Gastspiel von Michael Schikowski

An der Schmerzgrenze

Sollen wir Bücher als Lebensmittel oder als Luxusgut betrachten? Die Antwort auf diese Frage könnte die Zukunft des Buchhandels entscheiden. Es spreche fast alles dafür, dass die Zukunft des Buchhandels den hohen Preisen gehört. Meint Michael Schikowski.

Gehirnspezialisten behaupten, dass bei Preisinformationen das Gehirn an genau der ­Stelle Aktivität entfaltet, an der auch Schmerz verarbeitet wird. Wer regelmäßig Rechnungen aus dem Postfach fischt, wird das sofort bestätigen können.

Wenn wir einkaufen, haben wir das Geld, das uns zur Verfügung steht, und die Summe, die wir monatlich ausgeben, immer im Kopf. Eine ungefähre innere Kontoführung, mittels derer wir unsere Mittel, unsere Ausgaben und das, was etwas kosten darf, im Blick haben. So gibt es ein Konto für Lebensmittel, für die Wohnung und für die Kinder. Angeblich soll es auch, und das ist interessant, ein Konto für Luxus geben.

Luxus ist nicht für jeden. Zu denen, die sich so etwas leisten können, gehören rund 20 Prozent. Es gibt Berechnungen, aus denen hervorgeht, dass knapp über 50 Prozent der deutschen Haushalte der Mittelschicht angehören. Es waren einmal mehr. Viele rutschen ab in die Gruppe derjenigen, denen weit weniger zur Verfügung steht als der Mittelschicht.

Die Rede ist von einer Spaltung der Gesellschaft. Womit diese Spaltung auch immer zusammenhängt, sie wird deutliche Folgen für den Buchhandel haben. Ob man die Spaltung als vorsätzliche Ver­blödung, als Mechanismus der Exklusion bei Verteilungskämpfen oder als Konzentration aufs Wesentliche verstehen muss, wäre zu diskutieren. Zu fragen wäre aber auch, auf welcher Seite der Spreizung der Einkommen eigentlich zukünftig die Buch­käufer stehen?

Ganz zweifellos sind Buchhandel und Verlage als Branche der Mittelschicht zugehörig. Für die Menschen dieser Schicht sind Bücher so etwas wie Lebensmittel. Dahinter steht die Vorstellung, allen − damit auch sich selbst − den Kauf von Büchern zu ermög­lichen. Gewiss, Bücher und Zeitschriften sind Garanten für gesellschaftliche Teilhabe, die Chance auf einen sozialen Aufstieg oder zumindest Anschluss. Aber ist das heute nicht viel eher der Fernseh- und Internetanschluss? Helmut Schmidt bezeichnete nicht ohne Grund Bibliotheken und nicht etwa Buchhandlungen als "geistige Tankstellen der Nation".

Die Preise des Reclam Verlags im 19. Jahrhundert, die eine-Reichsmark-Bücher Ullsteins um 1910 oder dann Rowohlts Taschen­bücher in den 50er Jahren sind unter Bedingungen entstanden, die heute gewiss nicht mehr zutreffen. Niedrige Preise sind mithin nur sehr bedingt eine soziale Antwort auf soziale Fragen, daher sind umgekehrt Preiserhöhungen auch keine unsoziale Antwort.

Es spricht fast alles dafür, dass die Zukunft des Buchhandels, wenn er denn eine haben will, den hohen Preisen gehört. Bücher werden einer aufwendigen Wertschöpfung in Gestaltung und Ausstattung unterzogen, die die Preise hochschraubt. Von der Änderung der Auffassung des Buchhandels dahingehend, dass Bücher immer weniger Bedarf des Alltags, stattdessen zunehmend auch Luxus seien, hängt ein gewichtiger Teil der Zukunft des Buchhandels ab.

Wie erreicht man das? Vielleicht hilft die Vorstellung eines Luxuskontos. Das mag bei uns immer leer bleiben, weil wir Luxus sinnlos finden, oder weil dafür schlicht nichts übrig bleibt. Was wir damit aber erreichen, ist, uns vorzustellen, dass andere, die es offensichtlich aufzufüllen wissen, ihre Ausgaben für Bücher von genau diesem Konto bestreiten. Wenn er uns richtig weh tut, ist der Preis gerade richtig.

