Elisabeth Ruge über das Werk von Swetlana Alexijewitsch

"Ihre Bücher erzeugen Schmerz"

Der Friedenspreis 2013 geht an Swetlana Alexijewitsch. Im September erscheint im von Elisabeth Ruge geleiteten Verlag Hanser Berlin ihr Buch „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Ein Gespräch mit der Verlegerin. VON INTERVIEW: HOLGER HEIMANN

Swetlana Alexijewitsch ist im Krankenhaus. Wie geht es ihr?
Es geht ihr einigermaßen gut. In meinen Augen ist das eine Krankheit, die mit ihrem Schreiben zusammenhängt. Sie musste in den vergangenen Monaten wegen heftiger Nervenschmerzen immer wieder ins Krankenhaus. Diese Schmerzen haben sie über Wochen immer wieder davon abgehalten, die letzten Seiten ihres neuen Buches, „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, fertigzustellen. In der Erkrankung spiegelt sich die Intensität ihres Schreibens, gerade bei diesem jüngsten Buch.

Ist „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ das Opus Magnum von Swetlana Alexijewitsch?
Es ist ihr Lebenswerk, in das auch alle ihre früheren Bücher mit eingeflossen, geradezu hineingeschossen sind. Ihr großes Vorhaben war es, eine Art Enzyklopädie, besser gesagt eine Art Oratorium, des 20. Jahrhunderts zu schreiben, der Menschen in der Sowjetunion, des Lebens in einem totalitären Staat. Der Kulminationspunkt dieser Arbeit ist „Secondhand-Zeit“.

Alle Bücher von Swetlana Alexijewitsch erzählen vom Leid, doch es ging dabei bislang um vergangene Katastrophen, ob Zweiter Weltkrieg, Tschernobyl oder Afghanistankrieg. „Secondhand-Zeit“ ist nicht weniger erschütternd, doch der Blick der Autorin ist diesmal auf Gegenwart und Zukunft gerichtet. Ist es deshalb vielleicht das traurigste Buch von allen?
Es ist auf jeden Fall ein trauriges Buch. Traurigkeit ist vermutlich das richtige Wort, es ist eine Traurigkeit, die an die Seele rührt. Es sind Bücher, die beim Leser Schmerz erzeugen, zugleich aber eine große Zuneigung wecken für die Menschen, von denen erzählt wird. In all ihren Büchern gibt es viele kleine Momente, in denen das Leben aufscheint – das schließt das Schöne wie das Hässliche ein. Swetlana betont immer wieder, dass sie Bücher über das Leben schreibt. Es geht ihr darum, die Erfahrung des Schmerzes zu transzendieren und zu zeigen, dass es sich lohnt zu leben. Es ist fast so, als ob sie es den Menschen, mit denen sie spricht, überhaupt erst ermöglicht, die Erinnerung an Momente der Zufriedenheit, des Glücks zu bergen, ja sich überhaupt zu erinnern. Und sie hilft ihnen, durch den Schmerz hindurch zum Leben zu finden. Das ist eine ihrer großen Gaben – dieses Zuhörenkönnen. Swetlana kommt väterlicherseits aus einer Familie, in der es viele Dorflehrer gab, auch ihre Mutter war Lehrerin. Genauso wie ihre Vorfahren ist sie jemand, der aufklären will und sich mit großer Geduld ihrem Gegenüber zuwendet. Sie ist keine Großstädterin, kein urbaner Mensch. Sie hat ein sehr schönes, ebenmäßiges, fast kreisrundes Gesicht. Und ich finde, dass aus ihrem Gesicht, aus ihren Augen diese Geduld, die Nachsicht mit den Menschen spricht. Gleichzeitig ist da eine große Beharrlichkeit und Entschlossenheit, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Wenn man diese Frau anschaut, fragt man sich, wie sie das alles verarbeitet, was die Menschen ihr erzählen. Es ist eigentlich kaum zu erklären.

Im Vorjahr wurde der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu mit dem Friedenspreis ausgezeichnet, auch er ein Stimmensammler. Mir scheint die Schreibhaltung von Swetlana Alexijewitsch ganz ähnlich. Lässt sich so, in der Vielstimmigkeit, komplexe Wirklichkeit am genauesten einfangen?
Die Vorstellung des Chors ist ganz zentral für Swetlanas Arbeit. Sie hat Journalistik in Mink studiert und dann bei verschiedenen Zeitungen, auch in der Provinz, gearbeitet. Aber sie hat schnell herausgefunden, dass das rein journalistische Schreiben ihr nicht genügt. Auf der anderen Seite hat Swetlana aber auch für sich erkannt, dass die Literatur als Fiktion nicht das zutage fördert, was sie ausstellen möchte. Aber sie ist natürlich doch eine Literatin, weil sie eine literarische Vorgehensweise wählt. Sie spricht immer wieder über viele Stunden mit den Menschen, die sie sich als Gesprächspartner gesucht hat, erstellt gleichsam dokumentarische Texte, Protokolle. Und dann verarbeitet, verdichtet sie dieses Material und schafft durch das Ineinandergreifen der Stimmen gewissermaßen einen Chor. So entwirft sie ein gesellschaftliches Panorama, das über den Zeitpunkt, den sie in den Blick nimmt, weit hinausweist.

