Interview mit Katharina Borchert, Geschäftsführerin "Spiegel Online"

"Künftig werden alle relevanten Buchhändler dabei sein"

Die von der Schriftstellerin Julia Franck skandalisierte Verlinkung der Bestsellerlisten auf "Spiegel Online" mit Amazon hat die Geschäftsführung an der Hamburger Ericusspitze nicht kaltgelassen. Nur wenige Tage, nachdem die Protestwelle gegen den "Spiegel" losrollte, reagiert Katharina Borchert, Geschäftsführerin von "Spiegel Online", und präsentiert eine Lösung, die künftig alle relevanten Buchhandelskanäle in die Bestseller-Vermarktung einbeziehen soll. Hintergrund zum Thema und Stimmen aus dem Buchhandel lesen Sie in Börsenblatt 43 / 2014 am kommenden Donnerstag.

Nur wenige Tage nach dem Protest von Autoren und Buchhändlern gegen die Verlinkung der "Spiegel"-Bestseller auf Amazon legen Sie eine Lösung vor, die das Problem entschärfen soll. Weshalb dieser plötzliche Sinneswandel?
Wir haben schnell gehandelt, weil uns das Verhältnis zum stationären Buchhandel sehr wichtig ist – zumal er sich aktiv für die "Spiegel"-Bestsellerlisten einsetzt. Die Kritik an unserem bisherigen Geschäftsmodell nehmen wir sehr ernst. Klar ist, dass wir uns bisher vor allem am Kundenverhalten orientiert und die Stimmung in der Branche falsch eingeschätzt haben.
 
Welche Lösung planen Sie?
Wir planen, künftig nicht mehr direkt auf Amazon zu verlinken, sondern vor der Bestellung eine Zwischenseite einzublenden, die zunächst als Service für interessierte Nutzer mehr Informationen zum Buch liefert und darunter dann mehrere Einkaufs- und Bestelloptionen aufführt.
 
Werden alle relevanten Buchhändler dabei sein?
Ja, das ist unser Ziel. Neben den großen Buchhandelsplattformen, mit denen wir Affiliate-Verträge abgeschlossen haben, werden wir auch buchhandel.de und – nach dem Start – genialokal.de anbieten, sie mit einzubinden.

Wie sieht ihr Zeitplan für die Umstellung aus?
Wir wollen das so schnell wie möglich umsetzen und arbeiten intern bereits an Entwürfen für die neuen Buch- und Bestellseiten. Außerdem suchen wir sehr zeitnah das Gespräch mit ausgewählten Vertretern der Buchbranche und werden zu einem Runden Tisch nach Hamburg einladen, an dem wir unsere Vorschläge präsentieren wollen.

Interview: Michael Roesler-Graichen

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10 Kommentar/e

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  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Nur eine kleine Anmerkung an die Redaktion: alle "relevanten" Buchhändler wirft die Frage auf, was denn irrelevante Buchhandlungen sind. Das Leitbild des Verbandes oder der Branche, das Vielfalt in der Vordergrund stellt, widerspricht dem. Für einzelne Kunden oder für einzelne Lieferanten gibt es Buchhandlungen, die für sie irrelevant sind. Für andere sind sie aber dennoch sehr relevant. Frau Borchert spricht wohl auch eher von "relevanten Buchhandelskanälen".

  • Manfred Keiper

    Manfred Keiper

    1.
    "Werden alle relevanten Buchhändler dabei sein?"
    Alleine eine solche Fragestellung wirft die Frage auf, welch verengten Blick der (Börsenblatt-)Fragesteller auf den Buchhandel hat.
    2.
    "Neben den großen Buchhandelsplattformen, mit denen wir Affiliate-Verträge abgeschlossen haben, ...."
    Soso, die Datenlieferanten für die SPIEGEL-Bestsellerliste werden mit einem SPIEGEL-Abonnements abgespeist, der SPIEGEL profiliert seine Marke damit und verdient auch noch Cash, dass wiederum die Buchhändler mit abführen sollen.
    Dieses Geschäftsmodell wird gerade von dem aktuellen Friedenspreisträger Jaron Lanier als verwerflich, als falsch angesprangert.
    Es wäre eher anständig, wenn der SPIEGEL ein Zwischenportal schalten würde, in dem auf die Buchhandlungen verlinkt wird, die auch die Daten für die Bestsellerliste liefern. Das wäre zwar anstandsvoll, aber wohl nicht gewinnträchtig - und übersteigt damit den Horizont der (Geschäfts-)Ideen im SPIEGEL.

