Erfolgreiche Regionalkrimiautoren: vier Porträts

Nervenkitzel im Nahbereich

Von Bayern bis Nordfriesland: Regionalkrimis sind populär. Aber wer schreibt sie eigentlich? Vier Autoren, die das Abgründige hinter der ländlichen Idylle auf ganz eigene Art ausleuchten. ANDREAS TROJAN

 Rita Falk: Die Verlage standen Schlange, der Zuschlag ging an dtv

Rita Falk: Die Verlage standen Schlange, der Zuschlag ging an dtv © Astrid Eckert

"Ja, manchmal ist dieser Job wirklich zum Kotzen. Genauer gesagt ist mein ganzes Leben manchmal wirklich zum Kotzen." Diese existenzielle Erkenntnis hat der Dorfpolizist Franz Eber­hofer in Rita Falks neuem Roman "Leberkäsjunkie. Ein Provinz­krimi" (dtv, 320 S., 15,90 Euro). Er muss dringend abnehmen – Leberkäse, "Fleischpflanzerln" und "Würschte" jeglicher Art sind tabu. Dazu kommen noch familiäre Schwierigkeiten und eine verstümmelte Leiche. Rita Falk hat sich mit ihren Regionalkrimis rund um den bayerischen Ermittler Eberhofer eine große und treue Fangemeinde erarbeitet. Auch sie fand ihren erlernten ­Beruf einfach zum Kotzen: Bürokauffrau – neudeutsch: "Office Managerin". Dann verlor sie ihren Job und begann zu schreiben. Ihren ersten Roman wollte niemand haben. Doch ihr Freundeskreis ermunterte sie weiterzumachen. Und so waren drei weitere Romane im PC.
Mithilfe eines Literaturagenten ging dann alles sehr schnell: Die Verlage standen Schlange und der Deutsche Taschenbuchverlag bekam den Zuschlag. "Was dann aber passiert ist, das kann ich rückblickend noch immer nicht richtig begreifen. Der Eberhofer und seine Konsorten, die haben eine Welle ausgelöst, wie ich sie niemals auch nur annähernd erwartet hätte", staunt die Autorin. Übrigens: Rita Falks Ehemann hat als Streifenpolizist gearbeitet: "Viele kriminalistische Details sind aus seiner dienstlichen Laufbahn übernommen oder auch von Erzählungen seiner Kollegen. Und natürlich gibt er mir Tipps", verrät Falk.

 Jörg Maurer: Sein bayerisch-granteliger Kommissar ist bei S. Fischer zu Hause

Jörg Maurer: Sein bayerisch-granteliger Kommissar ist bei S. Fischer zu Hause © Gaby Gerster

"Ich bin ein begeisterter Jobhopper": So charakterisiert Jörg Maurer sich selbst. Wer einen Blick auf seine Vita wirft, kann das nur bestätigen: Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaften war Maurer zunächst als Gymnasiallehrer und Hochschuldozent tätig. 1980 kam er dann zum Kabarett, entwickelte sein ganz eigenes kultursatirisches Musikprogramm mit über 2 000 Auftritten im deutschsprachigen Raum. Ab 2009 avancierte er schließlich zum erfolgreichen ­Krimiautor – mit seinem bayerisch-granteligen Kommissar Hubertus ­Jennerwein (neu: "Schwindelfrei ist nur der Tod", Scherz, April, 432 S., 14,99 Euro). Statt "Job­hopping" eher ein gekonnter Stepptanz von einem Berufsfuß auf den anderen: "Der kabaret­tistische Anteil in meinen Romanen ist groß: Auf jeder Seite Überzeichnungen, Übertreibungen, Verfremdungen." Seine ­Magisterarbeit verfasste Maurer über Arno Schmidt. Bei ihm hat er den "aus­ufernden Humor und die Technik der literarischen Pointe" gelernt.
Als Krimiautor setze man den Tod da ein, wo man ihn dramaturgisch gerade brauche, erklärt Maurer. "Man macht den Tod auf diese Weise zum Affen. Ein Kriminalroman ist für mich die Oper des schwarzen Humors." Diesen schwarzen ­Humor kann man auch regional verorten: Er ist ein süddeutsches Kind, gepflegt von Karl Valentin bis Helmut Qualtinger.

