In eigener Sache

Börsenblatt mit Schwerpunkt zum Umgang mit rechten Strömungen

Wie soll man mit rechtsextremen, antidemokratischen Meinungen umgehen, die einem im Berufsalltag begegnen? Die Meinungen in der Buchbranche darüber gehen auseinander. Grundsatzfragen müssen diskutiert werden: Was ist erlaubt? Was nicht? Eine faktenbasierte Orientierungshilfe bei der Suche nach Antworten und ein Stimmungsbild abseits der lautstark vorgetragenen Parolen bietet das Fachmagazin Börsenblatt jetzt mit dem Schwerpunkt "Rechts" in seiner aktuellen Ausgabe, die am Donnerstag, 7. Dezember, erscheint.

© MVB

Wie soll man mit rechten Meinungen in der Buchbranche umgehen? Ist Toleranz im Sinne der Meinungsfreiheit gefragt oder gilt das Prinzip „Wehret den Anfängen“? Die Meinungen in der Buchbranche darüber gehen auseinander. Klar ist, es geht um weit mehr als die korrekte Aufarbeitung und Einordnung der Vorkommnisse rund um die Präsenz rechter Verlage auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Aufklärung zu Index & Co.

Erlaubt ist, was nicht verboten ist, heißt es oft in der Diskussion um die Meinungsfreiheit. Doch wer kann welche Publikationen verbieten? Dafür hat das Börsenblatt mit der zuständigen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) gesprochen. Im vergangenen Jahr sind dort insgesamt 519 Anträge und 464 so genannte Anregungen für die Indexierung von Titeln von einem Jugendamt oder einer anderen Behörde eingegangen. Die BPjM-Vorsitzende Martina Hannak-Meinke erklärt dazu: „Politischer Extremismus ist keine neue Erscheinung der Gegenwart. Aktuell hat aber extremistisches Gedankengut vor allem aus dem rechten Spektrum wieder Hochkonjunktur, Linksextremismus spielt derzeit eine Nebenrolle.“ Mit 101 erfolgten Indizierungen ist Rechtsextremismus inzwischen an die zweite Stelle der Indizierungsgründe geklettert. Diese Medien sind allerdings nicht generell verboten, sie dürfen lediglich Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden. Für ein allgemeines Verbot mit der Folge der Beschlagnahmung und Einziehung der Medien sind die Staatsanwaltschaften zuständig. Wer in Publikationen Straftatbestände wie Volksverhetzung als gegeben ansieht, kann sich damit an jede Polizeidienststelle wenden.

VS und PEN für Solidarität mit Buchmessen

Sollten Autoren und Verlage den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt fernbleiben, wenn rechte oder rechtsextreme Verlage dort ausstellen dürfen? Zu dieser Frage beziehen der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller VS und das PEN-Zentrum Deutschland auf Börsenblatt-Anfrage jetzt eindeutig Stellung. Dazu VS-Bundesvorsitzende Eva Leipprand: „Für Verbote sind Gerichte zuständig. Man kann und darf der Messe nicht die Rolle des Zensors zuschieben. Deshalb scheint dem VS ein Boykott von Buchmessen nicht der richtige Weg.“ PEN-Präsidentin Regula Venske ergänzt: „Wir fühlen uns mit den Verantwortlichen [der Messeleitungen in Leipzig und Frankfurt] solidarisch im gemeinsamen Anliegen für Vielfalt und friedlichen Diskurs verbunden. Die Frage eines Boykotts seitens der Autoren oder anderer Verlage stellt sich uns daher nicht.“

Börsenverein und Frankfurter Buchmesse fordern neue Debattenkultur

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bekräftigt in seinem Beitrag zum Börsenblatt-Schwerpunkt die Haltung des Verbands: „Wir werden auch in Zukunft Verlage zulassen, die nicht gegen Gesetze verstoßen, auch wenn uns ihre Positionen widerstreben.“ Diesen müsse man widersprechen, allerdings nicht mit Geschrei, Sachbeschädigungen oder gar Gewalt, sondern in Form einer Debatte. „Wir brauchen eine neue Debattenkultur. Diese muss vom Willen gekennzeichnet sein, durch Argumente Andere von unserer Meinung zu überzeugen, sowie von der Bereitschaft, uns vom Argument des Anderen überzeugen zu lassen.“

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, unterstreicht im Interview, dass man als größte internationale Buchmesse keine Zensur ausüben werde. Derzeit führe man zahlreiche Gespräche mit Partnern und Kritikern, um die eigene Position noch deutlicher zu kommunizieren. Dabei müsse eines klar sei: „Das Phänomen, mit dem wir es hier zu tun haben, ist keines, das die Buchmesse lösen kann! Es betrifft die ganze Gesellschaft und insbesondere unsere Branche, die von Inhalten und Meinungen lebt“, so Boos.

Abwägung von Fall zu Fall

Wie sich das rechte Maß finden lässt, erklärt Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl von der Universität Lugano in seinem Gastbeitrag. Buchhändler und Verleger sollten rechtsgerichtete Kollegen zwar nicht vollends ignorieren, aber auch nicht in deren „Aufmerksamkeitsfallen“ tappen. „Wir dürfen rechten, antidemokratischen Kräften nicht die Möglichkeit bieten, mit ihren Provokationen omnipräsent zu sein“, so der Wissenschaftler. Dabei gelte es, die ganz spezifischen Herausforderungen im persönlichen wie institutionellen Umgang zu beachten. „Persönlich, individuell, kann, darf, sollte, ja, eigentlich: muss man(n) und frau gegen rechts engagierter Auftreten, als das auf der institutionellen Ebene möglich ist.“ Ein Patentrezept gebe es dafür nicht, lediglich Abwägungen von Fall zu Fall, für die oft die Zeit fehle – es sei denn, man ist auf die aufmerksamkeitsheischenden Provokationen gut vorbereitet. „Sonst ist nämlich die Gefahr groß, dass eine Überreaktion zu genau jener öffentlichen Aufmerksamkeit führt, auf welche es die Provokateure abgesehen haben“, so Russ-Mohl.