Das Kontinuum des Schmerzes, des Leids – muss man das begreifen als Kennzeichen der sowjetischen Geschichte oder ist es für Swetlana Alexijewitsch von universeller Gültigkeit?
Ihr Werk ist ganz stark durch die Erfahrung der sowjetischen Gesellschaft geprägt, einer Gesellschaft im Banne einer totalitären Ideologie. Aber es finden sich darin auch viele Momente, die eine universelle Bedeutung haben. In „Zinkjungen“ erzählt sie davon, wie Familien die Leichen ihrer damals in Afghanistan gefallenen Söhne in zugeschweißten Zinksärgen zugestellt wurden, der Name mit grobem Pinsel auf den Deckel geschmiert. Keiner gab Auskunft, wo und wann sie gefallen waren. Darin äußerte sich neben einer unglaublichen Brutalität auch der Versuch, diesen Krieg zu verschweigen, zu beerdigen. Damals hat die Sowjetunion etwas ganz Ähnliches erlebt wie Jahre zuvor die USA in der Folge des Vietnamkriegs. Wenn eine Gesellschaft sich solchen Erfahrungen eines fragwürdigen, in seiner Sinnfälligkeit zweifelhaften Krieges nicht stellt, sondern sie verschweigt, entsteht ein kollektives Trauma. In kleinerem Ausmaß werden wir das auch in Deutschland erleben, wenn im nächsten Jahr die Bundeswehr ihre Soldaten aus Afghanistan abzieht.

„Secondhand-Zeit“ beschreibt, wie die Vorstellung von einem besseren Leben zu Grabe getragen wird und stattdessen alte, gebrauchte Ideen wiederaufleben. Es ist ein sehr ernüchterndes Buch. Und mir scheint, das Werk einer zutiefst enttäuschten Autorin. Ist Resignation an die Stelle von Hoffnung getreten?
Das Buch ist sicher durchzogen von Swetlanas eigener Enttäuschung. Wie zahlreiche andere auch hat sie sich von den Reformen Gorbatschows viel versprochen. Ihre Bücher konnten erst während der Perestroika erscheinen. In Weißrussland wurden sie kurz nach Lukaschenkos Machtübernahme verboten. Swetlana selbst hat ihre Honorare oder Preisgelder oft eingesetzt, um Exemplare zu kaufen, die dann ins Land geschmuggelt wurden und umsonst an Schulen und Bibliotheken verteilt wurden. Auch ihr russischer Verleger war an solchen Aktionen beteiligt – und auch George Soros hat dafür Geld gespendet. Swetlana hat gehofft, dass die Gesellschaft sich der Freiheit zuwendet, diese Freiheit ergreift und entwickelt. Doch das ist nicht geschehen. Die Menschen sind in einem Maße schikaniert und von der Freiheit entwöhnt worden, dass es ihnen schwerfällt, ein freiheitliches politisches System mitzutragen. Trotzdem ist Swetlanas Neugierde für den Einzelnen in einer Gesellschaft, die immer nur das Kollektiv beschwört, genauso stark wie eh und je. Es geht ihr darum, den Menschen in seiner Menschlichkeit zu begreifen, wie sie sagt. Sie blickt auf verschiedene Leben – und es lässt sie weder bitter werden noch resignieren. Aber es ist ein anderer Ton in diesem Buch, da sind Momente des Zweifels. Und das Resümee ist ein trauriges und zutiefst belastendes – dass die Menschen nicht bereit sind, die Chance zu ergreifen, ihr Leben selbst zu gestalten.

In ihrer Heimat Weißrussland wird Swetlana Alexijewitsch das Leben und Arbeiten erschwert. Trotzdem ist sie 2011 zurückgekehrt nach Minsk. Warum?
Sie ist einige Jahre durch die Welt gezogen wie eine Nomadin, hat lange in Schweden gelebt, in Frankreich, Italien und auch in Deutschland. Die Sehnsucht nach ihrer Familie, nach ihrer Enkeltochter vor allem, war einfach zu groß. Aber es ist nicht einfach für sie. Und es ist mit Sicherheit nicht ungefährlich.

