Fußballkolumne (7)

Erwartet unerwartet! Frankreich und Kroatien im Finale

Karin Plötz blickt auf das Ergebnis einer spannenden WM-Fußballwoche zurück: Die von vielen als „Geheimfavorit“ angesehenen Kroaten stehen im Finale gegen die von vielen als „Favorit“ angesehenen Franzosen.

Was bisher geschah: Bei den Viertelfinalspielen am Freitag und Samstag mussten wir uns von vier Mannschaften verabschieden. Die als einer der Favoriten angesehenen Brasilianer konnten sich gegen die als Geheimfavorit gewerteten Belgier nicht durchsetzen. Wir müssen auf die schauspielerischen und spielerischen Einlagen von Neymar verzichten und Brasilien wartet weiter auf den nächsten WM-Titel. Rugby-Einlagen der Uruguayer, vornehmlich durch „Beißer“ Suarez, halfen nicht und die Franzosen erspielten sich ein verdientes 2:0. Trotz mutigen Auftretens der Schweden gewannen die Engländer durch grandiose Paraden des Torhüters Pickford und zwei Toren von Maguire und Alli ebenfalls verdient mit 2:0. Voller Herzblut und Kampf ging es bei Russland gegen Kroatien in die Verlängerung und zum Elfmeterschießen. Nie war die russische Mannschaft so weit gekommen und viele Russen hofften auf ein weiteres Elfmeter-Wunder. Leider versagten zwei russischen Spielern die Nerven und vor allem der eingebürgerte brasilianische Spieler Fernandes verwandelte sich innerhalb einer Stunde vom Helden zum tragischen Verlierer. Erst traf er in der Verlängerung zum Ausgleich und dann verschoss vom Elfmeterpunkt. Kroatien kam, jetzt sehr erfahren mit Verlängerungsspielen einschließlich Elfmeterschießen, weiter. Aber Russland hat den Fußball wieder für sich entdeckt.

Wie schafften es Frankreich und Kroatien ins Finale?

Die Franzosen spielten routiniert und mit all ihrer individuellen Klasse mit Spielern wie Mbappé und Griezmann, gegen die Belgier. Von De Bruyne war überraschend wenig zu sehen, dafür glänzte bei den Belgiern Eden Hazard. Die beiden besten Torhüter dieser WM, Lloris und Courtois, zeigten Glanzparaden, aber ein Tor des französischen Verteidigers Umtiti, der von einem Journalisten mal als bullige Version von Beckenbauer bezeichnet wurde, entschied das Spiel. Umstritten ist, ob die Haarbüschel von Fellaini einen entscheidenden Anteil am Torschuss hatten.

Wesentlich spannender ging es im letzten Entscheidungsspiel für das Finale zu. Die unerwartet ins Halbfinale gekommenen Engländer spielten gegen die – wie bereits erwähnt – als Geheimfavorit geltenden Kroaten. Nachdem durch eine Standardsituation bereits in der 5. Minute Trippier – dessen Name gerne für dumme Scherze genutzt wird – das Führungstor schoss, spielten die Engländer eine Stunde lang überlegen und erfrischend Fußball. Besonders der junge Sterling wirbelte durch das Feld und schaffte immer wieder Freiräume für sein Team. Vorher hatte es Wirbel um ihn in England wegen eines tätowierten Gewehrs gegeben. Hintergrund war allerdings, dass sein Vater, als er zwei Jahre war, niedergeschossen wurde. Und mit seiner Leistung machte er seinem Namen alle Ehre und glänzte (wie Sterling Silber). Die Kroaten wirkten sehr blass. Kane konnte allerdings eine tolle Chance zum 2:0 nicht nutzen. Dies zeigte sich als entscheidend. Denn als der frühere Dortmunder Perisic mit hohem Bein in der 68. Minute den Ausgleich schoss, schoss auch gleichzeitig eine riesengroße Dosis Adrenalin in alle Kroaten. Überraschend drehten sie das Spiel und setzten sich gnadenlos und effektiv gegen die Engländer in der Verlängerung durch. Anführer und bester Spieler war der kleine drahtige Champions League Gewinner Luka Modric, von dem man in den letzten Minuten dachte, dass er gleich zusammenbricht. Aber die Kroaten entwickelten sich zum Weltmeister in der Verlängerung und schafften mit Mandzukic, der sich zwischendurch – vermutlich mit Krämpfen – immer wieder auf dem Boden wälzte, den entscheidenden Treffer.

Die junge englische Mannschaft und ihr toller Trainer Southgate, der ja auch die Last der Tragik eines verschossenen Elfmeters als Nationalspieler unter seiner – jetzt zum Mode-Hype gewordenen – Weste trägt, waren natürlich am Boden zerstört. Nicht so aber die fantastischen englischen Fans, die bei mir und vermutlich vielen anderen einen „Gänsehautmoment“ nach dem Spiel hervorriefen: Sie sangen für ihre Mannschaft „Don't look back in anger“. Von dieser jungen englischen Mannschaft und ihren Fans kann man zukünftig noch einiges erwarten. https://twitter.com/GaryLineker/status/1017151498680225792)

Zeitnah gibt es noch am Samstag das Spiel um den dritten Platz gegen Belgien. Noch können die Fans in Russland weiter singen.

Extrem spannend wird es am Sonntag um 17 Uhr beim Finale. Kann Frankreich, die zum dritten Mal in einem WM-Finale stehen, nach dem WM-Titel 1998, also nach 20 Jahren, einen zweiten Stern auf ihr Trikot prägen? Einen WM Titel erfahrenen Trainer haben sie mit Didier Deschamps sowie großartige Spieler, die auch ein Team bilden. Wie ein Frankreich Fan meinte: 1998 war ein einzigartiges Jahr für den französischen Fußball – Kylian (Mbappé) wurde geboren.

Kroatien dagegen könnte erstmals einen WM-Titel erringen. Sie spielen als großartige kämpferische Einheit. Und für viele der älteren Spieler bedeutet dieses Spiel die allerletzte Chance, jemals Weltmeister zu werden. Also wird dort sicherlich wieder extrem viel Adrenalin freigesetzt werden.

Lassen wir uns überraschen. Viel Spaß beim Finale!
Und wir schauen, wer Tipp-Meister wird.

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