log.os

Was lange währt ...?

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse ist es so weit: Die Leseplattform Log.os startet offiziell im Web und als App für iOS und Android. Ein Besuch in Berlin. KATHARINA GRöGER

Volker Oppmann

Volker Oppmann © Tobias Tanzyna

Mitten in einem Berliner Co-­Working-Space liegen die Geschäftsräume von log.os. Beim Interviewtermin mit Volker Oppmann, log.os-Gründer und -Geschäftsführer, und Marcus von Jordan, Geschäftsführer des Haupt­investors, der August Schwingenstein Stiftung, geht es genauso cool und lässig zu, wie man sich das bei einem Berliner Start-up so vorstellt: Das Gespräch findet im Hof statt, wo geschäftiges Treiben herrscht. Außerdem stehen an diesem Nachmittag noch ein Fototermin und das Sommerfest auf dem Plan. Eine Mitarbeiterin unterbricht das Gespräch kurz – mit der Ankündigung, dass später noch eine Branchenkollegin zum Grillen vorbeikommt und ihre Mitarbeiter mitbringt.

Idealisten
Schnell wird jedoch deutlich, dass sich log.os mit seinen mittlerweile 15 Mitarbeitern nicht in die gängigen Gründer-Klischees pressen lässt. Bereits nach den ersten ­Gesprächsminuten gibt sich Volker Oppmann als Idealist zu ­erkennen: "log.os ist von Anfang an als Sozialunternehmen konzipiert. Wir sind kein klassisches Start-up, das schnelles Geld verdienen will – wir möchten eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung herbeiführen. Natürlich müssen wir auch Geld verdienen, aber das ist nur ein Mittel zum Zweck, kein Zweck an sich."

Während im Printbereich eine große Diversität in der Buchhandelslandschaft herrsche, seien Leser und Verlage digital von vier großen Konzernen abhängig: von Amazon, Apple, Google und der Tolino-Allianz. Marcus von Jordan ergänzt: "Für die Verlage stellt log.os einen unabhängigen Marktzugang dar, der gleichzeitig bedeutet, sich nicht mehr den Restriktionen der Konzerne zu unterwerfen."

Bereits jetzt steht fest, dass der Verkauf von Kundendaten und Reichweite nicht infrage kommt. Im integrierten Shop können Nutzer E-Books erwerben, an denen log.os, dem klassischen Verteilmodell 70:30 entsprechend, mitverdient. Etwaige Überschüsse werden nicht ausgeschüttet, sondern reinvestiert. 

Startschuss  
Bisher war der Nutzerkreis durch eine Private Betaversion im Web beschränkt. Das wird sich zur Frankfurter Buchmesse ändern, wenn das Berliner Unternehmen die erste Produktgeneration vorstellt. Dann wird sich zeigen, ob das Konzept auf www.logos.social und via App für iOS und Android aufgeht. Die Macher selbst bezeichnen log.os als Lesemaschine, die dem Nutzer ein umfassendes Leseerlebnis bieten soll. Konkret sieht das so aus: Jeder Nutzer besitzt ein individuelles Profil und eine eigene Timeline und kann mit Freunden über Literatur diskutieren, in anderen Bücherregalen stöbern und nicht zuletzt Bücher kaufen und verschenken. Momentan ist das Angebot noch auf Belletristik beschränkt, doch es soll zukünftig um journalistische und wissenschaftliche Inhalte erweitert ­werden. In späteren Versionen soll auch das Einpflegen bereits gekaufter E-Books möglich sein. 

Der Diskurs wird so von einer abstrakten Ebene direkt ins Buch geholt. Die Diskussion wird in der Marginalspalte der entsprechenden Textstelle zu finden sein und in der Timeline gespiegelt. Ein Klick auf den in der Timeline angezeigten Kommentar führt andere Nutzer wiederum an die entsprechende Stelle direkt ins Buch. Darüber hinaus zeichne sich log.os durch den verantwortungsbewussten Umgang mit Daten aus, so Oppmann. Alle Nutzer haben Kontrolle über ihre Daten und es gibt keinen vorgefertigten Algorithmus. Die Community sieht nur, was dort bewusst geteilt wird. 

Aktuell ist der Katalog über die Aggregatoren Bookwire und Libreka! angeschlossen. Später soll es auch einen Direktzugang für Selfpublisher geben. Der E-Book-Shop von log.os ist eine ­Eigenentwicklung und soll zukünftig über Direktverträge mit den Verlagen bespielt werden. Heimspiel für Oppmann, der hier von seinen weitläufigen Branchenkontakten durch seine Zeit bei Textunes, Thalia und der Tolino-Allianz profitiert. Gleichzeitig steht log.os unter Zugzwang, denn die Verlage warten auf das Produkt und wollen Sicherheit. Daher wird nun getestet: ­Metadatenschnittstellenanbindung, Take-Down-Notices sowie Leseprobentracking.

