GU / Travel House Media: Interview mit Frank-H. Häger

"Ich glaube, dass wir etwas Einzigartiges schaffen"

Ratgeber plus Reiseführer: Die Ganske Gruppe (Hamburg) bündelt ihre Töchter Gräfe und Unzer und Travel House Media (beide München) jetzt auch organisatorisch unter einem Dach. Und speckt an der Führungsspitze ab. Buchvorstand Frank-H. Häger über Juwelenpflege, Vertriebspower und den richtigen Lifestyle-Faktor.

Sie übernehmen die Programmgeschäftsführung des neuen Kombi-Verlags, parallel zu Ihren Aufgaben im Ganske-Vorstand. Ziehen Sie mit Ihrem Schreibtisch jetzt von Hamburg nach München, zu GU und Travel House Media?

Häger: Nein, ich werde in Zukunft wohl zwei Schreibtische haben – einen in Hamburg und einen in München, wo ich als kommissarischer  Programmgeschäftsführer von Gräfe und Unzer schon die letzten neun Monate verbracht habe, weil Dorothee Seeliger in Elternzeit war.

Warum machen Sie die Programmgeschäftsführung des fusionierten Verlags jetzt ganz zur Chefsache? Geht es darum, die Reißleine zu ziehen?

Häger: Von Reißleine würde ich nicht sprechen wollen – aber GU beispielsweise hat beim Umsatz in den vergangenen Jahren sicher ein paar Federn lassen müssen. Wir haben deshalb die Entwicklung der Marktsegmente und Zielgruppen genauer analysiert, uns auch mit den Überschneidungen beschäftigt. Die Zielgruppe kocht, backt, grillt, macht Fitness, arbeitet im Garten – und verreist eben auch. Ich glaube, dass wir die Möglichkeit haben, hier gemeinsam noch spezifischere Angebote für die Zielgruppen zu machen.

Die beiden Warengruppen Reiseführer und Ratgeber entwickeln sich derzeit eher schwierig. Ging es auch darum, Kostendruck abzubauen?

Häger: Um das ganz klar zu sagen: Weniger Geschäftsführergehälter zu zahlen, ist keine Motivation für den Umbau an der Spitze gewesen. Auch bei den einzelnen Marken haben wir derzeit keine Ambitionen, Arbeitsplätze einzusparen. Im Gegenteil: Wir wollen mit der Umstrukturierung mehr PS unter die Motorhaube bringen – und müssen sie dann mit dem Team auch auf die Straße bekommen.

Hatten Sie das Gefühl, selber ans Steuer zu müssen?

Häger: Na ja, Gräfe und Unzer ist meine alte Heimat, die Gründung von Travel House Media habe ich mitinitiiert. Ich glaube, wir haben mit diesen beiden Programmen zwei echte Juwelen in der Verlagsgruppe − und natürlich bin ich daran interessiert, dass diese Juwelen auch entsprechend scheinen.

Werden sich die Programme verändern? Wird es weniger Digitales, mehr Printprodukte geben – oder auch umgekehrt?

Häger: Wenn ich mir die Zahlen anschaue, dann haben sich digitale Angebote und Apps im Reisesegment nicht durchgesetzt. Das sieht im Ratgebergeschäft deutlich anders aus. Sowohl E-Books als auch Apps sind hier Teil des Geschäfts geworden. Die Justierung im Programm wird sicher eher mit Themen, Buchtypen und Preispunkten zu tun haben.

Werden Sie digitale Portale wie Küchengötter oder GU Balance weiterführen?

Häger: Ja, die Küchengötter werden sehr erfolgreich seit fünf, sechs Jahren von 4Seasons Digital, unserem Digitalunternehmen in Hamburg, geführt. Die Redaktion sitzt bei Gräfe und Unzer in München. Wir werden solche Portalprojekte unbedingt fortsetzen und auch neue entwickeln.

"Wir schaffen den Ratgeberverlag für den heutigen Lifestyle", kündigen Sie in der Pressemitteilung an. Ist der Lifestyle-Faktor gerade bei Ihren Ratgebern zu kurz gekommen?

Häger: Das Kerngeschäft von GU ist Inspiration geben, Anleitung geben, Rat geben. Ich glaube, dass wir uns verbessern können, in dem wir den Lifestyle-Aspekt anders und besser aufnehmen. Von daher: Ja, das ist sicherlich ein Thema.

Werden Sie die Programmarbeit konzentrieren, sprich: weniger Bücher machen?