Praxis im Buchhandel

Nicht zuletzt kommen in der aktuellen Börsenblatt-Ausgabe auch die Buchhändler zu Wort. Sie erklären, wie sie reagieren, wenn Kunden Bücher bestellen, die rechtes Gedankengut transportieren. Während die einen das nicht „einfach kommentarlos schlucken“ wollen und das Gespräch suchen, bestellen andere auf Kundenwunsch und enthalten sich ihrer Meinung. Die individuelle Haltung der Sortimenter drückt sich in erster Linie durch die Gestaltung ihres Ladenangebots aus, weniger im Ablehnen von Kundenwünschen – für einige ist allerdings die Grenze erreicht, wenn das gewünschte Buch nicht bei einem Barsortiment lieferbar ist, sondern direkt bei einem rechten Verlag bestellt werden muss.

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4 Kommentar/e

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  • Stephan Dietrich

    Stephan Dietrich

    Ein sinnvoller Themenschwerpunkt, ich freue mich auf die Texte. Noch schöner allerdings fände ich es, wenn sich das Börsenblatt aus diesem Anlass selbst fragen würde, ob es denn angesichts von Widerspruchs- und Debattenkultur opportun ist, nach wie vor die Anzeigenerlöse aus dem Hause Kopp zu verbuchen, welches in der letzten Ausgabe (S. 19) ganzseitig ein Buch inseriert, das auf die sog. "Lügenpresse" einprügelt. Mir sind diese Anzeigen regelmäßig ein Ärgernis, weil sie den Verdacht nahe legen, dass der Widerspruch dort aufhört, wo's an den Kontostand geht.

  • Torsten Casimir

    Torsten Casimir

    Danke für Ihre offenen Worte, Herr Dietrich! "Dass Widerspruch dort aufhört, wo's an den Kontostand geht", lässt sich immer unterstellen. Ihr Verdacht hilft mir jedoch nicht, richtige Entscheidungen zu treffen. Nur weil ich das beworbene Wisnewski-Buch für mutmaßlich bizarr halte (ohne bisher hineingeschaut zu haben), möchte ich keine Anzeige ablehnen. Ich komme auch nicht auf die Idee, zum Beispiel der Deutschen Verlags-Anstalt ein Sarrazin-Inserat zu verweigern - bloß weil ich die dann mögliche Vermutung fürchte, ich verkaufte für ein paar Euro meine liberale Gesinnung. (Wisnewski nicht gleich Sarrazin, schon klar.) Wenn Sie mir sagen würden, Sie ärgern sich über die Kopp-Anzeige, weil Ihnen das Zeug missfällt, das die verlegen, würde ich antworten: Geht mir oft auch so, Herr Dietrich, aber da müssen wir durch. Der Verlag darf so etwas publizieren und bewerben. Meine Überzeugungen will ich lieber auf andere Weise vermitteln als durch Ablehnung von Anzeigen, die sich innerhalb des Rechtsrahmens bewegen. Ich würde mich freuen, wenn Sie bei Lektüre des aktuellen Heftes zur Haltung der Börsenblatt-Redaktion genügend deutliche Hinweise finden.

  • Stephan Dietrich

    Stephan Dietrich

    Ich danke meinerseits für die ehrliche und begründete Replik, Herr Casimir. Das Ärgernis bleibt bestehen, aber dass der Vorgang natürlich letztlich in die gleiche Kategorie fällt wie die komplizierte Frage nach dem Umgang mit der Messepräsenz solcher Verlage, verstehe ich. Vielleicht müssen wir da durch, ja, aber ich halte es mindestens für nicht verfehlt, uns bewusst zu halten, wie problematisch das ist. Dazu leistet auch das aktuelle Heft einen guten Beitrag, indem es dokumentiert, wie breit das Spektrum der Positionen zum Umgang mit dem Problem ist.

  • Chessboard

    Chessboard

    Im Kopp-Verlag erscheint zum großen Teil politischer Unsinn, das meint nicht so sehr eine konkrete politische Haltung, als vielmehr die stümperhaften unwissenschaftlichen Texte. Das ist allerdings genau so ein Unfug wie viele Programme über Heilende Kristalle, religiöse Lebenshilfe, heilpraktische Medizin, kommunizierende Wälder, Börsentipps, Reichwerdeninsiebenjahren und Seelenwanderung. Ganze Literaturprogramme leben zudem von dem unsäglichen sprachlichen Schrott über wandernde Metzen, vögelnde Investmentbanker, geile Königsmörderinnen und ungewaschene Angelsachsen.

    Wenn sich alle die Hände waschen, nicht so laut rumbrüllen und die Gänge auf der Buchmesse freihalten, sollten wir damit auch weiterhin gut zurecht kommen.

    So kann man im Kopp-Verlag oder bei S.Fischer ja auch gute Bücher finden und es wäre schade, wenn man das verbieten würde. Im Kopp-Verlag ist 2015 ein politisches Standardwerk erschienen, welches bis 2001 in 4 Auflagen bei S. Fischer verlegt wurde. Zbigniew Brzezińskis "Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft". Das ist, so glaube ich, die beste Verschwörungstheorie, die es auf dem Markt gibt. Die wird ja nicht schlechter, nur weil sie nicht mehr bei S.Fischer erscheint.

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