Lesetipp: "Der Spiegel" vom 8.12.2014

Was Lesen in Zukunft bedeutet

Verschwindet die Lesekultur, wie wir sie kennen? Nehmen uns computergesteuerte Brillen künftig die Leseleistung ab? Wird es überhaupt noch vertieftes Leseverständnis geben? Der aktuelle "Spiegel" hat für seine Titelgeschichte "Lesen und lesen lassen" mit Experten für Künstliche Intelligenz, Hirnforschern, Lehrern, Verlegern und Buchhändlern gesprochen.

Noch wie Science Fiction mutet das Gerät an, das Professor Andreas Dengel vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in dem Artikel vorstellt: Eine prozessorgesteuerte Brille namens "SMI Eye Tracking Glasses", die die Augenbewegungen des Lesers verfolgt und bei Bedarf auf den inneren Monitor vor dem Auge des Lesers Worterklärungen, Infografiken oder 3-D-Bilder einblendet. "Lesen mit allen Sinnen" nennt Dengel das Zukunftskonzept.

Grundsätzlich müsse man in Zukunft zwischen zwei Wegen, Texte zu lesen, unterscheiden: Elektronisches Lesen und Lesen auf Papier – wobei die Unterschiede nicht so gravierend sind, wie zunächst vermutet. Der "Spiegel" zitiert hier eine (umstrittene) Lesestudie der Universität Mainz aus dem Jahr 2013, die unter anderem ergab, dass digitale Texte ähnlich gut verstanden würden wie gedruckte. Es müsse allerdings ein höherer Grad an Aufmerksamkeit aufgewendet werden.

Ein Problem sei die Textmenge, mit der man im Internet überflutet wird, so der "Spiegel". Hier stellt sich die Frage nach neuen Strategien und Techniken, die das Lesen beschleunigen und effizienter gestalten. Radikal erscheint der Versuch des Maschinenbauers Maik Maurer: In seiner Lösung namens "Spritz" laufen die Buchstaben am Auge des Lesers vorbei – eine Lesestrategie, die aber vor allem für Gebrauchstexte in Frage kommen könnte.

Doch Lesen heißt mehr als Scannen oder "Skimmen" (Abschöpfen). Für das "tiefe" Lesen ("deep reading") führt der Artikel nicht nur die Erkenntnisse der Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf an, sondern auch die Erfahrungen eines Hamburger Gymnasiallehrers, der in seinem Unterricht die Fähigkeit zum einem vertieften Leseverständnis fördert. Es geht ihm, wie auch Verlegern und Buchhändlern, um die Verteidigung von Rückzugsräumen, in denen konzentrierte Lektüre möglich ist – und nicht an den Rand gedrängt wird.

Dass die Lesekultur nicht untergeht, kann man in Buchhandlungen besichtigen: Die "Spiegel"-Autoren haben die Buchhandlung Christiansen in Hamburg-Ottensen besucht. Dort kann man in Ruhe in (gedruckten) Büchern schmökern, aber auch E-Books für den Reader kaufen. Oder sich mit anderen Besuchern bei einer Lesenacht einschließen lassen. Für Inhaberin Nicole Christiansen gilt: "Lesen bedeutet Begegnung" – eine Erfahrung, die vollkommen formatunabhängig ist.

 

 

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2 Kommentar/e

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  • Anja

    Anja

    "Lesen mit allen Sinnen"? Also riecht und schmeckt man die Buchstaben beim Lesen? Oder seit wann gehören Infografiken und 3-D-Brillen zu den "Sinnen"? Wie kann man nur so unreflektiert schreiben?

  • Bibliothekarin

    Bibliothekarin

    Ausführliche Kritik am Spiegelartikel durch den Bibliothekswissenschaftler Ben Kaden: http://libreas.tumblr.com/post/104691263601/zukunf t-des-lesens

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