Jugendbücher über Bodyshaming und Mobbing

Hasstiraden

Viele Teenager in der westlichen Welt leiden an Komplexen wegen ihres Körpers, werden gemobbt und erleben bewussten oder unbewussten Rassismus. Was haben Jugendbuchautoren von den großen Tabuthemen der westlichen Gesellschaften zu berichten? NICOLA BARDOLA

© © Antonioguillem / fotolia

Als Teenager litt sie an Über­gewicht und starker Akne, im Studium wurde die erst spät zu Weltruhm gelangte Sängerin Janis Joplin von wenig sensiblen Kommilitonen zum hässlichsten Mann (sic!) gewählt: Ihren Jugendroman "Die Königin der Würstchen" (Carlsen, 288 S., 16,99 Euro, ab 14) beginnt die 1989 geborene Autorin Clémentine Beauvais mit einer his­torisch verbürgten Mobbing-Aktion, die sich lange vor Erfindung der vermeintlich sozialen Medien ereignete. Beauvais schreibt in ihrem Buch voll überbordendem Humor von drei Schülerinnen im Osten Frankreichs, die in ihrer Stadt zur "Wurst des Jahres in Gold, Silber und Bronze" gekürt werden. Mireille, die 15-jährige Ich-Erzählerin, setzt auf Facebook ein "Gefällt mir" hinter die boshafte Beschreibung ihres Äußeren. Sie ist frech, witzig und ironisch. Gemeinsam mit den beiden anderen Preisträgerinnen sucht sie nach einem sinnvollen Weg, wie sich mit der "Ehrung" umgehen lässt. Während einer Reise "per pedal" nach Paris (Mireille sucht Kontakt zu ihrem leiblichen Vater) gelingt es den drei Mädchen, mithilfe der Medien nicht nur den Hässlichkeitswettbewerb zu diskreditieren, sondern darüber hinaus auch die Initiatoren –was spannend und zugleich lehrreich erzählt wird.

Schamgefühle in Bezug auf das eigene Aussehen können viele Ursachen haben. Alyssa Sheinmel schildert in ihrem Roman "Faceless" (Hanser, 352 S., 18 Euro, ab 14) das Schicksal der leidenschaftlichen Läuferin Maisie, die nach einem Unfall, der sie vollkommen entstellt, ein Gesichts­implantat bekommt. Doch das neue Gesicht ist Maisie vollkommen fremd, "wie von Picasso gemalt". Sie hat Angst, sich damit zu zeigen, ist wütend und trifft damit all die Menschen, die sie eigentlich liebt. Ihr Freund bleibt aus Mitleid bei ihr und in der Schule wird sie wie ein Mons­ter behandelt, manchmal behandelt sie sich selbst wie eines. Aufgrund der Medikamente kann Maisie nicht mehr laufen, ihr Lebensmut bleibt auf der Strecke. Erst therapeutische Hilfe und die Erfahrung, dass sie von Menschen, die sie vor dem Unfall nicht kannten, akzeptiert wird, macht ihr Hoffnung – und gibt ihr eine Identität zurück.

In Deborah Froeses Roman "In meiner Haut" (Gulliver, 328 S., 8,95 Euro, ab 14), bereits 2004 erschienen, liegen die Dinge ähnlich: Dayle, ein erfolgreicher und zufriedener Teenager, erleidet schwere Brandverletzungen und muss akzeptieren, dass sie äußerlich nie mehr so sein wird wie früher. Sensibel und mit dem nötigen Ernst geschrieben, eine echte Backlist-Perle!

Das sogenannte Bodyshaming kommt auch in zahlreichen weiteren Novitäten zur Sprache, etwa in Transgender-Romanen. Autorin Meredith Russo ist eine Transfrau und beschreibt in "Als ich Amanda ­wurde" (dtv junior, 304 S., 10,95 Euro, ab 14), wie sich Andrew in ein attraktives Mädchen verwandelt, das erst durch ­einen Wohnortwechsel dem Mobbing durch Mitschüler entkommt. Protagonistin Amanda beginnt in ihrem neuen Körper ein neues Leben, verliebt sich, traut sich aber nicht, ihrem Freund von ihrer Vergangenheit, von ihrem alten Körper zu erzählen.

