichts Neues in die Welt und damit auch nicht ins Netz. Ein Internet ohne Urheber würde allmählich in den Zustand der Entropie übergehen.

Der Umgang einer Gesellschaft mit ihren Künstlern ist ein Gradmesser ihrer Freiheit. Doch was ist Freiheit? Schrankenloses Handeln? Oder hat es nicht auch mit Verantwortung zu tun? Mit Respekt vor dem anderen und vor seiner schöpferischen Leistung? Selbsternannte "Befreiungshelden", die Künstler mit totalitären Methoden diffamieren und einschüchtern wollen, kann eine offene Gesellschaft jedenfalls nicht tolerieren.

Zu hoffen bleibt, dass die Besonnenen sich in der Urheberrechtsdebatte durchsetzen. Um die Gestalt des Urhebers ist mir nicht bang. Sie wird bleiben – während die "Systeme" kommen und gehen.

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9 Kommentar/e

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  • Mike

    Mike

    Besonnenheit gibt es schon, der folgende Link findet nur in der Berichterstattung wenig Beachtung, da man ja lieber weiter den Hackern eine Plattform bietet... Wie auch Ihr Beitrag.

    http://wir-sind-die-buerger.de/

  • Stefan G.

    Stefan G.

    "Ein Internet ohne Urheber würde allmählich in den Zustand der Entropie übergehen."

    Was Sie und viele andere aber gerne vergessen: Im Internet ist *jeder* ein Urheber...

  • Klaus Philipp Mertens

    Klaus Philipp Mertens

    „Im Internet ist jeder ein Urheber.“ Eine Feststellung mit axiomatischem Anspruch, entsprungen den Tiefen des Nichtwissens. Und gezielt propagiert, um eine wirtschaftliche Gruppe argumentativ abzusichern, die ein besonderes Geschäftsmodell verfolgt: Vermehre deinen Profit, in dem du deine Mitbewerber enteignest. Die Initiatoren dieser Idee wissen sehr genau, was sie wollen. Doch ihr System ist darauf angewiesen, dass der größte Teil der Gefolgschaft gar nicht weiß, wofür er steht.

    Nur konsequente Ignoranz lässt das Internet als eine Art Parallelwelt mit eigenen Definitionen und Gesetzen und einer unbegrenzten Freiheit erscheinen. Dass eine der Stützen dieses Systems, Facebook, in diesen Tagen an die (reale) Börse geht, wird von den Jüngern anscheinend nicht zur Kenntnis genommen. Und ebenso nicht, dass der Kurs der Aktie fast jeden Wert verlieren würde, sollte das Unternehmen in Haftung genommen werden, wenn seine ach so freien User dort veröffentlichen, was ihnen gar nicht gehört.

  • J. Meiner

    J. Meiner

    @Stefan G.

    Urheber ist, wer Werke schafft. Werke sind persönliche, eigenständige Schöpfungen, die eine gewisse Schöpfungshöhe haben. Nur weil jeder im Netz veröffentlichen kann, ist noch längst nicht jeder Urheber.

  • saguenay

    saguenay

    "Der Umgang einer Gesellschaft mit ihren Künstlern ist ein Gradmesser ihrer Freiheit."

    Der Umgang einer Gesellschaft mit Freiheit ist auch ein Gradmesser Ihrer Freiheit – wenngleich offenbar ein gern vernachlässigter. Dass die in unregelmässigen Abständen immer wieder auftauchende Diskussion, über die Frage der prekären Balance zwischen Freiheit und Sicherheit einer Gesellschaft im Kontext der Urheberrechtsdiskussion noch um einiges niederträchtiger und letztlich auch dümmlicher verläuft als in Fällen, in denen Amokläufer, Selbstmordattentäter oder ähnlich liebenswerte Zeitgenossen involviert waren, ist nicht zuletzt auch dem enormen propagandistischen Feuerwerk zu verdanken, das alle Beteiligten unter grösstmöglichem Aufwand abbrennen, bzw. der Inbrunst des religiösen Überzeugungstäters, die die Prediger des Urheberrechtskreuzzugs wie die urheberrechtlichen Wiedertäufer gleichermassen auszeichnet.