Marcus von Jordan

Marcus von Jordan © Tobias Tanzyna

Investoren  
Das Feedback aus der Branche ist gut, doch nach der Starthilfe der August Schwingenstein Stiftung sowie der Buchhandlung Ravensbuch und der Verleger Till Weitendorf und Jonathan Beck müssen weitere Investoren her. Marcus von Jordan ist optimistisch: Man habe log.os als Social Investment unterstützt, weil man von der Idee überzeugt sei. Er ist sich sicher, dass mit der Produktreife nun auch andere Inves­toren aufwachen und erkennen, welche Vorteile log.os bietet. Der Erwartungsdruck ist hoch und dem log.os-Team bewusst. Seit 2013 wird das Projekt immer wieder in den Branchen­medien disktutiert und vorgestellt, bisher als abstrakte Idee. Jetzt wartet die Branche auf konkrete Ergebnisse. Marcus von Jordan zeigt sich gelassen: "Relevante Veränderungen im Digitalmarkt passieren nicht mit Druck, sondern weil man einen Unterdruck erzeugt, der Raum für Kreativität schafft." 

Zukunftsmusik  
Der aktuelle Stand der Dinge lässt sich im hauseigenen Blog nachlesen unter blog.logos.social/. Neuigkeiten gibt es viele: Um die technischen Anforderungen an der Plattform in Eigenregie umzusetzen zu können, hat sich log.os für die Gründung einer Tochterfirma in Indien entschieden, auf Anraten von Kiran Pasavedala, Chief Operating Officer. "Unabhängig von dem finanziellen Aspekt war es uns wichtig, das technische Know-how im Haus zu haben", erläutert Oppmann: "Durch Kiran hatten wir Verbindung zu Entwicklern in Indien. Giganten wie Google zeigen, dass die Zukunft der IT nicht in Europa, sondern in Asien liegt. Somit war die Gründung einer Tochterfima dort nur konsequent." Gleichzeitig arbeitet log.os am Aufbau eines indischen Vertriebsteams mit Fokus auf den Bildungsmarkt.

Um das ehrgeizige Projekt umzusetzen, konnte log.os sich eine Finanzierung in Höhe von über einer halben Million Euro bis Ende des Jahres sichern. Dank aller Investoren ist der Launch der Plattform zur Frankfurter Buchmesse möglich. Für Marcus von Jordan ist die Investition in log.os gleichzeitig eine Investition in die Gesellschaft, denn diese achte heute in vielen Lebensbereichen auf Nachhaltigkeit, nur beim Medienkonsum nicht. Selten würden zum Beispiel die Produktions- und Vertriebsbedingungen medialer Inhalte hinterfragt.

Das Unternehmen log.os sucht innerhalb der Buchbranche nach neuen Wegen. Verlage können die Plattform auch für Marketingzwecke nutzen, allerdings kostenlos, damit alle Marktteilnehmer die gleichen Chancen besitzen. Besonders die kleinen Häuser dürften somit hoffen, dass log.os auch ohne ­riesiges Marketingbudget zur Frankfurter Buchmesse eine möglichst breite Nutzerschaft erreicht und weitere Investoren für sich gewinnen kann. 

Eine kurze Entstehungsgeschichte

März 2013
Gründung des Log.os
Fördervereins durch Volker Oppmann, um Unterstützer für die Idee zu finden

Mai 2015
Gründung der Log.os GmbH & Co. KG. Hauptinvestor: die August Schwingenstein Stiftung, die Medienprojekte unterstützt
log.os startet als GmbH & Co. KG
August Schwingenstein Stiftung investiert in log.os

September 2015
Die Ravensburger Buchhandlung Ravensbuch wird Gesellschafter 
RavensBuch wird Gesellschafter bei log.os

Oktober 2015
Start der Closed-Beta-Phase mit 120 Testern
Private Beta von log.os gestartet

Dezember 2015
Eintragung der Log.os India Private Limited unter der Leitung von Kiran Pasavedala und Naresh Uppada

Mai 2016
Till Weitendorf, Geschäftsführer der Verlagsgruppe Oetinger, und Beck-Verleger Jonathan Beck werden neue Gesellschafter
Till Weitendorf und Jonathan Beck neue log.os-Gesellschafter

Oktober 2016
Start der Plattform unter www.logos.social und als App für iOS und Android
Benötigte Investition 2017: eine Million Euro

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