Indonesien - ein Jahr danach

Zwischen Optimismus und Frustration

Im vergangenen Jahr war Indonesien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse: Die Autoren brachten Romane nach Deutschland, die sich mit Themen beschäftigten, die im Inselstaat lange Tabu waren − darunter das Massaker an Hunderttausenden Kommunisten und Sympathisanten 1965. Wie hat sich Indonesien seit der Frankfurter Buchmesse 2015 verändert? VON MARTEN HAHN

Goenawan Mohamad

Goenawan Mohamad © Philipp Günther/Krass Media

"Das ist erst der Beginn der Reise." So empfing Goenawan Mohamad im Sommer 2015 eine Gruppe deutscher Journalisten in Jakarta. Er meinte damit die Reise der indonesischen Literatur in die Kataloge ausländischer Verleger und die Regale ausländischer Leser. Erinnert man den Leiter des Ehrengastland-Projekts ein Jahr später daran, schwankt Mohamad zwischen Optimismus und Frustration.

Erst die guten Nachrichten: Das Nationale Buchkomitee, das Goenawan führt, gibt es noch. Genauso wie ILIT, das Übersetzungsprogramm "Indonesian Literature in Translation". Ein Literatur-Fond vergibt neuerdings zudem Stipendien an Autoren, für einmonatige Aufenthalte im In- und Ausland. "Das ist eine historische Errungenschaft. Das gab es bisher nicht", so Mohamad.

Die meisten dieser Projekte wurden unter dem damaligen Bildungs- und Kulturminister Anis Basweden auf den Weg gebracht. Und damit hören die guten Nachrichten langsam auf. Präsident Joko Widodo, von allen Jokowi genannt, hat Basweden mittlerweile in die Wüste geschickt und einen neuen Minister ernannt: Muhajir Effendy. Hört man sich in der Kulturszene Jakartas um, hat dort für den Neuen niemand warme Worte übrig.

Zudem sieht es nicht gut aus für Indonesiens Wirtschaft. Mohamad rechnet damit, dass die Regierung die Mittel für den nächsten Haushalt um ein Drittel kürzt. Der Dichter und Herausgeber des Magazins "Tempo" hofft nur, dass die Literatur-Programme verschont bleiben.

Einschüchterung un Zensur nehmen zu

Allerdings müssen sich Indonesiens Kulturschaffende und Intellektuelle derzeit mit weit schwerwiegenderen Dingen auseinandersetzen als schlanken Budgets. Während der Buchmesse schien es für deutsche Betrachter so, als würde Indonesien beginnen, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Immerhin behandelten Bücher wie Laksmi Pamuntjaks "Amba" (dt. Ausgabe: "Alle Farben Rot") und Leila Chudoris "Pulang" das Massaker an Hunderttausenden Kommunisten und Sympathisanten 1965 und den Fall des Suharto-Regimes.

Nach der Buchmesse hingegen mehrten sich Berichte von Zensur und Einschüchterung: Eine islamistische Gruppe setzte Pamuntjak auf die schwarze Liste. Die Regierung deportierte den 77-Jährigen Tom Iljas, einen Indonesier mit schwedischem Pass, weil er das Grab seines 1965 ermordeten Vaters besuchen wollte. Und das "Ubud Writers and Readers Festival" auf Bali sagte 2015 auf Druck der Polizei Veranstaltungen zum Thema 1965 ab.

Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Janet de Nefe, Gründerin des Festivals in Ubud, erwähnt 1965 und andere sensible Themen einfach nicht mehr im Programmheft: "Wir sprechen weiter über 1965, aber die Jahreszahl und das Wort 'Kommunismus' tauchen nirgendwo in unserem gedruckten Material mehr auf. Man muss nur lernen das Spiel zu spielen", sagt sie bei einem Gespräch in Ubud.

Goenawan Mohamad wiederum sieht den Fokus falsch gesetzt. "Ich finde es falsch, sich auf 1965 zu konzentrieren", sagt er. "Viel problematischer finde ich die Unterdrückung von religiösen Minderheiten, wie den Ahmadiyya oder die rassistische Kampagne gegen den [christlichen, chinesisch-stämmigen] Bürgermeister Jakartas." Diese Bedrohungen seien für ihn viel gegenwärtiger, auch wenn die Meinungsfreiheit in Indonesien noch intakt sei.

Okky Madasari

Okky Madasari © Philipp Günther/Krass Media

Polizeischutz für Literaturfestival

Okky Madasari findet, die Situation verschlechtert sich zunehmend. Will man die Autorin besuchen, um das persönlich zu besprechen, muss man dem Taxifahrer irgendwann das Handy reichen, damit sie den Weg schildern kann. Madasari wohnt in einem Kampung, einer dörflichen Gemeinschaft am südlichen Rand der Millionen-Metropole Jakarta.

