Jochen Jung über das "Weglesen" von Büchern

Werke von Bestand

Rezensenten loben mit Vorliebe Bücher, die sich "weglesen" lassen – schön wär’s, meint Verleger Jochen Jung, und doch bleibt ihm die Vokabel unheimlich: Aus seinem Fundus möchte er lieber nichts hergeben. Sie?

Jochen Jung, Verleger von Jung und Jung in Salzburg

Jochen Jung, Verleger von Jung und Jung in Salzburg © eva trifft.

Kürzlich ist mir nach langer Zeit wieder einmal in einem meiner Qualitätsblätter das Wort "weglesen" begegnet. Es stand in einer Rezension einer sogenannten ­Qualitätsautorin und war durchaus positiv gemeint. Tatsächlich wollte man mir sagen, dass der Roman mich nicht zu mühsamem Nachdenken zwinge und daher keine stockende und zeitaufwendige Lektüre sei. Dass so was heutzutage auch schon ein Kompliment ist, gibt allerdings doch zu denken. Ein andermal.
Es bleibt eine zwielichtige Vokabel. Leute wie ich, die als Verleger oder Autoren für die ständige Vermehrung von Büchern sorgen, sind ja nicht die Einzigen, die immer mal wieder in die Situa­tion kommen, dass sie sich fragen (müssen), wohin damit, wenn sie sich durch einladende Rezensionen zum Kauf neuer Bücher haben verführen lassen. Es trifft alle, für die das E-Book keine Lösung ist, weil sie sich unter Buch und Lesen etwas anderes vorstellen als das, was beim Musik hören oder Kochen längst selbstverständlich ist: das Herumdrücken oder -wischen auf elektronischen Apparaturen.
Für mich jedenfalls gehört Lesen und also Blättern immer noch zu ähnlich altmodischen Verrichtungen wie Gehen, Duschen oder Schlafen (inklusive so analoger Beschäftigungen wie Denken, Sinnen oder Träumen). Wahr aber ist, dass mir die Buchhändlerin mit den Büchern nicht gleichzeitig ein, zwei Regalmeter verkaufen kann, sodass die Vorstellung, dass die Bücher nach dem Lesen aus der Realwelt verschwunden sind, durchaus etwas für sich hat.

Wohin mit den Enttäuschungen? 
Natürlich bilde ich mir ein, dass ich mich nur zum Kauf solcher Bücher entschließe, die das Aufheben wert sein werden, aber von wegen! Lesen heißt ja immer auch: sich auf eine mögliche Enttäuschung einlassen, sodass man am Ende nicht nur wünscht, das Buch nie in die Hand genommen zu haben, sondern, dass es nie produziert und angeboten worden wäre.
Ja, Bücher sind auch Dinge, die fallweise einen Teil unserer Welt verstopfen, und insofern hat die Idee, dass man Bücher durch Lektüre zum Verschwinden bringen kann, auch etwas Verlockendes, denn was wir herzlos jeden Morgen mit der Zeitung von gestern machen, fällt uns bei Büchern sichtlich schwer. Umzüge sind unbeliebte Gelegenheiten, sich "endlich" von dem einen oder dem anderen, darunter auch Bücher, zu trennen, aber auch das gelingt nicht immer. Ich entsinne mich, wie ich bei der letzten Gelegenheit gerade mal einen einzigen Goldmann-Krimi aus den 60ern in der Hand hatte, um ihn wegzuschmeißen. Ich habe ihn heute noch.
Als Umberto Eco starb, hielt ich kurz die "Rose" in der Hand und überlegte, ob ich sie jetzt vielleicht nicht doch mal lesen sollte, aber dann stellte ich das Buch doch wieder ins Regal. Ich hatte es seinerzeit gekauft, weil alle davon redeten, und dann war das genau das, was mich davon abhielt. Die (un)beliebte Frage "Haben Sie das auch alles gelesen?" muss jeder Buchkäufer aus Leidenschaft mit "Nein" beantworten, und vieles davon wird auch ungelesen bleiben. Aber ist es nicht ­gerade das, was im Leben noch auf unsere Wahrnehmung wartet, ein Zukunftsversprechen und Teil der Geheimnisfülle unseres Daseins?

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