Interview mit Ilija Trojanow zum Weltempfänger

Die Fremde verstehen

Der Autor und Weltenbummler Ilija Trojanow ist seit acht Jahren auch Vorsitzender der Jury der Litprom-Bestenliste Weltempfänger, die eine Lanze für Literatur aus dem globalen Süden bricht. Warum der Blick auf die Fremde so wichtig ist, erläutert Trojanow im Gespräch. INTERVIEW: MATTHIAS GLATTHOR

Sie waren Initiator der Litprom-Bestenliste Weltempfänger. Wie wurde die Idee geboren? 
Ganz einfach: Wenn man sich anschaut, was bei uns rezensiert wird, was in anderen Bestenlisten empfohlen wird, stellt man einen großen Mangel an Literatur aus dem globalen Süden fest. Der eurozentrische Blick, den wir als historisches Phänomen kennen, ist weiterhin relativ dominant – auch im vermeintlich weltoffenen Feuilleton. Dem wollten wir mit dem Weltempfänger entgegensteuern.

War es leicht, Mitstreiter für die Jury zu gewinnen?
Ja, sehr. Wir hatten am Anfang mit Navid Kermani und Karl-­Markus Gauß zwei herausragende Kollegen dabei, dann einige führende Literaturkritiker. Die Fluktuation in der Jury ist gering.

Die Bestenliste enthält nur sieben Titel – warum sind es nicht die gängigen zehn? 
Dahinter steht die Überlegung, uns nicht zu übernehmen. Wir wollten keine Titel auf die Liste setzen, bei denen wir ein Auge zudrücken – sondern nur uneingeschränkt empfehlenswerte Bücher. Zudem ist die Sieben eine magische Zahl in vielen Zivilisationen und Kulturen, die Zehn eher eine der mathe­matischen Moderne.

Wie kommt die Auswahl für die Liste zustande?
Wir sehen uns alle Neuerscheinungen aus Afrika, Asien, Latein­amerika und der arabischen Welt in deutschen Ausgaben an. Manchmal reicht ein Blick ins Buch aus, um zu sagen: Das ist kein herausragendes literarisches Ereignis. Eher seltener sind die Bücher, bei denen man bis zum Ende unsicher bleibt. Dann ist der Austausch mit den anderen Juroren sehr nützlich. Es ist ein ständiger Prozess der Kommunikation, der Empfehlung, der Verdichtung. So entsteht in drei Monaten die Liste.

Ihre Glücksmomente als Juror? 
Spannend ist es, etwas zu entdecken, von dem man weiß, man hätte ohne die Juryarbeit da nicht hingeschaut. Einen Dichter aus einem kleinen Land, dessen Werk in einem kleinen Verlag erschienen ist oder eine wunderbare, feinfühlige Autorin aus einem toten Winkel unserer Aufmerksamkeit. Wenn diese zuvor nicht in den Feuilletons gewürdigt wurden und es gleichzeitig große Weltliteratur ist, dann ist man zutiefst beglückt – als Leser und als Kulturvermittler.

Haben Sie durch die Juryarbeit ein Lieblingsbuch entdeckt?
Nein, ich bin ja gegen solche persönlichen Ranglisten, Alleinstellungsmerkmale und Superlative. Das ist eine Krankheit unserer Zeit. Es sind viele, viele Bücher, die man mit großem Gewinn und Genuss liest.

Welche Kontinente, Länder und Regionen liegen Ihnen ganz besonders am Herzen?
Das ergibt sich aus meiner Biografie: Afrika natürlich, wo ich aufgewachsen bin, Indien oder Südasien, wo ich lange gelebt habe. In der Weltempfänger-Jury haben wir Spezialisten für die eine oder andere Region. Das ist auch nötig. Wenn man etwa keine Ahnung von afrikanischer Literatur hat, kann einem etwas als großartig innovativ erscheinen und dabei ist es unter Umständen epigonal. Die Fähigkeit etwas einzuordnen, setzt eine gewisse Kompetenz voraus. Einer der Gründe, wieso sich das Feuilleton manchmal zurückhält.

Wie gehen Sie mit den Titeln um, bei denen Sie persönlich involviert sind?
Ganz einfach, da halte ich mich raus. Weder stimme ich ab, noch äußere ich mich zu den Büchern.

Seit acht Jahren gibt es die Liste. Wird sie im Literatur­betrieb ausreichend wahrgenommen?
Mit Sicherheit noch nicht, da kann sich noch einiges verbessern. Ich wünsche mir, dass es keine Rolle mehr spielt, wo ein Roman herkommt. Dass wir nicht sagen, ich lese einen indonesischen Roman, weil es das Schwerpunkt der Buchmese ist, oder ich lese eine ägyptischen Roman, weil ich ans Rote Meer in Urlaub fahre. Inzwischen sind die thematischen Unterschiede geringer geworden. Es gibt kaum noch Bücher, die von einer völlig anderen sozioökonomischen Realität erzählen – so wie einst die ethnografischen Berichte. Wir haben die Fremde mittlerweile in unserer Gesellschaft oder sie klopft an unsere Tür. Daher müssten wir ein gesteigertes Interesse daran haben, diese Fremde etwas besser zu verstehen.

Sie sind ja in erster Linie Schriftsteller. Muss man da nicht ab und zu mal abtauchen, um sich auf das eigene Werk zu konzentrieren?
Ich schreibe relativ viel, insofern gelingt es mir.

Was können wir als nächstes erwarten?
Man neues Projekt ist viel zu vage, um darüber zu sprechen. Grob gesagt, es geht nach Osten und Süden.

Ilija Trojanow wurde mit seinem Roman "Der Weltensammler" (Hanser, 2006) bekannt, für den er den Preis der Leipziger Buchmesse gewann. Zuletzt erschien von ihm bei S. Fischer das Buch "Meine Olympiade" – für das er vier Jahre lang auf der ganzen Welt 80 olympische Disziplinen trainierte. Seit 2008 gibt er die Reihe "Weltlese − Lesereisen ins Unbekannte" bei der Edition Büchergilde heraus.

Fakten zur Litprom-Bestenliste Weltempfänger

Die erste Weltempfänger-Liste, die Trojanow zusammen mit Litprom initiierte, erschien 2008, aktuell liegt Ausgabe 32 vor (siehe: www.litprom.de). Pro Jahr gibt es vier Listen, für die eine achtköpfige Jury jeweils 60 bis 70 Titel (deutsche Ausgaben) von Autoren aus Afrika, Asien und Lateinamerika prüft. Am 1. Dezember erscheint die Winterliste – in neuem Gewand.

LiBeraturpreis: Aus den Autorinnen, die auf den Listen eines Jahrgangs vertreten sind, wird die LiBeraturpreisträgerin gekürt.

Veranstaltung auf der Frankfurter Buchmesse:

Ilija Trojanow spricht mit Laksmi Pamuntjak, LiBeraturpreisträgerin 2016, über ihren Roman "Alle Farben Rot" (Ullstein). Freitag, 21. Oktober, 13 Uhr, Halle 4.1, D 10, Arte-Stand

Lesen Sie auch unsere Litprom-Strecke im aktuellen Börsenblatt, Heft 39, ab Seite 42.

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