Der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl zum Umgang mit rechts

"Aufklären, aufklären, aufklären!"

Der Glaube an eine wahrhaftige Kommunikation verliert an Rückhalt, und das Internet droht sich in einen Ozean der Desinformationsökonomie zu verwandeln, in dem Fake News und toxische Botschaften kaum noch einzudämmen sind. Professioneller Journalismus, Medienerziehung, der unbedingte Wille zur Aufklärung – darin sieht Stephan Russ-Mohl Faktoren, mit denen man auch der Gefahr von rechts begegnen kann. INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Stephan Russ-Mohl

Stephan Russ-Mohl © privat

Die sozialen Netzwerke haben die Möglichkeiten, toxische Botschaften zu verbreiten, exponentiell gesteigert. Welche Möglichkeiten haben die Medien, um gegenzusteuern?
Wir stehen erst am Anfang des Erkenntnisprozesses, was sich hinter den Kulissen abspielt, und wer aus welchen Gründen und Interessen Fake-News ins Internet einspeist. Für irgendwelche Patentrezepte ist es deshalb noch viel zu früh. Fake News im Netz zu kennzeichnen ist sicherlich ein erster, wichtiger Schritt. Es wäre wünschenswert, dass die Plattformbetreiber sich endlich dazu bekennen, nicht nur IT-Unternehmen, sondern auch Medienunternehmen zu sein, die eine publizistische Verantwortung haben. Auf der anderen Seite zeigen erste Forschungen über Echokammern, dass man Opfer von Fake News gar nicht erreicht: weil sie in einer anderen Echokammer unterwegs sind als wir Wissenschaftler und Journalisten. Eine ernstzunehmende Minderheit in unserer Gesellschaft hat überhaupt kein Interesse mehr an einer wahrhaftigen Kommunikation.

Sie sind also skeptisch, dass der Glaube an Wahrheit und Aufklärung noch von allen geteilt wird …
Wir müssen damit leben. Es war aber auch früher schon so, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung unterhalten werden wollte und deshalb gar nicht so sehr wie wir an Wahrheitsfindung interessiert war. Aber das ändert nichts daran, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, die Fake-News-Flut einzudämmen und ihr geprüfte Fakten entgegenzusetzen.

In ihrem Buch sprechen Sie davon, dass die mediale Welt in die Desinformationsökonomie abgleitet. Leben wir schon in einem Zeitalter der Desinformation?
Nach allem, was in letzter Zeit über Manipulationsversuche bekannt geworden ist und täglich neu herauskommt – sei es beim Brexit, sei es im amerikanischen Wahlkampf – , denke ich, sind wir schon mittendrin. Wir haben es nur noch nicht so richtig gemerkt. Es gibt wahrscheinlich ein Gefälle zwischen Menschen, die an den Umgang mit Fake News gewöhnt sind, weil sie unter einem autoritären Regime leben und ganz andere Antennen dafür haben, und uns in den westlichen Gesellschaften, die wir fröhlich, aber auch ein bisschen naiv an die Pressefreiheit geglaubt und uns darauf verlassen haben, dass in einem freiheitlichen System der Journalismus es schon richten würde.

Welchen Anteil – Stichwort Glaubwürdigkeitsverlust – haben die etablierten Medien an dieser Entwicklung?
Wir haben nicht gemerkt, wie dominant in den zurückliegenden 30 bis 40 Jahren Public Relations und Öffentlichkeitsarbeit gegenüber dem Journalismus geworden sind - ein schleichender Prozess. Wenn Journalisten einseitige PR-Informationen per Copy-and-Paste in Nachrichten verwandeln, statt die andere Hälfte der Wahrheit zu recherchieren, dann haben wir ein Glaubwürdigkeitsproblem. Das ist der eine Trend. Der andere Trend ist die Digitalisierung, die den Journalismus seiner Schleusenwärterfunktion im öffentlichen Diskurs beraubt hat. Ich bedaure ansonsten, wie wenig Aufmerksamkeit Journalisten und Medienmanager der einschlägigen Forschung widmen, die an vielen Stellen als Frühwarnsystem funktionieren könnte. Dafür nennt das Buch viele Beispiele.