    Man hat mich damals mehrmals am Telefon bekniet, meine Daten zu liefern - obwohl wir keine "Bestseller-Wand" in der Buchhandlung haben -, ich habe dies eher widerwillig getan, und mich in der Tat mit einem kostenlosen SPIEGEL-Abonnement abspeisen lassen. Doch so gut ist der SPIEGEL wirklich nicht mehr, als das dies werthaltig wäre.
    Ohnehin halte ich die Bestsellerlisten für fragwürdig, besonders, wenn immer mal wieder Titel hochschnellen, die noch gar nicht ausgeliefert worden sind. Wie das funktioniert, kann oder will ich immer noch nicht verstehen. Zudem befördern diese Bestsellerlisten vor allem den Mainstream - und der ist nicht mein Ding.
    Ich werde meine Daten nicht mehr liefern!
    Ich bin zwar nicht Mitglied der eBuch, aber die haben es richtig gemacht, diese Daten gegen Cash zu verkaufen.
    Wenn der SPIEGEL noch einmal bei mir anklopft, soll er etwas Werthaltigeres und/oder Cash liefern für meine Daten, mit denen er Geld verdient.

  • Hans - Joachim Schulz

    Hans - Joachim Schulz

    Das ist Augenwischerei, wie so viele "Innovationen".
    De jure wohl nicht, aber de facto wird der Spiegel zum Werbeträger für amazon. Und damit auch zum weiteren Totengräber des stationären Buchhandels.
    Gier frißt Hirn oder aber vielleicht auch: Angst macht gefügig; der Spiegel will ja auch noch etwas länger überleben.

  • xyz

    xyz

    Eigentlich würde sich ja buchhandel.de als neutraler Link anbieten, die Seite ist aber nicht neutral aufgestellt. Das neue Modell von buchhandel.de grenzt nicht teilnehmende Buchhandlungen aus, dabei sollte es doch eine Branchenplattform sein für neutrale Recherchen und eine lokale Kaufentscheidung durch die Benutzer! Ich halte es für dringend angebracht, dass sich das Sortiment erstmal mit diesem Problem beschäftigt.

  • Michael Roesler-Graichen

    Michael Roesler-Graichen

    Lieber Herr Ulmer, lieber Herr Keiper,

    Sie betreiben Haarspalterei: Wer das Interview richtig liest, versteht, das mit "Buchhändler" buchhändlerische Unternehmen bzw. Plattformen gemeint sind.

    Und da sollten tatsächlich alle relevanten dabei sein, also auch diejenigen, die prinzipiell jedem Buchhandelsunternehmen die Teilnahme ermöglichen, wie etwa buchhandel.de.

    Beste Grüße,
    Michael Roesler-Graichen

  • Lesesaal Buchhandlung

    Lesesaal Buchhandlung

    Lieber Herr Roesler-Graichen,

    für die kleinen inhabergeführten Buchhandlungen wäre es großartig, wenn nicht nur Online-Plattformen genannt würden, sondern auch in einem Satz "erhältlich auch in Ihrer Stadtteilbuchhandlung" o.ä. Ich glaube, dass es wichtig ist, den Menschen auch noch die Möglichkeit des direkten Einkaufs anzubieten.

    Beste Grüße,
    Stephanie Krawehl

  • Dirk Scholze

    Dirk Scholze

    Eine kurze Chronologie der Ereignisse:

    Am 8.10 2014 berichtet Julia Franck auf der Website des NDR, dass die Titel der Spiegel Bestsellerliste auf Spiegel Online (SPON) alle nur mit dem Shop von Amazon.de verbunden sind.