Auch in Serien, in denen man das Thema Bodyshaming nicht vermuten würde, taucht es variantenreich auf: Im zweiten Band "Demon Road. Höllennacht in Desolation Hill" (Loewe, 448 S., 19,95 Euro, ab 14) von Derek Landy kämpft die Protagonistin nicht nur gegen Dämonen, sondern auch gegen ihre eigene Unsicherheit. Sie fühlt sich unscheinbar, pummelig und einfach nicht wohl in ihrer Haut. Als sie deshalb angepöbelt wird, entwickelt sie durch die Emotionen, die in ihr hochkochen, erstmalig dämonische Kräfte. Später verwandelt sie sich in eine Dämonin, sie fühlt sich attraktiv, selbstbewusst, bekommt viel positive Resonanz – ein Scheindasein, das sie aber nicht glücklich macht. Doch dann entspinnt sich eine Liebesgeschichte, in der die Heldin zum ersten Mal so angenommen wird, wie sie ist – ob mit oder ohne dämonischer Macht.

Die Verlage feilen gerade an weiteren Titeln rund um das jugendliche, schambesetzte Körpergefühl – darunter der Roman "Dumplin'" (FJB, Frühjahr 2018, ca. 400 S., ab 14). Die US-amerikanische Autorin Julie Murphy beschreibt darin, wie Selbstzweifel entstehen. Hauptfigur ist die übergewichtige Willowdean, die sich in ihrem Körper trotz der Pfunde immer wohlgefühlt hat. Auch dank ihrer besten Freundin Ellen, die eine perfekte Figur hat, wird sie akzeptiert und respektiert. Als sie sich aber in Bo verliebt und ihre Liebe erwidert wird, beginnt sie plötzlich, sich kritisch zu sehen. "Ein starkes, hoch­gradig identifikatorisches Buch über den Mut, sich nie von den Erwartungen anderer aufhalten oder einschränken zu lassen", meint FJB-Lektorin Inga Lichtenberg. Das Buch stand auf der Bestseller­liste der "New York Times" ganz oben – und die Verfilmung läuft, mit Jennifer Aniston in der Rolle der Mutter.

Lesenswerte Jugendbücher zur Körper­wahrnehmung sind nicht selten Steadyseller. Dazu gehört "Tote Mädchen lügen nicht" (cbt, 288 S., 8,99 Euro, ab 13) von Jay Asher. Hier ist die Protagonistin ­Hannah allerdings sehr attraktiv – und wird deswegen sexuell belästigt. Sie wird nicht wegen des dicksten Hinterns verspottet, sondern wegen des schönsten auf einer Hitliste gepriesen – auch das eine zweifelhafte Ehre. Der Roman war 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Zurzeit sorgt die Verfilmung für Aufsehen: Psychologen warnen davor, dass die TV-Serie für Suizidgefahr bei Jugendlichen sorgen könne.

Auch in Vivian Siobhans 2015 erschienenem Roman "Nur eine Liste" (Ravensburger, 416 S., 8,99 Euro, ab 14) wird an der Highschool von Mount Washington jährlich eine Rangfolge der hübschesten und hässlichsten Mädchen veröffentlicht – mit fatalen Folgen.

Um Identitätsfindung und Selbstzweifel geht es ebenfalls in Angie Thomas' "The Hate U give" (cbt, 512, 17,99 Euro, ab 14). Die privilegierte Starr muss miterleben, wie weiße Polizisten einen Freund bei einer Routinekontrolle erschießen. Das Romandebüt, das die "New York Times"-Charts stürmte, füllt die eskalierende Kontroverse um Alltagsrassismus  in den USA ("Black lives matter") mit Leben – ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu wedeln. Gerade war die Autorin in Deutschland auf Lesereise, das Buch soll verfilmt werden. Viele Kritiker handeln den Jugendroman als das vielleicht wichtigste Jugendbuch des Jahres.

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