Necla Kelek gratuliert Helge Malchow

"Authentisch, unaufgeregt, charmant"

Helge Malchow, Verleger von Kiepenheuer & Witsch, wird heute, am 21. Mai, 60 Jahre alt. Autorin Necla Kelek hält das zwar für ein Gerücht, gratuliert aber trotzdem.

Als sich Helge Malchow vor sechs Jahren entschloss, meine Untersuchung über Importbräute und Zwangsheirat mit dem Titel »Die fremde Braut« zu verlegen, kannte er mich nicht. Er hatte das Exposé und einige Kapitel zu lesen bekommen und reagierte als erster prompt und unmittelbar: "Das ist ein wichtiges Thema. Das machen wir."

Als politischer Verleger wusste er also, worauf er sich einließ, und dass er sich womöglich mehr Ärger als Anerkennung einhandeln oder auf völliges Unverständnis treffen könnte. Für Schilderungen von Migrantenproblemen gab es keinen "Markt". Seit Salman Rush­dies "Satanischen Versen" wusste er auch, dass einige Leute nicht mit Humor und Diskussionsfreude, sondern mit Aggression auf Kritik an einer bestimmten Religion reagieren. Es kam, wie der Verleger es gespürt hatte: Das Buch wurde "das" Buch zum Problem, ich bekam Anerkennung und den entsprechenden Ärger, der Verlag machte Auflage.

Das Entscheidende an unserer weiteren Zusammenarbeit war aber nicht, dass Helge Malchow mich oft bei den angenehmen Dingen wie Lesungen und Preisverleihungen begleitete, sondern dass er vor allem dann da war, wenn es Ärger gab und ich seine schützende Hand brauchte. Denn nicht allein eine Autorin braucht Mut, auch ein Verleger muss bereit sein, für das, was er in sein Programm aufnimmt, politische Verantwortung mitzutragen.

Die Themen meiner Bücher sind kontrovers und führen hinter den Kulissen des Literaturbetriebs zu einem Hauen und Stechen. Das Internet wird zur anonymen Dreckschleuder. Manchmal braucht man Anwälte und Trost und manchmal einfach eine Handy-Nummer, an deren anderen Ende nicht nur die Mailbox anspringt, sondern der Verleger drangeht, zu jeder Tageszeit.

Gelegentlich habe ich mich gefragt, ob der Verlag Kiepenheuer & Witsch auch noch andere Autoren als mich verlegt, wenn der Verlag mir wieder einmal als eine große Arbeitsgemeinschaft erscheint, die nichts Wichtigeres zu tun hat, als Necla Kelek zu unterstützen. Anderen soll es ähnlich gehen. Ich habe dort mit Lutz Dursthoff einen Lektor, der einem die Angst vor dem eigenen Text nimmt, mit Gaby Callenberg, Eva Betzwieser, Reinhold Joppich und all den anderen eine Verlagsfamilie, der Helge Malchow als Primus inter Pares vorzustehen scheint. Nur ist er lange nicht so ein Patriarch wie es einst Siegfried Unseld gewesen sein soll, kein Purzelbaum schlagender Ledig-Rowohlt und kein Weltbürger wie Michael Naumann. Helge Malchow aber ist ein ebenso bedeutender Verleger wie diese drei. Er hat das intellektuelle, politische Gespür für Bücher, er hat Fortune und die Gelassenheit des Mutigen.

Es wird ja immer wieder geklagt, der Verlagsbranche würden die charismatischen Verleger ausgehen, und ihre Stellen würden mit seelenlosen Managern besetzt, die nichts anderes im Kopf haben als Absatz und Rendite. Ich habe das große Glück, einen Verleger zu haben, der authentisch, politisch, unaufgeregt und charmant ist. Er sieht gut aus, kennt sich aus, hat Erfolg und gute Laune. Dass er am 21. Mai 60 Jahre alt werden soll, halte ich allerdings für ein Gerücht.

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