    Am 15.10. 2014 wird diese Meldung von LANGENDORFS DIENST branchenöffentlich gemacht.

    Am 16.10. 2014 erscheint auf Börsenblatt.net ein Interview mit Jakob Augstein in dem er seine offene und sehr berechtigte Abneigung gegen Amazon kundtut.

    Am 17.10. 2014 berichtet LANGENDORFS DIENST: Spiegel verliert erste Abos; die ebuch-Genossenschaft stellt klar, dass Daten ihrer Gruppe daran nicht beteiligt sind; auch am 17.10. 2014 führen die Links auf der Spiegel Online Bestsellerliste weiterhin auf Amazon.de

    Am 22.10. 2014 gibt Katharina Borchert, Geschäftsführerin Spiegel Online, auf Börsenblatt.net ein Interview: „Künftig werden alle relevanten Buchhändler dabei sein.“


    Was lernen wir daraus: Branchenöffentlichkeit tut not und Lernerfolge sind nicht auszuschließen. Wenn jetzt im Spiegelverlag, die Weisheit noch weiter um sich greifen würde, und die Verlagsleitung erkennt, dass jegliche Kooperation mit Amazon grober Unfug ist, wäre dem Gemeinwohl sehr gedient.


    Dirk Scholze
    Betriebsberater für den Sortimentsbuchhandel
    Oldenburg

  • Dieter Dausien

    Dieter Dausien

    @ 4. xyz: "Das neue Modell von buchhandel.de grenzt nicht teilnehmende Buchhandlungen aus,"

    Dazu kann man nur sagen, offener als das neue buchhandel.de geht's nun wirklich nicht. Jeder Buchhändler kann sich hier *kostenlos* eintragen, da wird gar niemand ausgegrenzt. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass eigentlich buchhandel.de als Verlinkung genügt, da hier, wie gesagt, jede Buchhandlung ohne Kosten dabei sein kann.

  • Saskia Lewandowski

    Saskia Lewandowski

    Auch wenn es vielen Branchenkollegen gegen den Strich geht und sie Amazon am liebsten kategorisch ausschließen würden:
    Amazon ist und bleibt ein wichtiger Vertriebsweg für Bücher, den vor allem die Kunden schätzen und in einer solchen Auflistung der verfügbaren Möglichkeiten nicht nur wünschen, sondern erwarten würden.
    Ich kann die Sorge und den Ärger über das Verhalten des Spiegels durchaus nachvollziehen, doch es ist auch keine Lösung, dem Büchernarr diese Lösung komplett zu verwehren. Amazon muss ja nicht zwingend direkt an erster Stelle stehen, aber komplett fehlen sollte er auch nicht. Denn sonst haben wir folgende Situation des Kunden: "Wie, ich kann meine Bestellung nicht über Amazon tätigen? Schade, dann bestelle ich es eben so über meinen Amazon-Account!" Ich glaube nicht, dass wir durch einen rigorosen Ausschluss vom Amazon-Link auch nur eine Bestellung mehr bei den lokalen Buchhandlungen generieren können.
    Vielmehr müsste man bei jedem "physischen Besuch" des Kunden auch immer wieder auf die Möglichkeit hinweisen, dass das Buch genau so komfortabel online beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar ist. Selbst ich als Kind der Branche hätte nicht gewusst, dass dies über buchhandel.de machbar ist.

  • Dieter Dausien

    Dieter Dausien

    @ 9. Frau Lewandowski:
    Es geht ja nicht darum, amazon kategorisch auszuschließen. Sonderm darum, eine Gleichrangigkeit überhaupt erst mal herzustellen. amazon ist auch nichts anderes als ein einzelner Händler, warum soll der eine eigene Verlinkung bekommen und nicht z.B. freiheitsplatz.de oder jede andere Buchhandlung? Bei buchhandel.de kann sich jeder Händler kostenfrei hinterlegen lassen, auch amazon.

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