Malu Schrader über die Erfordernisse des Weihnachtsgeschäfts

Der Charme des Irrsinns

Malu Schrader hat erst zwei Weihnachtsgeschäfte im Buchhandel hinter sich. Trotzdem ist ihr gleich klar geworden: Ohne Rituale lässt sich die Anspannung der Adventswochen nicht aushalten.

Malu Schrader

Malu Schrader © Julia Zimmermann

Es gibt da dieses Wort mit W, das allen Buchhändlern einen Schauer über den Rücken laufen lässt, einen wohligen oder einen eiskalten, wahrscheinlich aber einen wechselwarmen: das Weihnachtsgeschäft. Ich Quereinsteigerin bin nun beileibe noch keine alte Häsin – erst zwei Weihnachtsgeschäfte liegen hinter mir, ich befinde mich also eindeutig noch in der Phase des Weihnachtsmuskelaufbaus – aber der gewisse irre Charme dieser Zeit hat sich mir gleich vermittelt.

Wie also nun die Sache angehen, damit man diesen wohligen Irrsinn überlebt, ohne selbst komplett irre zu werden? (Komplett irre deshalb, weil ich glaube, dass ein bisschen irre zuträglich und außerdem unvermeidlich ist. Bleiben wir also realistisch.)

Ich glaube, die Lösung lautet: Spaß und vor allem – Rituale. Das Paradoxe: Je irrer sie sind, desto besser scheinen sie gegen den großen Irrsinn zu helfen. In der ersten Buchhandlung, in der ich arbeitete, hatten wir dieses Kinderbuch, das über eine Palette von fünf oder sechs Weihnachtsgeräuschen verfügte ("Ho, ho, ho!", "Jingle Bells" – Sie wissen schon). Der Versuchung, im Vorbeigehen hin und wieder eine der Tasten zu drücken – gern in unpassenden Momenten –, konnte über den Tag niemand von uns widerstehen. Das war wahrscheinlich nur für uns als Running Gag witzig, der Spannungsentladung aber sehr zuträglich. Danach packt es sich gleich viel beschwingter die nächsten 20 Weihnachtsgeschenke ein.

Neues Ritual im neuen Laden: Die Kollegen haben da so einen Verkleidungsfimmel. Das betrifft vor allem die neuralgischen Superstresstage, die Samstage. Pullover mit Weihnachtsmännern, Ohrringe mit Geschenkpäckchen, Rentier-Haarreifen – es wird nichts ausgelassen (na gut, doch: alles, was blinkt). Im letzten Jahr kam ich mit ein paar Miniatur-Weihnachtskugeln am Namensschild davon – geben Sie mir noch ein, zwei Jahre, und ich werde meinen paillettenbesetzten Tannenbaum-Pulli so selbstverständlich tragen wie alle anderen auch.

Außerdem an Adventssamstagen unverzichtbar: die selbst gemachten gebrannten Mandeln meiner Kollegin. Mit ihnen werden wartende Frauen, Männer und Kinder besänftigt (für Hunde haben wir was anderes da). Außerdem können wir damit die eigenen Nerven beruhigen und den Magen auch, wenn es mal wieder länger dauert bis zur Pause.

Ansonsten nehme ich mir eine Kollegin zum Vorbild, die es tatsächlich schafft, vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts alle ihre Geschenke zusammen zu haben – eine Maßnahme, die mir sowohl wahnsinnig klug als auch wahnsinnig unerreichbar erscheint. Aber ich kann mich ja langsam steigern. Wenn ich dieses Jahr ein Geschenk vorher parat habe, bin ich schon besser dran als letztes Jahr (realistische Ziele, siehe "nicht komplett irre werden").

Sehr beeindruckt hat mich im vergangenen Jahr ein weniger irres als vielmehr sehr schönes Ritual: der Chor aus Familie und Freunden, der immer am 24. Dezember im Buchladen ein paar Weihnachtslieder singt. Dann ist auch für uns Weihnachten fast da, und wir können uns allmählich dem nächsten wohligen Irrsinn zuwenden: dem Weihnachtsabend. Mit der Familie. Irre.

Und mit welchen Ritualen halten Sie sich im Weihnachtsgeschäft aufrecht? Schreiben Sie uns unter boersenblatt@mvb-online.de.

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