Häger: Ich glaube unbedingt, dass wir uns bei der Programmarbeit konzentrieren müssen. Ich bin allerdings auch nicht mit der Maßgabe angetreten, dass wir künftig 15 oder 20 Prozent weniger Novitäten machen werden. Nur: Die Diskussionen, warum Buch X oder Buch Y unbedingt bei uns erscheinen sollte und wo jeder Titel sein Alleinstellungsmerkmal hat – die werden wir sicher intensiver führen als bislang.

Im Buchhandel tun sich vor allem Ratgeber derzeit schwer. Wird Gräfe und Unzer das Engagement in den Nebenmärkten noch verstärken?

Häger: Da zitiere ich meinen ehemaligen GU-Kollegen Dieter Banzhaf, der schon vor 25 Jahren gesagt hat: Wir gehen dahin, wo die Buchkäufer sind. Nehmen Sie allein die Biomärkte, die sich in den vergangenen vier, fünf Jahren prächtig entwickelt haben. Überall dort, wo unsere Zielgruppen sind, werden wir auch unsere Bücher verkaufen.

Wird Travel House Media mit dem Zusammenschluss zur kleinen Schwester von Gräfe und Unzer?

Häger: Travel House Media hat ein Umsatzvolumen, mit Partnerverlagen, von 26 Millionen Euro. Das würde ich nicht als kleine Schwester bezeichnen. Wir bringen die Nummer eins im Ratgebermarkt und die Nummer zwei im Reisemarkt zusammen, die gemeinsam für ein Umsatzvolumen von gut 75 Millionen Euro stehen. Im Vertrieb, bei den Handelspartnern, spielt die kritische Masse, die Größe eine immer wichtigere Rolle. Und mir ist kein Verlag in Deutschland oder Europa bekannt, der diese Bandbreite vom Reiseführer über Wellnesstitel bis zum Kochbuch abdeckt. Von daher glaube ich, dass wir etwas Einzigartiges schaffen.

Sie sprechen von einem "Powerhouse" für Ratgeber. Haben Sie keine Sorgen, dass die Umstrukturierung vom Markt, von der Konkurrenz eher als Zeichen der Schwäche gesehen wird?

Häger: Wenn Wettbewerber geneigt sind, das so zu interpretieren, werde ich ihnen das nicht ausreden. Es ist immer besser, unterschätzt zu werden. Verkäufe, Umsätze und Marktanteile sprechen allerdings ihre eigene Sprache. Im Übrigen hat mir gleich gestern ein sehr bekannter deutscher Buchhändler telefonisch gratuliert und mir die Sinnhaftigkeit unseres Vorhabens bestätigt. Von unseren Vertriebs- und Handelspartnern wird es durchaus begrüßt, dass es jetzt auf Vertriebsseite einen einzigen Ansprechpartner für Travel House Media wie für Gräfe und Unzer gibt.

Bei Travel House Media ist im Frühjahr 2015 schon einmal umstrukturiert worden. Warum sind Sie den Weg nicht gleich zu Ende gegangen?

Häger: Im letzten Frühjahr war noch nicht absehbar, dass wir die beiden Verlage organisatorisch verschmelzen. Diese Diskussion haben wir in der Ganske-Gruppe erst im vierten Quartal hochintensiv geführt. Die Buchwelt verändert sich im Moment in atemberaubender Geschwindigkeit. Da müssen wir schnell sein − und handeln.

Sie suchen gerade einen Vertriebsgeschäftsführer für das neue Konstrukt. Was muss er mitbringen?

Häger: Branchenkenntnis. Und jede Menge Energie und Phantasie.

Auch bei der Kunstbuchtochter Hatje Cantz wurde umstrukturiert, der Verlag ist nach Berlin gezogen. Schauen Sie bei der Ganske-Gruppe im Moment in allen Ecken nach, wo sich noch kehren lässt?

Häger: Wir prüfen immer, was wir noch besser machen können. Das ist bei uns völlig normal.

Gibt es auch Handlungsbedarf bei Hoffmann und Campe?

Häger: Hoffmann und Campe hat mit Daniel Kampa einen tollen Verleger, mit Thomas Feinen steht ihm seit 2015 ein guter kaufmännischer Geschäftsführer zur Seite. Beide steuern den Verlag sehr gut. Im Januar wurde gerade das Vertriebs- und Verkaufsteam neu aufgestellt.

Wir freuen uns auch über die Nachricht, dass "Der Überläufer" von Siegfried Lenz wegen des großes Interesses in den Medien und im Buchhandel direkt auf der "Spiegel"-Bestsellerliste einsteigen wird und wir mit "Tony Soprano stirbt nicht" von Antonia Baum einen sehr beachteten Titel im Feuilleton haben.

Interview: Sabine Cronau

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