Die muslimische Autorin schreibt Romane über religiöse Minderheiten, Transvestiten, Korruption und Gewalt. Sie ist es deswegen gewohnt, angefeindet zu werden. Doch dass es um die Meinungsfreiheit in Indonesien nicht gut bestellt ist, hat Madasari vor allem als Gründerin des ASEAN Literatur Festivals erfahren.

Bevor sie ihr Festival im Mai in Jakarta  zum dritten Jahr in Folge eröffnen konnte, zog die Polizei die Erlaubnis zurück. "Wir hatten einige Veranstaltungen zu den Themen Papua, LGBT und 1965 geplant", so Madasari. "Am Eröffnungstag war dann der Veranstaltungsort verschlossen."

Die Polizei griff durch, weil eine konservative Gruppierung Proteste angekündigt hatte. Die Begründung lautete "Gefährdung des öffentlichen Friedens", sagt Madasari. "Statt uns zu schützen, wollte die Polizei uns zwingen, die Veranstaltung abzusagen. Das ist doch keine Demokratie."

Doch statt einzuknicken machte Madasari Lärm in den Medien – unterstützt von Geonawan Mohamad und anderen Intellektuellen. Schließlich griff die Regierung ein und die Veranstaltung fand unter Polizeischutz statt. Der Polizeichef sprach von einem "Missverständnis".

Hilmar Farid

Hilmar Farid © Philipp Günther/Krass Media

Verschiedene Gruppierungen bedrohen Meinungsfreiheit

Im Hochhaus des Ministeriums für Bildung und Kultur kennt man das Problem. "Es ist nicht mehr – wie früher − der Staat, der die Meinungsfreiheit bedroht", sagt Hilmar Farid. "Es sind private Gruppen und Massenorganisationen, die von der Polizei geschützt werden."

Farid ist Generaldirektor für Kultur unter Muhajir Effendy. Anders als der ungeliebte Minister ist der Endvierziger der Hoffnungsträger der Kulturszene. Der Historiker und Kulturaktivist ist der erste Nicht-Beamte in dieser Position. "Wir haben versucht mit der Polizeiführung zu reden. Da heißt es dann oft: Ja, ja, wir verstehen." Nur an der lokalen Umsetzung hapere es dann, so Farid.

Das größte Problem sei ein fehlendes Kulturverständnis der Beamten. "Innerhalb der Behörden ist nicht klar definiert, was erlaubt ist und was nicht. Wann eine Veranstaltung wirklich eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung ist." Die Behörden müssten lernen, was Kunst alles darf, so der Kulturpolitiker.

Fazit

Trotz allem bezeichnet Okky Madasari das Jahr nach dem Ehrengast-Auftritt in Frankfurt als "Honeymoon" für die indonesischen Literatur. Dank des neu aufgesetzten Stipendienprogramms für Autoren recherchiert sie beispielsweise in der Grenzregion zwischen Indonesien und Ost-Timor für ihre neuen Roman. Aber wenn das die Flitterwochen sind, will man nicht wissen, wie die drohende Scheidung aussieht.



Wissenswertes zum Buchmarkt Indonesiens

Verkauf von Buchrechten 2014−2016

Im Jahr des Ehrengast-Auftritts verkaufte Indonesien in Frankfurt die Rechte von 133 Titeln an ausländische Verlage. Im Folgejahr waren es auf verschiedenen internationalen Buchmessen insgesamt 172.

FBF 2014: 60
FBF 2015: 133
FBF 2016: 72

Sonstige Internationale Buchmessen 2016: 172 Titel

(Zahlen: Nationales Buchkomitee Indonesiens)

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Poesieboom, gespeist durch ein Leinwandepos :

Wer Gedichte verkaufen will, sollte Filme machen. Das ist eine Erkenntnis, mit der wahrscheinlich der ein oder andere indonesische Verleger ins neue Geschäftsjahr geht.

Mehr als 50.000 Mal hat sich Aan Mansyurs Lyrikband "Tidak Ada New York Hara Ini" (Es gibt kein New York heute) allein im Inland verkauft. Dazu kommen mehr als 10.000 Exemplare in Malaysia. Mansyur ist ein Dichter aus Makassar auf Sulawesi.

Angeschoben hat den Lyrikboom ein Film, für dessen poetisch veranlagten Hauptprotagonisten Mansyur die Gedichte schrieb. Der daraus entstandene Gedichtband wurde nun zum Bestseller. Das Geschäft mit Gedichten läuft so gut, dass der Verlagsriese Gramedia mittlerweile versucht, auch ältere, bereits etablierte Poeten ins Programm zu holen, die bisher ausschließlich bei kleinen Independent-Verlage veröffentlicht haben.

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