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5 Kommentar/e

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  • Sebastian Köppl

    Sebastian Köppl

    Zu Michael Schikowski:

    Das herkömmliche Buch als Luxusgut wird mittelfristig , angesichts der massiven Vorteile des digitalen Angebots, in der Tat nur noch ein Nischendasein führen, so dass der Buchhandel das bisherige Geschäftsmodell verlassen muß . Die breite Masse wird nicht bereit oder in der Lage sein, diesen Luxus zu finanzieren. Auch das
    konventionelle wissenschaftliche Buch wird , abgesehen von einigen Bereichen in den Geisteswissenschaften, nur noch für einen begrenzten Zeitraum nachgefragt werden.
    Freundliche Grüße,
    Sebastian Köppl

  • Buchhändler

    Buchhändler

    Die Analyse von Michael Schikowski ist wie immer bemerkenswert und regt zum Nachdenken an.
    Frage: Wie haben es die Verlage früher geschafft zu
    produzieren und warum soll sich das Buch so verteuern,
    werden die Rohstoffe knapper, der Druck teurer?
    Man muß ja dagegenrechnen, daß ein Autor schreiben
    und bekannt werden muß, also online Kosten entstehen,
    ein Lesegerät da sein muß, und alles verbraucht ja
    auch Energie in Form von Strom und Gehirnschmalz.
    Und wir können unsere Märkte besser bearbeiten, wenn
    wir Gedrucktes anbieten und kaufen, und hat nicht
    auch das Vergnügen, in einem Buch zu blättern, bevor
    es in meine Tasche wandert, einen Wert, den wir
    Glück nennen? Bevor wir diesen Schatz namens
    Buchdruck, den illustrierten Druck aufgeben, sollten
    sich unsere Politiker schnellstens bewegen, uns zu
    unterstützen und nicht wie bei Addidas und Asics
    noch die letzten Marken in den Online-Ruin zu treiben.

  • Felix

    Felix

    "Wenn er uns richtig weh tut, ist der Preis gerade richtig."
    Dieses Satz ist Zynismus pur. Vielleicht sollte der Autor mal von seinem geisteswissenschaftlichen Elfenbeinturm runterkommen und sich in eine ganz normale Durchschnitts-Familie mit zwei Kindern begeben und sich von denen erklären lassen, warum die sich nur noch die städtischen Büchereien leisten können.

  • Büchlein

    Büchlein

    @Felix: Sehe ich auch so! Abgesehen davon, gibt es genug Städte, die pleite sind und ihre Stadtteilbibliotheken geschlossen haben (Solingen z.B). Wird dann Bildung zum Luxus? Oder nur noch für Wohlhabende?
    Ich kann mir "schöne" Bücher leider auch nicht immer erlauben (tja, bin Buchhändlerin und leider nur teilbeschäftigt, dem Vollzeitstellenabbau zu danken). Da spare ich dann auch mal auf ein gewünschtes Buch. Aber ein normaler Roman, mal eben gelesen, nicht für die Nachwelt gedacht oder dem Bücherschrank, wenn dieser auch noch wesentlich teurer wird?? Das ist wirklich zynisch, wenn man bedenkt, wie viele Menschen heute von ihrem Vollzeitjob nicht mal leben können. Und die Bildung in unserem Lande ja nun auch irgendwie den Bach runter geht.

  • Ryek Darkener

    Ryek Darkener

    Ja, ein interessantes Gedankenspiel. Zuerst werden Bücher zum Luxus, egal ob Papier oder E, egal ob gekauft oder ausgeliehen. Im nächsten Schritt wird dann das Lesen selbst zum Luxus, den man sich nicht mehr leisten kann. Vielleicht zugunsten von "Erlebnissen". Möglicherweise wäre es eine gute idee, so ein Szenario zu Ende zu denken, bevor es real eintrifft. Und sich dann zu überlegen, ob man in so einer Welt tatsächlich leben möchte.

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