Populisten verstehen es, soziale Netzwerke zu instrumentalisieren und die Presse in ihre mediale Strategie einzubinden. Wie kann man über Aktivitäten von rechts berichten, ohne ständig mediale Anlässe zu schaffen und damit Aufmerksamkeit zu erzeugen?
Das können Redaktionen nur im Einzelfall entscheiden. Wichtig erscheint mir, dass man sich seiner Verantwortung für den öffentlichen Diskurs bewusst ist und nicht nur auf die Klickzahlen schielt, die man erzielen kann. Die Medien manövrieren sich in ein Dilemma, wenn sie Provokationen der Rechten, die gezielt in Umlauf gebracht werden, um Medienaufmerksamkeit zu kriegen, aufgreifen und so deren mediale Strategie bedienen. Das ist vergleichbar dem Zusammenspiel von Terror und Medien, weil die Terroristen genau wissen, wie viel Medienaufmerksamkeit sie mit einem Bombenattentat erzeugen. Im Grunde sind die Nachrichtenfaktoren, die allen Journalisten während ihrer Ausbildung vermittelt werden, eine ganz gute Ausgangsbasis, um den Nachrichtenwert von Neuigkeiten angemessen zu bewerten. Und natürlich müssen Journalisten ihren Publika klar machen, dass sie die Wirklichkeit niemals 1:1 spiegeln. An dieser Stelle wäre ein Stück Medienerziehung nachzuholen.

Sollte sich ein Journalist auf offener Bühne, zum Beispiel im Fernsehen, auf ein Gespräch mit einem Vertreter der neuen Rechten einlassen?
Auch hier kommt es auf den Einzelfall an. Ich fand es im Rückblick ein bisschen überzogen, wie viel Aufmerksamkeit in jüngster Zeit bestimmten AfD-Vertretern in Talkshows gewährt wurde. Totale Gesprächsverweigerung auf der anderen Seite wäre natürlich auch verkehrt. Wichtig erscheint mir, dass wir eine Gesprächssituation haben, auf die der Journalist gut vorbereitet ist, in der er nachhaken und auch dem Publikum zeigen kann, wie wenig Argumente die andere Seite hat. Manchmal hilft schon eine verbesserte Interviewtechnik, um Rechten nicht allzu leichtfertig eine Plattform zu bieten. Bei Autokraten wie Putin und Erdogan sollte man jedoch nicht die Gesprächskonfrontation suchen, sondern besser regelmäßig darüber berichten, welche restriktiven und die Pressefreiheit verhöhnenden Aktivitäten sie entfalten.

Was können Journalisten, Medienwissenschaftler und Medienpädagogen im Verbund tun, um den Trend zur Desinformation aufzuhalten?
Ich habe da drei Antworten: Aufklären, aufklären, aufklären! Über die Art und Weise, wie Journalismus und Medienbetrieb funktionieren – da sehe ich ein großes Defizit in der Medienpädagogik an den Schulen. Das belegt etwa die aktuelle, von den Medien kaum aufgegriffene Studie von Lutz Hagen (TU Dresden) zur Nachrichten- und Medienkompetenz in der Schule. Journalisten und Medien klären viel zu wenig strategisch auf und speisen ihre Erkenntnisse über sich selbst viel zu selten in das Mediensystem ein.

Stephan Russ-Mohl ist Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano/Schweiz und leitet das European Journalism Observatory.

Im Verlag Herbert von Halem ist sein Buch "Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet" erschienen (368 S., 23 €).

Im aktuellen Börsenblatt 49 mit dem Themenschwerpunkt "Rechts" ist Stephan Russ-Mohl Autor des Gastspiels Seite 17).

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