 Sandra Dünschede: Nach ihrem Genrewechsel dockte sie bei Gmeiner an

Sandra Dünschede: Nach ihrem Genrewechsel dockte sie bei Gmeiner an © Sandra Dünschede

In Sandra Dünschedes Kriminalromanen findet man im Titel oft das Wort "Friesen". Dafür gibt es gute Gründe. Denn die Autorin ist in Risum-Lindholm, einem typischen nordfriesischen Dorf, aufgewachsen. "Ich bin halt ein 'Fischkopp', komme gut mit mir selbst klar, und das sind schon wichtige Eigenschaften für eine Autorin", sagt sie. Übrigens: Da Sandra Dünschede in Hamburg lebt, hat sie auch diese Stadt zum Krimi-Schauplatz gemacht. Dass sie Schriftstellerin werden würde, war keine ausgemachte Sache. Nach dem Abitur sollte sie nach dem Willen der Eltern etwas Anständiges lernen und wurde Bankkauffrau. Es folgte ein Studium der Germanistik und der Sprachwissenschaft – durchaus nützlich für ihre spätere Profession, wie sie meint: "Auch wenn man in diesem Studium nicht das Schreiben an sich lernt, die Auseinandersetzung mit Texten und Sprache, mit Thesen, Strukturen und Theorien bereichert das eigene Schreiben sehr."
Anfangs schrieb sie Kinderbücher, keine Krimis. Warum hat sie das Genre gewechselt? "Da schiebe ich stets meinen Mann als Schuldigen vor. Der ist nämlich ein leidenschaftlicher 'Tatort'-Zuschauer", sagt Dünschede. Doch während er bis kurz vor Schluss rätselte, wer denn nun der Mörder sei, wusste sie es oft schon nach zehn Minuten. "Irgendwann ist mir aufgefallen, dass mir das Genre zu liegen scheint, und da habe ich es einfach mal ausprobiert. Was dabei herausgekommen ist, sieht man ja." Die Autorin (ihr neues Buch: "Friesenmilch", Gmeiner, 277 S., 11,99 Euro) hat neben ihrem Mann noch eine zweite Inspirationsquelle: ihre Katze. "Ohne meine Muse Lulu würde meinem Arbeitsalltag etwas ganz Entscheidendes fehlen. Ich brauche diese Ruhe und Gelassenheit, die meine Katze versprüht, um all meine Gedanken und Morde zu Papier zu bringen."

 Hannes Nygaard: ein echtes Nordlicht im Emons-Programm

Hannes Nygaard: ein echtes Nordlicht im Emons-Programm © Vera Wosnitza

"Falls eine Katastrophe im Anmarsch ist, kommen Sie einfach nach Nordstrand. Da passiert alles 30 Jahre später." Mit solchen Worten umschreibt Hannes Nygaard (eigentlich: Rainer Dissars-Nygaard) schmunzelnd den Ort, an dem er lebt und schafft. Diese saftig grüne Halbinsel im Kreis Nordfriesland hat rund 21 000 Einwohner. Viel Ruhe und viel Zeit zum Nachdenken findet man auf Nordstrand. "Natürlich wissen die Leute hier, wer ich bin", erzählt Nygaard. Wenn ein TV-Team beim ­Krimiautor vorbeischneit, meinen die Einheimischen lapidar: "Nordstrand war wieder mal im Fernsehen."
Hannes Nygaard ist als gebürtiger Hamburger ein echtes "Nordlicht". Doch er ist in seinem Leben viel herumgekommen, hat etwa in Frankfurt und München gelebt und war lange Zeit als Unternehmensberater tätig: "Ich habe für Großbanken und für die Mineralölwirtschaft gearbeitet. Wer da die Verhältnisse kennt, muss Krimis schreiben – sage ich immer mit Augenzwinkern." Und so begann es auch: Abends habe er sich hingesetzt und Beobachtungen notiert. Freunde hätten seine Sachen gelesen und gemeint: Mach doch mal was Größeres! Und so kam Nygaard zu seinem ersten Krimi, den der Emons Verlag gleich druckte. Fazit: "Seit 2004 bin ich nur noch Krimiautor" (neu: "Nordgier", Emons, 272 S., 10,90 Euro).
Nygaard schreibt zwei Arten von Krimis: Die einen spielen in Nordfriesland. Die Kripo Husum muss sich da um Mordfälle kümmern und fahndet eher mit Herz und Bauch statt mit dem Kopf. Bei den anderen geht es eher strategisch zu, dank Kriminalrat Lüder Lüders vom LKA Kiel, der es mit weit vernetzter Wirtschaftskriminalität zu tun hat. Vielleicht kann Hannes ­Nygaard deshalb dem Label "Regionalkrimi" wenig abgewinnen: "Letztlich hat jeder Krimi einen klaren Bezug zur Region, die der Autor gut kennen muss: Landschaft, Leute, Sprache und den kulturellen Hintergrund."

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