Wie haben Sie einander kennengelernt?
Ich habe sie gelesen, bevor wir uns kennengelernt haben ­– „Die Zinkjungen“, das in einer russischen Vierteljahreszeitschrift abgedruckt war. In Deutschland hat zunächst niemand recht bemerken wollen, welch ein großes Werk über Kriegserfahrung und Schuld uns da geschenkt worden war. Mir schien das Buch seinerzeit auch für uns wichtig zu sein. 1992 erschien die Übersetzung dann bei S. Fischer und hat große Beachtung gefunden. Als ich sie später dann persönlich kennenlernte, spürte ich sofort eine große Nähe – es genügte ein Blick in ihr Gesicht, ein Gesicht, das von Nachdenklichkeit und Güte geprägt ist, um ein so altmodisches Wort zu benutzen. Später, das war dann schon beim Berlin Verlag, haben wir „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ veröffentlicht. Das ist für mich eines der bedeutendsten Bücher, die ich überhaupt in meiner verlegerischen Arbeit verantwortet habe. Die Menschen damals haben etwas erlebt, was sie in keinen Sinnzusammenhang einordnen konnten, etwas, für das sie keine Worte hatten. Swetlana schildert eine Bäuerin, die evakuiert werden soll und sich weigert, weil das Unheil für sie unsichtbar und nicht vorstellbar ist. Alles in ihrem Garten, die Landschaft sieht genauso aus wie vorher, ist aber von Grund auf verändert. Unsere Welt ist eine radikal andere seit dieser Katastrophe.

Swetlana Alexijewitsch hat alle Verlagswechsel mit Ihnen mitgemacht: von S. Fischer zum Berlin Verlag, von dort zu Hanser Berlin. Jetzt gehen Sie ganz, verabschieden sich als Verlegerin. Was bedeutet das für Ihre Autorin?
Ihr Lektor Ludger Ikas und ihre Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt werden weiter mit ihr zusammenarbeiten. Und dann ist da auch noch ihre Agentin Galina Dursthoff. Obwohl wir beide darüber traurig sind, dass unsere Wege nun in einer gewissen Weise auseinandergehen, weiß sie doch, dass sie von einer ganzen Reihe von Menschen begleitet wird und weiterhin Unterstützung erfährt. Und auch ich werde ihr als Freundin und Beraterin verbunden bleiben – und ihre Manuskripte lesen. Im Übrigen wird Hanser Berlin ihre Backlisttitel im Laufe der kommenden Programmzeiträume neu auflegen: Ihr großartiges, wichtiges Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erscheint im Oktober, 2014 dann das ergreifende Werk „Die letzten Zeugen“ – und natürlich die „Zinkjungen.“

Wie ergeht es Ihnen mit dieser wichtigen Auszeichnung für Ihre Autorin: Ist es Trost und Triumph mit solch einer Ehrung, die schließlich auch auf den Verlag gemünzt ist, abzutreten oder macht es die Trauer nur umso größer?
Es hat mich in all meinen Jahren als Verlegerin wenig so erfreut wie dieser Preis für diese Autorin, für diese Frau. Denn diese Auszeichnung wird helfen, dass sie erkannt wird als große Chronistin unserer Zeit.

Sie können einen solchen Erfolg jetzt nicht mehr wiederholen ...
Klar – manchmal, wenn ich über meinen Entschluss nachdenke, bin ich schon etwas wehmütig. Aber nicht im Zusammenhang mit dem Friedenspreis für Swetlana Alexijewitsch. Wenn in einigen Jahren einer meiner Autoren diesen oder einen anderen Preis erhalten sollte, würde ich das nach wie vor als Auszeichnung für einen Menschen betrachten, den ich ein Stück seines Weges begleitet und für den ich vielleicht einiges möglich gemacht habe. Das ist eine Freude ganz ohne Wehmut.

 

Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen »Roman in Stimmen«. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. „Zinkjungen. Afghanistan und die Folgen“, war ihr erstes in der Bundesrepublik verlegte Buch. Es erschien 1992 bei S. Fischer, wo Elisabeth Ruge als Lektorin arbeitete. Mit Ruge wechselte Swetlana Alexijewitsch zum Berlin Verlag, wo 1997 „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ herauskam. Im September erscheint im von Elisabeth Ruge geleiteten Verlag Hanser Berlin „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus.“ Im Oktober 2013 bringt Hanser Berlin eine Neuausgabe von „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ in den Buchhandel, im Frühjahr 2014 die erweiterte und überarbeitete Ausgabe von „Zinkjungen“, im Herbst 2014 schließlich „Die letzten Zeugen.“

Alexijewitsch wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (1998), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuścińki-Preis (2011) und dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011). Im Oktober erhält sie in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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