    Die erleuchteten Positionen beider Seiten erfahren zusätzlich noch einiges an Schärfe durch die Tatsache, dass nun einmal auch ganz handfeste finanzielle Interessen involviert sind, was die Bereitschaft zum Kompromiss ebenso klein hält wie die Hemmschwelle in Sachen Schlammschlacht.

    Es sind nicht die Urheber, die keinen leichten Stand haben, sondern diejenigen, die der Ansicht sind, man könne den Schutz des Privateigentums auch ohne die Exzesse des Überwachungsstaates realisieren. Aber deren Positionen nimmt man wg. des relativ geringen Unterhaltungswerts ihrer Ansichten derzeit kaum zur Kenntnis.

    Zyniker wie mich freut allerdings die Widersprüchlichkeit, die die Aktivitäten der Anhänger des (jeweiligen) reinen Glaubens auszeichnet:

    Der Börsenverein z.B. geht in Form der Content-Allianz mit ARD und ZDF ins Bett, die beide zwar nur aufgrund rein politischer Erwägungen und frei von wirtschaftlichen Zwängen privater Unternehmen mittels einer öffentlichen Zwangsabgabe existieren - und wunderbare Angriffspunkte für all jene bieten, der gerne einer Kulturflatrate das Wort reden. Derartige Beispiele finden sich zur Genüge, ein weiteres wäre z.B. die letzte Anonymous-Aktion etc.....

    Nun muss man fairerweise aber auch sagen, dass man einen richtig zünftigen Glaubenskrieg nun mal nicht mit Samthandschuhen, sondern wenn, dann mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und einer guten Portion Hinterhältigkeit und Fanatismus führt. Zumindest legt die Begeisterung, mit der die Kontrahenten derzeit aufeinander eindreschen diesen Gedanken nahe.

    Es stellt sich die Frage, welchen Flurschaden diese medienwirksame Prügelei letztlich anrichten wird, wobei aber nicht ganz auszuschliessen ist, dass letztlich wirklich ein sinnvoller Kompromiss zustande kommen könnte.

    Furchtbare Vorstellung, nicht wahr ;-)

  • Stefan G.

    Stefan G.

    "Nur weil jeder [...] veröffentlichen kann, ist noch längst nicht jeder Urheber."

    Ja, das denke ich mir beim Blick in die Verlagsvorschauen für den Herbst auch gerade...

  • wettbewerber

    wettbewerber

    @2 das Problem ist dass ich die Biographie von Andre Heller und nicht IHRE lesen will ... etc.

    @3 GENAU. Es ist bekannt dass der russische FSB Leute dafür bezahlt, in Diskussionsforen Kritiker von Putin mit dummen Argumenten totzuquasseln...manchmal beschleicht mich das Gefühl, youtube, google facebook und Co. bezahlen ebenfalls ihre Trolle

  • Bender

    Bender

    "Dass die Urheber so zur Zielscheibe von Kritik und gar Hass geworden sind, hat Gründe. Künstler und Autoren werden zu Prügelknaben, weil sie mit den Defiziten des Urheberrechts identifiziert werden oder weil sie als Feigenblatt einer "Verwertungsindustrie" gelten, die angeblich die Freiheit im Netz bedrohe."

    Was die Urheber und Verwerter immer noch nicht verstanden haben ist, dass die Kritik und der Hass, der Ihnen entgegenschlägt auch die Folge einer absolut missratenen Kommunikationspolitik ist, in der ein breiter Teil der Bevölkerung kriminalisiert und beleidigt wird. Die harsche Formulierung von "Wir sind die Urheber" ist dabei nur eines der Beispiele. Dass so etwas beim Rezipienten nicht zur Deeskalierung beiträgt sollte klar sein.
    Auf der anderen Seite beschweren wir als Buchbanche uns über Termini wie "Verwertungsindustrie".

  • Bender

    Bender

    "Selbsternannte "Befreiungshelden", die Künstler mit totalitären Methoden diffamieren und einschüchtern wollen, kann eine offene Gesellschaft jedenfalls nicht tolerieren."

    Zu diesem Zitat kann ich nur anmerken: totalitäres Gehabe wird uns als Buchbranche ebenfalls vorgeworfen - bei der Beschneidung der Freiheit im Netz durch SOPA etc.

    • ...

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